Privatsprechstunde Dr. Krise

„Muss man eigentlich Arzt gehen mit Messerstich, Frl. Krise?“ fragt mich Gülten.
Ich trage gerade in die Anwesenheitsliste ein, wer schon wieder  fehlt und bin nicht so ganz bei der Sache.
„Fr. Krise, muss man eigentlich Arzt gehen mit Messerstich in Bein?“ wiederholt sie ihre Frage lauter.
Die anderen Schüler setzen sich gerade unter großem Getöse  in einen Kreis (von elfen sind wieder nur acht da, wie sollen wir da jemals ein Theaterstück aufführen, wenn die so unregelmäßig kommen?) und die Frage erreicht erst mit Verzögerung mein Innenohr, flitzt über den Hörnerv zum Gehirn und löst dort eine kleine Irritation aus.
Messerstich? Bein? Arzt?
Sofort nachfragen! befiehlt das Gehirn und seufzend klappe ich mein Kursheft zu.
„Wie jetzt, Messerstich, Gülten?“
„Ach, nichts, „sagt Gülten, „ ich dachte nur so…“
„ Gülten meint, ob Firat…äh…ich mein’…ob man Arzt gehen muss bei Messerstich in Bein!“ wiederholt Abdallah, als ob ich völlig plemplem wäre und zieht Fatma an den Haaren.
„Frl. Krise, sagen sie was! Immer macht er so“, kreischt Fatma und schlägt mit ihrem Pappordner auf Abdallah  ein.
„Hört doch mal auf jetzt! Bin ich hier Kindergarten? Hast du einen Messerstich, Firat? Los, sag!“
Firat windet sich noch ein bisschen, dann reden auf einmal alle durcheinander.
„Hochzeit… „voll Blut,“…“Messer“… „ essen“ .. „mit Nüsschen“ … „in Klo….“
Ich verstehe nur Bahnhof.
Ach, könnte ich nicht freitags in der siebten und achten Stunde  einfach nur mal eine ruhige gemütliche Theaterprobe haben… ?

Schließlich erzählt Firat: „Also, wir waren Hochzeit von mein Kuseng. (Von wem sonst?) Und da hab ich ein Junge mit Essen geworfen.“
„Hä?“
„ Ich hab ihn mit so Essen geworfen, mit so Nüsschen. Danach er hat gesagt, lass das, du
Knecht, danach ich hab ihn noch mal geworfen, danach noch mal, danach er hat mir in das Bein gestochen. Hier!“
Er zeigt auf den Oberschenkel kurz über dem Knie.
„ Mit dem Steakmesser oder wie…“ frage ich ungläubig.
„Nein! Frl. Krise! Abo, mit SEIN Messer! MESSER !!! Wie jeder Mann hat!“
„Mein Mann hat keins!“ werfe ich ein.
„Ja, IHR Mann!“ Aynur rollt die Augen.
„Und dann? Hat das geblutet?“
„Ja, hat. Ich bin Klo gegangen und hab Blut abgewaschen und so.“
„Hat das denn keiner von den Erwachsenen mitbekommen?“
„Nö, war ja nicht so schlimm!“
„Firat!“ Ich bin erschüttert… andererseits…soll ich das glauben?
„Zeig mir mal die Wunde!“
„Soll ich Hose ausziehen?“ Firat greift schon zum Gürtel und die Mädchen kreischen schrill auf.
„ Nee, zieh mal das Hosenbein hoch,“ schlage ich vor, aber das geht nicht, die Hose ist zu eng.
„Die Wunde ist schon wieder gut,“ sagt Firat, „fühlen Sie mal durch die Hose.“ Ich fühle ein Pflaster. Die Berührung scheint ihm nicht wehzutun.
„Ist das entzündet? Und überhaupt: Hast du eine Tetanusimpfung?“ frage ich.
„Keine Ahnung,“ sagt Firat, „ach, nicht so schlimm, ist nicht entzündet, heilt schon zu, war ja schon letzte Woche…..!“
Na, ich weiß nicht…
“War nur kleiner Stich“, versichert er.
„Hast du den Typ angezeigt? Wissen deine Eltern Bescheid?““
„NEIN! Wieso das? War doch nicht so schlimm…!“
Mehr kriege ich nicht raus.
Die Probe konnte man übrigens knicken….

Jetzt hab ich ein ETWAS ungemütliches Gefühl. Müsste ich seine Mutter anrufen? Oder seinen Vater? (Die leben getrennt!) Deren Telefonnummern habe ich sowieso nicht.
Firat ist ja nicht in meiner Klasse…Seine Klassenlehrerin ist auch nicht zu Hause,  habe ich schon versucht anzurufen.

Ich koch mir jetzt erst mal einen Kaffee. Und hoffentlich gibts heute abend keinen Pathologiekrimi  im Fernsehen…..

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19 Antworten zu Privatsprechstunde Dr. Krise

  1. Zur Gewissensberuhigung: Wenn es ne Woche her ist dürfte das Schlimmste schon vorbei sein vermute ich. Hätte es sich entzündet, dann doch wahrscheinlich vorher. Bin aber kein Arzt.

    Erstaunlich, diese Selsbtverständlichkeit bezüglich des Messers. Lässt einen ja vermuten, dass einige der Schüler auch was dabei haben.

  2. fraufreitag schreibt:

    frl krise, also ispektor freitag sagt: 1. klassenmutti verständigen, die soll mama anrufen, die soll arzt gehen und der muss meiner meinung nach die polizei verständigen. ist glaube ich so, wenn waffen (auf männer messer ist waffe) im spiel waren. und das ist auch richtig so. wo kommen wir denn da hin…wo sind wir denn – im wilden kurdistan??? und jetzt erst mal schönes wochenende. ruf mich an. liege auf couch.

  3. theomix schreibt:

    Ist doch schon ein Ansatz. Das Theaterstück ist dann eben die nachgestellte Hochzeit. Aber ohne echtes Messer!

  4. ichbineineinsel schreibt:

    „MESSER!!! Wie jeder Mann hat!“ Lol. Unglaublich.
    Hoffentlich ist es nicht schlimm. Irgendwer hätte doch sicher etwas bemerkt, wenn bei der „Messersticherei“ viel Blut geflossen wäre. Furat hätte dass doch sicher lautstark, mitgeteilt, oder?

  5. MissPorcelain schreibt:

    Brechts Mecki Messer kennen die wohl icht…

  6. Christiane schreibt:

    Also ich lese hier ja schon seit einiger Zeit eher still mit und komme aus einer Gegend, wo wir es echt nicht so klasse finden, dass die kids im 8. Schuljahr keinen Fahrradhelm mehr tragen wollen (also recht behütet und heile Welt bzw. heiles Dorf ;O) und so!) aber ich frage mich doch jetzt langsam ernsthaft, ob man Ihnen Gefahren- oder Erschwerniszulage oder sowas zahlt, ich wäre jedenfalls dafür! Muss aber auch zugeben, dass meine Kinder auch gerne mal ein Taschenmesser dabei haben, genau wie meine Brüder und ich früher und bislang vollkommen „Messerstecherei- frei“!!!

  7. Knut schreibt:

    Toll, was für eine „messerscharfe“ Kultur wir uns da ins Land geholt haben. Gut, die Kinder können nichts dafür, die lernen es eben so kennen. Aber die Eltern! Muss jetzt erst die Schule vermitteln, dass es in Deutschland eben nicht „normal“ ist, dass jeder Mann/Junge ein Messer mit sich führt?

  8. fraufreitag schreibt:

    was ist denn hier los? schwänzen Sie blog am wochenende?

  9. Silberaugen schreibt:

    Ich muss zugeben das ich die Tatsache das Jungs/Mädels ein Taschenmesser haben nicht so erschreckend finde. Bei uns war es auch üblich das die Jungs ein Taschenmesser haben, bzw. die Männer. Wenns noch ein verziertes dazu war – Woah!

    Aber das gilt immer noch als Arbeitsgerät.
    Klar, sowas im Streit gezückt gehört sich einfach nicht – aber jedes Küchenmesser ist 5x gefährlicher als ein Taschenmesser…

    Silberaugen,
    ~hat auch ein Taschenmesser. Omfg!!!!

    • Knut schreibt:

      Äh, hallo?
      Wir reden hier nicht von kleinen, süßen Taschenmessern mit Verzierungen…

      Jugendliche des genannten Schlages führen meistens (offiziell verbotene) Springmesser mit sich und die dienen NUR der Einschüchterung bzw. schlimmstenfalls als Waffe beim Angriff auf eine Person. In der Zeitung liest man ja oft genug von „Südländern“, die mit ihrem Messer herumgefuchtelt haben. Diese größtenteils importierte „Messerkultur“ sollte jedem anständingen Bürger Sorge bereiten.

  10. Tricia McMillan schreibt:

    In meiner Firma wurde ein Angestellter entlassen, weil er in seiner Schublade ein Messer hatte. Auch wenn es größer als ein Kartoffelschälmesser war, hatte er (harmloser Typ) es nur um sich mal Essen kleinzuschneiden. Alle wußten davon und unsere normalen Büroscheren sind wohl mindestens so gefährlich. Aber als sein Vorgesetzter ihn loswerden wollte, hat er dem Chef erzählt, er würde sich bedroht fühlen…

  11. Pingback: Tanke 2 | frl. krise interveniert

  12. Tilli schreibt:

    Find ich diese Kinder blöd? Ja.
    Werden Sie von mir bedauert? Auch.
    Tue ich sie beneiden?
    Gute Frage.
    Tilli

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