Im Schlaflabor

Die wilden Kleinen aus der Sieben sind montags irgendwie anders drauf als sonst…
Wenn ich in der zweiten Stunde reinkomme, umgibt sie ein Dunst von Schlaf und Müdigkeit, so als ob sie gerade aus dem Bett kämen. Sie gähnen, dass man die Mandeln sieht, reiben sich die Augen und liegen mit dem Kopf auf dem Tisch.
Man möchte ihnen am liebsten einen warmen  Kakao in die Hand drücken und sagen:
„Husch, jetzt aber noch mal schnell für ein halbes Stündchen ab ins kuschelige Bett!“

In der Klasse ist es schummerig und mich überkommt sofort eine parallele Gähnattacke.
Aber ich mache entschlossen das Licht an.
Protestgeschrei!
„NEIN!!“ „ Licht aus!“ „War gerade so schön gemütlich……!!!“
Na gut, wieder Licht aus.
Meine „Nominalisierung von Verben“ lasse ich mal in der Tasche stecken, laufe schnell ins Lehrerzimmer und hole ein Buch. Ist ja auch Nikolaus heute….!

„Vooorleeeesen????…..“ Die Begeisterung ist mäßig, um nicht zu sagen gleich null.

Egal, ich setze mich ans Pult und schieße noch ein paar wilde Blicke auf Mike, Emel und Burak ab…potentielle Störenfriede….
Ich lese schrecklich gerne vor, aber man lässt mich nicht – es gibt niemanden mehr in meinem Leben, dem ich vorlesen darf. Müssen eben ab und zu die Kinder in der Schule dran glauben!!
Die Geschichte ist eine ganz olle Kamelle, aber herrlich: „Bergkristall“ von Adalbert Stifter. Meine Schüler verstehen solche Texte sprachlich eigentlich nicht, ich überspringe deshalb ganze Abschnitte, vereinfache Sätze und erkläre hier und da ein wenig. Es geht um zwei Kinder, die sich im Gebirge im Schneetreiben verirren. Der große Bruder, der aber selber noch klein ist, sorgt sich rührend um seine kleine Schwester und zum Glück werden sie am Ende heil gefunden. Das mit dem großen Bruder kennen unsere Schüler, die passen auch heute noch auf ihre Schwestern auf…..leider oft viel zu sehr……
Nach ein paar Minuten „hab“ ich sie. Alle hören gebannt zu und als ich aufhören möchte, gibt es Protestgemurmel. Ich trinke einen Schluck Wasser und lese weiter. Die Geschichte ist sehr lang, ich kürze und werde doch nicht fertig. Als es klingelt, muss ich hoch und heilig versprechen, übermorgen weiter zu lesen. Es bleibt ganz ruhig, alle nehmen friedlich ihre Jacken und trödeln langsam raus in die Pause.
„ Das war sehr schööööön, Frl. Krise…,“ sagt Burak, erhebt sich langsam von seinem Stuhl reckt sich und gähnt ausführlich.
„Liest dir zu Hause auch schon mal jemand vor?“ frage ich. Burak schüttelt den Kopf.
„Tschüüüüsch“, sagt er mit Todesverachtung. „Niemals!“
Er tut mir leid….wahrscheinlich flimmern Tag und Nacht die Flachbildschirme in allen Zimmern und es gibt kein einziges Buch, außer dem Koran. Burak reißt seine Jacke vom Stuhl und schlurft raus.

„Frl. Krise, der hat Sie gar nicht zugehört, Burak“, sagt Arife, die immer sehr für Recht und Ordnung ist, anklagend zu mir, als ich die Türe abschließe.

„Wissen Sie, was der gemacht hat? Vallah, der hat geschlafen, aber richtig!“

„Ach……!“

Arife lächelt mich an und sagt tröstlich:  „Sind Sie nicht traurig, Frl Krise! Bei diese Geschichte konnte man gut träumen…!“

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22 Antworten zu Im Schlaflabor

  1. Shannon schreibt:

    Ich war heute nicht in der Schule. *freu* Ich musste mir heute also nicht mal etwas überlegen, wie ich die Kiddies beschäftige… Die sind alle schön hübsch Zuhause geblieben und haben sich einen schönen Nikolaus gemacht. 🙂

  2. fraufreitag schreibt:

    vorleserin… das wäre doch ein job für dich – lesepatin! oder komm zu mir und lies mir vor. oder geh zu burak nach hause und lies für den vor… ach ich geh badewanne ich habe kopf.

  3. die Schmith schreibt:

    Oh, Montag früh ist aber auch fies. Immerhin konnte man doch am Wochenede länger schlafen. Diese Umstellung ist aber auch gemein.
    Mein Wohnungskindergarten hat aber leider kein Erbarmen, was meinen Schlaf angeht. Ich glaube, ich hätte heute in dieser Klasse nicht mal das Klingeln richtig mitgekriegt. 😉

  4. Olaf schreibt:

    Arife lächelt mich an und sagt tröstlich: „Sind Sie nicht traurig, Frl Krise! Bei diese Geschichte konnte man gut träumen…!“

    Na bitte – mehr als gut träumen kann man doch gar nicht im Leben. Dafür sind Märchen da, verdammt. Ich glaube fast, daß es bei der Fortsetzung übermorgen (Sie haben es versprochen !) anders zugehen wird. Am besten bei gedimmdgeämpftem Licht. Lichterketten, Kerzen, Weihrauch. Und irgendwann dazu die „Kleinen Leute von Swabedoo“. Bis Weihnachten ist ja noch Zeit.
    Sie müssen unbedingt berichten. Ich bin sehr gespannt.

    Beste Grüße aus Hamburg

  5. Olaf schreibt:

    shit,

    ich meinte gedimmgedämpftes Licht.

  6. MissPorcelain schreibt:

    Oh schön ich liebe Vorlesen und Nikolausi!

  7. suann schreibt:

    @olaf den vorschlag finde ich gut.
    @frlkrise also selbst die Racker die geschlafen haben, scheinen zumindest ein bisschen ruhig gestellt gewesen. und den anderen hat es ja gefallen. vielleicht tut sich was.
    happy trails to you
    ps: wir haben heute die geschichte mit der busfahrt auf ihre site verlinkt
    blogblick.de

  8. leocat/Kathrin schreibt:

    Oh ja, Vorlesen! Was hibbele ich der Zeit entgegen, wenn meine Tochter das Alter hat, in dem sie auch versteht, was ich da lese. Im Moment kann ich ihr meinen neuesten Thriller oder das Backbuch vorlesen – mit 4 ihren Monaten reicht Mamas Stimme noch. Ihr Bücherschrank ist jedenfalls jetzt schon voll – ich muss die auch mal bei LibraryThing eingeben. 60 Pappbilderbücher und der Rest… hm… ich schätze 500 (natürlich größtenteils noch aus meiner Kinderzeit, die so lange ja nun auch noch nicht… oder doch? ). Und doch werde ich nicht umhin kommen, ihr bestimmt die gleiche Menge nochmal zu kaufen. Hoffe ich. Sie muss nur ein bisschen nach mir kommen. Letzten Monat traf ich meine Klassenlehrerin aus der 1. und 2. Klasse. Die erzählte mir schmunzelnd von den Klassenfahrten: Alle packten ihre Stullen aus, Klein-Kathrin als erstes den dicken Wälzer. Davon können Sie, liebes Fräulein Krise nur träumen, befürchte ich.
    Aber „Bergkristall“ muss ich mir auch nochmal besorgen. Vielleicht finde ich ja für’s erste ein ebook. Bin nämlich zur Zeit besonders sentimental und den kleinen Lord, die kleine Prinzessin Sara und „Little Women“ habe ich schon wieder durch…

  9. NixZen schreibt:

    Etwas bleibt immer hängen, also weiterlesen Frl. Krise
    Ich habe eine Fussballmanschaft, die öfter den Gegner beschimpft hat.
    Hab sie dann gefragt gegen wen sie denn spielen wollen, wenn alle Gegner blöd sind.
    ….Schweigen….
    Als ich ihnen erklärte das ohne Gegner kein Spiel möglich ist, haben sie kapiert und es wird nicht mehr gepöbelt.
    Vielleicht lese ich beim nächsten Training die Geschichte von „Mehmet“ vor. Der mit den Sprotfreunden Stiller als Kumpels, also der Mehmet Scholl.
    Vom Straßenkicker zum Bayernstar

  10. NixZen schreibt:

    ne, haben immer um 17:00 Training. Ich beleuchte einen Ball von Innen

  11. [SO] Olli schreibt:

    Frl. Krise, ich verspreche hiermit feierlich: Wenn meine kleine Erdnuss auf der Welt ist, dürfen Sie ihr jederzeit etwas vorlesen, vallah!

  12. Mo schreibt:

    Klingt wie ne Superstunde. Bei der Begründung des Themas hilft Daniel Pennac –
    kennen Sie das Buch „Wie ein Roman“?? Ausschnitte gibt es z.B. hier:
    http://www.biblioforum.de/zehn_rechte_des_lesers.php

    Viele Grüße
    Mo

  13. Seifenfrau schreibt:

    Liebes Frl Krise!
    ….dabei fällt mir ein, was ich unserem „kleinen“ Sohn (11) als letztes vorgelesen habe.
    Es war letzten Mittwoch, und die Kinder im Landkreis hatten Schnee-Frei. Ich machte meine PC-und Internetrunde und las bei ihnen, als mein Sohn hinter mich trat. Er war sehr interessiert an ihrer Seite und so trug ich ihm einige Blogeinträge vor, denen er gebannt lauschte. Als ich aufhören wollte, sagte er:“Weiterlesen…“ „Du kannst doch selbst weiterlesen,“ sagte ich, aber er fand es schöner, wenn ich ihm vorlese.
    Liebe Grüße und lesen sie weiter vor!
    😉

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