Jenseits der Grenze

Heute hat der komplette Theaterkurs versucht, mich davon zu überzeugen, dass ein „Ehrenmord“ (ein unmöglicher Begriff!) völlig ok ist.
Schließlich geht es  um die EHRE!!!!
Ja, nur bin ich leider zu vernagelt, um das einzusehen, aber kein Wunder, ich KANN das ja auch nicht verstehen, ich bin ja auch keine Muslimin…
Wo leben wir denn? Sind wir im 2. 3. Jahrtausend n. Chr. oder irgendwo hängen geblieben zwischen den Zeiten?

Ich muss mal chronologisch vorgehen:
Theaterkurs: Wir suchen nach biographischem Material, um daraus zwei oder drei kleine Szenen für unser Stück zu erarbeiten, das ja eigentlich im ausgehenden Mittelalter spielt und in dem eine junge Frau nach einer Verleumdung als Hexe verurteilt wird.

Die zehn Mädchen und zwei Jungen erzählen unter anderem eine Begebenheit, in der es um üble Nachrede ging: Einem muslimischen Mädchen wurde nachgesagt, es habe etwas mit einem Jungen gehabt. Das Mädchen wurde daraufhin von ihren Eltern einige Wochen nicht in den Unterricht gelassen, angeblich war sie krank. (Ich habe damals natürlich  das Jugendamt und mehr eingeschaltet!)
„Na, Mädchen wird aber JETZT nicht als Hexe verbrannt,“ sagt Nesrin zufrieden.
„Vallah, aber sie kriegt VOLL Ärger,“ sagt Necla, „ ihr Vater wird SOOOOO  schlagen!!!“
„Und wenn sie mit ihren Freund richtig was macht, bringt ihr Bruder ihr um!“ sagt Hülya drohend.
„Das glaub ich nicht!“ sagt Jenny, die einzige Nicht-Muslimin des Kurses, die leider nie irgendwas vom Weltgeschehen mitbekommt.
Ali schaltet sich ein: „ Jaaaa, aber dann man muss sie umbringen, die Ehre der Familie….“
Ich versuche zu Wort zu kommen , aber alle schreien schon wieder durcheinander und schließlich erzählt Hülya Jenny relativ sachlich noch einmal die Geschichte von Hatun Sürücü, die 2005 von ihrem Bruder wegen ihres unabhängigen Lebenswandels erstochen  wurde. Sie sagt natürlich nicht „unabhängig“ sondern „schlecht“!

Die Gruppe ist für einen Moment still, bis Ali ruft:
„ Ja, sie hatte aber auch Nacktfotos gemacht und hatte Männer!“

„ Ach so,na, dann…“
„Abooo…Nacktfotos, dann musste er machen..!“
„Sie hat voll die Ehre verletzt, er musste….“
„ Voll haram, geht gar nicht, die Familie musste sie…“
So geht es weiter und weiter, keine Chance für mich mit meinen Interventionen anzukommen.
Nein,  der Familie blieb nichts anderes übrig! Hatun hat ihre Eltern schließlich voll traurig gemacht, die Ehre der Familie in den Dreck gezogen, ja…sie ist sogar schuld daran, dass ihre Eltern jetzt um sie trauern müssen und dass der Bruder im Knast ist!!

(Einige Male im Jahr gerate ich mit meinen Schülern an diesen Punkt. Wir haben schon viel versucht: Hilfe von Hodschas geholt, polizeiliche Beratung genossen, islamische Berater eingeschaltet und so weiter, es nützt nichts, nein, gar nichts. Was geht in diesen Familien vor sich? Wie erziehen sie ihre Kinder? Welche Rolle spielt die Religion? Welche Rolle  die Abgrenzung zu „uns“? Wir beschäftigen uns ernsthaft und ständig diesen Fragen….)

„In den letzten 20 Jahren wurden in Deutschland an die 40 Frauen von ihrer Familie umgebracht, so wie Hatun!“ sage ich und Necla antwortet ungerührt: „Mehr nich? Ist doch nicht viel in 20 Jahren…VIERZIG!!“

Da sitzen sie vor mir, zehn hübsche junge 15 jährige Mädchen, chic angezogen im H&.M Look, mit engen Klamotten, hochhackigen Stiefelchen, geschminkt und mit Modeschmuck beklunkert, nur ein Mädchen trägt Kopftuch. Die Jungen sind beide unauffällig, keine besonderen Machos oder so.
Keins  von den Mädchen ist auf den Mund gefallen, sie lassen sich in der Schule von nichts und niemandem die Butter vom Brot nehmen und sie pochen auf Recht und Gerechtigkeit.
Ihr Verhalten ist oft unerzogen und grenzüberschreitend, aber sie haben auch Charme und Witz und belohnen freundliches Entgegenkommen und Großzügigkeit meinerseits mit Zuneigung und Anhänglichkeit. Wir mögen uns.

Aber hier, an dieser Stelle ist die Grenze.

Genau hier.

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60 Antworten zu Jenseits der Grenze

  1. Nadine schreibt:

    Traurig!
    Und dieses Denken und diese „Tradition“ wird sich vermutlich die nächsten Generationen halten.
    Egal wie intelligent, nett und witzig diese Mädels sind, bei dem Thema „Ehre“ scheint das Denken auszusetzen.

  2. Shannon schreibt:

    Ein Artikel, der krass und ehrlich die Situation schildert. Ich bin ein bisschen erschrocken, werde darüber nachdenken und das Thema vielleicht mal in der Philosophierunde zur Diskussion bringen.

    Mal sehen, vielleicht kriege ich morgen ein verständlicheres Kommentar hin.

  3. Till schreibt:

    „Sind wir im 2. Jahrtausend n. Chr.“

    Nein, sind wir nicht 🙂

  4. Herr Anton schreibt:

    Liebes Frl. Krise,
    ich bewundere ihren Langmut. Vielleicht offenbart sich unser Denkfehler schon im Anfang Ihres Blogs. Wir leben zwar im dritten Jahrtausend nach Christus, der islamische Kalender (und offenkundig auch einige Muslime) ist aber 622 Jahre zurück. Zieht man vom Jahr 2010 besagte 622 ab, landen wir im „schönsten“ christlichen Mittelalter (incl. Hexenverbrennung) und schon passt wieder alles zusammen. Alles nur eine Frage der Zeit. Und der Grenzziehung!
    Grüße
    Herr Anton

    • frlkrise schreibt:

      Danke für die sehr einleuchtende berechnung….!

    • Gast schreibt:

      Entgegen der landläufigen Meinung war die unschöne Brauch des Hexenverbrennens, der Folter und der Inquisition im Mittelalter ziemlich unüblich. Im hier angesprochenen christlichen 14. Jahrhundert gab es sogar ziemlich bekannte Leute, die ungestraft so wirre Gedanken verbreiten durften, wie z.B. dass Juden und Muslime auch gute Menschen sein können. (Man überlege sich mal wie freidenkend dass in einer Zeit der war, in der geld- und machtgeile Päpste zu Kreuzzügen aufriefen.)
      Schlimm wurde es dann erst in den folgenden Jahrhunderten. Also haben wir da, der Analogie folgend, ja noch was vor uns …

  5. MissPorcelain schreibt:

    wirklich traurig!

  6. antagonistin schreibt:

    Macht ohnmächtig und hilflos… Ich glaube sehr an Aufklärung, Auseinandersetzung und das Wahrnehmen von Bedeutungen hinter Tradierung. Aber hier bleibt einfach nur Hilflosigkeit. Von wem würden die Eltern, die dieses Bild an ihre Kinder weitergeben, eine andere Sichtweise annehmen können?

  7. Smilla schreibt:

    Soviel zum Thema weibliche Solidarität?
    Haben die alle Stockholm-Syndrom?

  8. Fabi schreibt:

    Traurig so was…und solange man es aus den Köpfen der Kinder nicht hinaus bekommt, bekommt man es gar nicht klein. =(

  9. [SO] Olli schreibt:

    Erschreckend. Wie Necla wohl reagieren würde, wenn Hülya Opfer eines „Ehrenmordes“ würde?

  10. kreidezeit schreibt:

    Oh. Ich finde, das ist mit Abstand der härteste Beitrag, den ich in Ihrem Blog gelesen habe. Und ich muss sagen, dass das für mich eine Grenze wäre, die mich zumindest überlegen lassen würde, ob ich den Job weiter machen will, wenn solche Differenzen immer bestehen. Ich finde mich in der Arbeit mit den eltern meiner Schüler z. B. damit ab, dass mich viele Väter überhaupt nicht ernst nehmen, weil ich eine Frau bin. Aber das, das ist schrecklich, menschenverachtend und so herzlos. Das ist nicht gut und es tut auch diesen Kindern nicht gut. Allerdings sehe ich auch nicht, wie man solcher Mittelalterverbohrtheit irgendwie beikommen könnte.

    • Ulla 39 schreibt:

      Ich bin mir nicht sicher – nach Jahrzehnten der Beobachtungen -, ob (türkische) Väter eine Lehrerin nur deshalb nicht ernst nehmen, weil sie eine Frau ist. Vielmehr habe ich den Eindruck, daß (deutsche) Lehrerinnen freundlich und geduldig mit den Vätern sprechen, auf deren Einsicht bauen. Das bekommen die mehrheitlich in den falschen Hals. Das sind sie nicht gewohnt. Gewohnt sind sie, daß LehrerInnen Autoritätspersonen sind, die daran keinen Zweifel lassen, die energisch sagen, „wo es lang geht“, die nicht bitten, sondern befehlen, die hinter einem Tisch, Schreibtisch o.ä. sitzen (möglichst noch mit der türkischen Fahne dahinter, was bei uns ja nicht geht), der Vater auf der anderen Seite. Leider …

      • frlkrise schreibt:

        Ich habe überhaupt nicht den Eindruch, dass (türkische) Väter mich nicht ernstnehmen, ganz im Gegenteil. Es kommt gelegentlich vor, dass türkische oder arabische oder deutsche Väter uns/mir die Schuld für das Schulversagen in die Schuhe schieben wollen… aber das hat eher was damit zu tun, dass sie zu wenig Ahnung davon haben, wie es in der Schule heute zugeht und lässt sich fast immer aufklären.

  11. die Schmith schreibt:

    Man könnte sich jetzt mit dem Gedanken trösten, dass die Mädels wenigstens nicht heimlich XXX-Videos schauen und nur koitieren im Kopf haben. Aber irgendwie ist das nicht wirklich ein Trost. Immer noch erschreckend und traurig zugleich. 😦

    • frlkrise schreibt:

      Nein, die denken an nichts anderes, weil mit ihnen von klein auf immerzu darüber geredet wird, weil Sexualität ständig wie ein Ungeheuer im Raum steht. Ständig zeigt ihre Familie bis hin zum letzten Onkel gößtes interesse an der Unversehrtheit ihres Jungfernhäutches, das ist die letzte Bastion, die noch nicht geschleift wurde. Sie beten kaum noch, fasten inkonsequent, sind auch zu Hause repektlos (bis es Prügel gibt), tragen kein Kopftuch, schminken sich, tragen aufreizende Klamotten – das ist alles haram (sündig) und wird letzlich geduldet….nur das Jungfrauendasein, das wird mit Zähnen und Klauen verteidigt. Dass die Eltern schaffen, dass die Mädchen da mitgehen, zeigt, dass ein unvorstellbarer Druck auf den Töchtern von klein auf lastet …

      • die Schmith schreibt:

        Am Jungfrauendasein ist ja nichts schlimmes dran. Nur die Konsequenzen, die die Mädchen dann tragen müssen, sollten sie außerehelich dieses aufgeben, scheint sie wohl davon abzuhalten es zu tun. Es scheint wohl eher nicht aus freien Stücken zu kommen. Es gibt immerhin auch sehr viele katholische Jugendliche, die jungfräulich in die Ehe gehen wollen und davon überzeugt sind, dass das richtig und gut ist. Nur erwartet sie kein Ehrenmord, sollten sie sich doch hinreißen lassen. Sollten sie aus einer sehr gläubigen Familie stammen, könnte es sein, dass die Familie ihnen den Rücken zukehrt. Das wäre dann aber wohl eher der Extremfall und heutzutage eher nicht mehr so verbreitet.

        In Persepolis kommt Sex vor der Ehe übrigens zur Sprache. Leider nicht wirklich im Film, da dieser beide Bände zusammen gerafft behandelt und viele Details weglässt. Eventuell könnte man dieses Thema dahingehend angehen, dass der Film geschaut wird und anschließen die entsprechenden Teile, die sich it Sexualität befassen (also Kopie vom zweiten Band) dann im Deutschunterricht lesen und darüber diskutieren. Vielleicht sogar einen kurzen Aufsatz darüber verfassen lassen, wie die Schüler das sehen.
        Oder wäre das für die Schüler zu harter Tobak?

      • Ulla 39 schreibt:

        Ja, es lastet ein unvorstellbarer Druck auf den Töchtern von kleinauf. Wenn Sie allein mit den einzelnen Mädchen sprechen würden, bekämen Sie anderes zu hören. Diese „abweichende“ Meinung vor anderen zu äußern, ist aber gefährlich, das betr. Mädchen wird sofort den „ehrlosen“ Mädchen beigesellt. Je heftiger Mädchen sich über „ehrlose“ andere Mädchen äußern, um so erhabener sind sie über jeglichen Verdacht. Die Männer, die das unterstützen, sind Machos wie es sie überall gibt.

      • frlkrise schreibt:

        völlig klar!

  12. Noga schreibt:

    Traurig – das ist ein schwaches Wort. Ich finde, das ist katastrophal. Diese Jugendlichen sind in Deutschland aufgewachsen und ein Produkt der deutschen Gesellschaft – nicht nur des fundamentlistisch geprägten Elternhauses.

  13. Zaphod schreibt:

    Wenn sie sich dieser Gesellschaft aber verweigern, wie können sie dann ein Produkt dieser Gesellschaft werden? Wenn diese Menschen weiter zusammen in Ghettos leben und mehr oder weniger unter sich bleiben, das Bildungsangebot nicht angenommen wird, dann seh ich da auf lange Sicht keine Besserung. Daran werden auch frühzeitig angebotene Sprachkurse nichts ändern.

  14. Paddy schreibt:

    Der Islam ist ja das jüngste Derivat der drei eng verwandten (Judentum, Christentum, Islam) Religionen. Wimre ~600 Jahre jünger als das Christentum. 2010 minus 600 sind wir 1410. Da hatten wir es in Europa unter dem Deckmäntelchen der christlichen Frömmigkeit auch ganz gut mit menschenverachtenden Ehrbegriffen swiw. Und da wollen christliche Hardliner ja auch gern wieder hin zurück.

    Eins steht fest: solange Religionen in den Köpfen von Menschen herumpfuschen dürfen, gibt’s keinen Frieden. Weder Weltfrieden noch lokalen Frieden.

    Und was „weibliche Solidarität“ angeht: angeblich waren Frauen gern ganz vor dabei, andere Frauen als „Hexen“ zu denunzieren. In heutigen westlich-aufgeklärten (haha) Gesellschaften ziehen sie nun eben im Büro über Kolleginnen her oder Mobben sie gar nach Strich und Faden. Das Ziel dürfte das selbe sein, wie zu Zeiten der spanischen Inquisition (Nobody expects the spanish inquisition!). Was für ein Fortschritt … 😉

    Gruß Paddy

  15. sternchenjg schreibt:

    Das geht nur mit Gehirnwäsche…

    Ich bin fassungslos.

  16. Historikerin schreibt:

    Also ich lese seit einiger Zeit bei ihnen mit und bin immer wieder beeindruckt mit wieviel Gefühl und Herz sie diesen schwierigen Kindern entgegentreten. Ich finde das bewundernswert!
    Heute wollte ich auch mal etwas schreiben, aus zwei Gründen, ich bin sehr schockiert über das was ihre Mädchen sich selbst antun und vorallem wie sie von ihren Familien in diesem Punkt unter Druck gesetzt werden müssen. Also ernsthaft, was muss das für eine Atmosphäre sein, in der diese modernen und sonst auch fortschrittlichen jungen Frauen, glauben dass ein verlorenens Jungerfernhäutchen einen Mord wert ist.
    Und dann ist da leider noch ein anderer Punkt, der mir als Geschichtsstudierende leider etwas das Herz bluten ließ als ich einige Kommentare durchgelesen habe. Deshalb muss ich jetzt leider etwas klugscheißen, auch wenn das sonst nicht so meine Art ist.
    Denn obwohl 1410 sich noch im Mittelalter befindet, ist es schon hart an der Grenze zur frühen Neuzeit welche nach modernen Geschichtsdefintionen um 1500 began. Desweiteren gab es im Mittelalter keine bis kaum Hexenverbrennung im klassischen Sinn, die fanden in der frühen Neuzeit statt. Im Mittelalter stattfindene Verbrennung hatten was mit Häretikerverfolgung zu tun (was natürlich auch mit der Verfolgung anders glaubender zutun hat) genauso wie die spanische Inquisition, die ebenfalls mit Glaubensverfolgung, nicht wirklich mit Hexenverfolgung zu tun hat.
    Außerdem ist es nicht nachgewiesen, dass hauptsächlich Frauen andere Frauen als Hexen denunziert haben, es ist doch eher so gewesen, dass Frau gefangen genommen wurden, schwer gefoltert wurden und dann jeden Namen genannt haben der ihnen eingefallen ist, nur damit sie nicht weiter gequält wurden.
    Als interessanter Nebenfakt, die letzte wirkliche Hexenverbrennung in Europa fand 1750 statt, also wenn das der Beleg dafür sein soll warum Frl. Krise Mädchen sich so verhalten, stehen uns also noch knapp 25o Jahre bevor…
    Entschuldigung für die Klugscheißerei, aber das Mittelalter ist mein Steckpferd und das konnte ich irgendwie nicht auf mir sitzen lassen…

  17. Andrea schreibt:

    Mich würde interessieren was die Mädels und Jungs unter „Ehre“ verstehen. Wissen die was das bedeutet?
    Gruß, coffee

    • frlkrise schreibt:

      Sie können es nicht wirklich benennen: „Ehre ist …ach keine Ahnung…wenn die Familie…da muss man…abooooo, ich kanns nicht erklären, sie wissen doch schon…!“

      • Andrea schreibt:

        Genau das habe ich mir gedacht. Vor etwa einem Jahr kam ein Beitrag im TV in dem es um muslimische Männer und ihre Ehre ging. Von denen konnte auch keiner sagen was er unter Ehre versteht …
        Gruß, coffee

      • die Schmith schreibt:

        Dann wäre es vielleicht auch mal an der Zeit gemeinsam herauszufinden, was Ehre eigentlich ist.

      • frlkrise schreibt:

        Du glaubst aber nicht ernsthaft, dass wir das nicht schon x-mal gemacht haben….????????????????!!!!!!!

      • die Schmith schreibt:

        Wie, das wurde schon mehrfach verklärt und die haben sich das nicht gemerkt, labern aber immer wieder davon? Das will jetzt irgendwie nicht in meinen Kopf. Da fehlen mir einfach die Worte. 😐

  18. Maren.Thunert schreibt:

    Oh Mann, das ist echt starker Tobak heute.

  19. oxypelagius schreibt:

    @paddy, Genau!! Das verleitet mich zu der These, daß Religionen – zumindest monotheistische – alle die gleiche Halbwertzeit haben. Der Islam ist 600 Jahre jünger — und voila wir sind heute da wo das Christentum 1400 war. Der technische Fortschritt muss nur rausgekürzt werden. Daraus folgt in diesem soziologischen Algorithmus: Jede Religion ist Pest für die Menschheit. Militant und strikte Trennung von Kirche und Staat! Null Toleranz gegenüber jeder missionarischen Religion, und das sind alle ausser das Judentum und der Budhismus.

    • frlkrise schreibt:

      Die brauchen jetzt endlich mal eine AUFKLÄRUNG!!!!!!

      • michael schreibt:

        Dazu müßen sie die Kinder aber aus den Familienclans rauslösen, was leider nicht machbar ist.

      • Orm schreibt:

        Philip Larkin – This Be Verse

        They fuck you up, your mum and dad.
        They may not mean to, but they do.
        They fill you with the faults they had
        And add some extra, just for you.

        But they were fucked up in their turn
        By fools in old-style hats and coats,
        Who half the time were soppy-stern
        And half at one another’s throats.

        Man hands on misery to man.
        It deepens like a coastal shelf.
        Get out as early as you can,
        And don’t have any kids yourself.

        Die „Aufklärung“ hat der Islam schon mal gehabt. Mevlana (Jalal ad-Dīn Muhammad ar-Rumi) ist 1273 gestorben. Der Orden der tanzenden Derwische ist in der Türkei verboten* und gleich bei mir um die ecke klebt sein Name an einer von DITIB finanzierten (muss ich sunnitisch schreiben?) Moschee, löst leichten brechreiz aus.

        Bleibt als trost das Marx unrecht hatte. Die Geschichte bewegt sich nicht unaufhaltsam auf ein Ziel zu. Sie verläuft eher spiralförmig, alle Errungenschaften können auch wieder durchs Klo rutschen, zumindest zeitweilig.

        *um fair zu sein:alle Orden haben das gleiche Problem, die traditionellen juristischen Corporationsformen sind nicht mit dem modernisierten Recht kompatibel. Und nicht nur Sufi-Tariqas sind verboten worden, sondern auch die etwas unfreundlicheren Vereine. Im Ganzen wahrscheinlich nicht nur negativ.

  20. Paddy schreibt:

    @Historikerin: es gab in Europa ja nicht nur Hexenverbrennungen als Ausdruck religiöser Frömmigkeit. Und auch dieser schwachsinnige „Ehr“begriff hat sich bei uns viel länger gehalten, man denke z.B. nur an Duellanten, das hielt sich swiw bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Wenn auch zum Schluß wohl arg reglementiert.

    Davon ab sollen es z.B. Mütter unehelicher Kinder selbst noch in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts in D auf dem Land nicht unbedingt leicht gehabt haben.

    Dennoch gab es schon Mitte des 19. Jahrhunderts (und sicher auch davor) helle Köpfe, die die ganze Melange aus Lug, Betrug und Menschenverdummung, die Religionen in sich haben, mehr oder weniger offen benannt haben. Das hier ist z.B. in Teilen immer noch ziemlich aktuell, obwohl es 1846 geschrieben wurde:

    http://www.humanist.de/religion/pfaffe.html

    @frlkrise: Die brauchen jetzt endlich mal eine AUFKLÄRUNG!!!!!!

    Ganz sicher. Aber wir „christlich geprägten“ müssen mittlerweile auch wieder aufpassen, daß wir nicht wieder in die religiöse Finsternis zurückfallen (Stichwort Kreationisten, Stichwort allerlei „Freikirchen“ usw.).

    Also Vorsicht mit empörtem Unverständnis gegenüber verquasten Ehrbegriffen anderer Gruppen, soweit sind „wir“ davon noch gar nicht weg. Erst wenn man sich unter „Schande“ wirklich nichts mehr vorstellen kann, ist man wohl frei von solchen Anwandlungen. Dummheit und Stolz sind aus dem selben Holz, also gilt es die Dummheit so weit wie möglich zurückzudrängen. 😉

  21. DPunkt schreibt:

    Frl. Krise,
    ich lese erst seit wenigen Tagen aber umso lieber hier mit.
    Ich arbeite (seit vier Wochen) als Sozialpädagogin mit Jugendlichen in einem sehr ähnlichen Viertel. Und ich versuche seit Beginn an fast krampfhaft: einfach zu verstehen. Wie es dazu kommt. Warum sich die, die es sowieso schon so schwer haben, umso mehr selbst im Weg stehen. Wie man so einen Mist tatsächlich glauben kann. Was diese Phrasen, denn häufig ist es ja nicht mehr, zu bedeuten haben.
    Freue mich auf neue Inspirationen…

  22. KS schreibt:

    Ehrlich?

    Ich kann solche Berechnungen wie „2000-600=1400=finsteres Mittelalter“ nicht mehr hören.

    Das rechtfertigt nichts und erklärt nichts. Und schon gar nicht, wenn man bedenkt, dass im Mittelalter die „islamische Welt“ ein unglaubliches Kulturzentrum darstellte (Ibn Sina, die Algebra und die Alchemie, um nur einiges zu nennen).

    Und auch die Tatsache, dass es „vor 50-60“ Jahren bei uns auch nicht besser war (was ich in Bezug auf „Ehren“morde stark zu bezweifeln wage), ist hahnebüchen. Wir leben jetzt. Wir leben hier. Die Mädels und Jungs sind in der zweiten und dritten Generation hier. Hier geboren und aufgewachsen.

    Ich muss das nicht verstehen. Ich muss das auch nicht gutheissen. Aber -ich persönlich- muss diesen Fehlvorstellungen (und das sind sie für mich) entgegentreten.

    Und ich werde nicht abwarten und das relativieren mit dem Hinweis „Aber vor 50 Jahren….eigentlich sind sie ja noch im Mittelalter ….. bei irgendwelchen Christen isses aber auch so……der Ehrbegriff generell….ist ja nur, weil sie diskriminiert werden“

    Und ja, ich erlaube mir empörtes Unverständnis.

  23. TickleMeNot schreibt:

    Wie hält man das innerlich bloss aus?

    Auf der einen Seite schildern sie ihre Schüler als total lieb, fürsorglich (manchmal) und modern – und auf der anderen Seite kommen dann solche Überzeugungen zu Tage.

    Ich glaube das würde mich zerreissen.

    Ich finds toll das Sie trotz allem stark bleiben und weitermachen. Und dieser Blog ist nicht nur sehr unterhaltsam sondern auch lehrreich für mich. In meiner Schule gab es weder Ausländer noch Eingebürgerte noch Schüler aus der zweiten oder dritten Generation von Eingewanderten.

  24. federfluesterin schreibt:

    „Ehre“ – das ist das falsche Wort für eine Situation, die in den Heimatländern der Familien eine nicht von der Hand zu weisende harte Realität als Hintergrund hat. Es ist eine komplexe Situation, die man eigentlich mit einem Wort nicht erfassen kann. Wenn ich überhaupt ein Wort wählen würde, wäre es „Status“.
    In diesen Ländern wird Gesellschaft über Großfamilien organisiert, nicht über Individuen, wie bei uns. Der gesellschaftliche Status und der wirtschaftliche Erfolg der Großfamilie sichert das Überleben und Wohlergehen der Kleinfamilie und dann des Einzelnen. Wird der Status gefährdet durch ein Individuum, sind alle anderen Mitglieder der Großfamilie gefährdet, in ihrem Wohlergehen, in ihren wirschaftlichen und gesellschaftlichen Chancen.
    Da ein überaus großer gesellschaftlicher Konkurrenzkampf zwischen allen Großfamilien tobt, liegt auch ein überaus großer gesellschaftlicher Druck auf allen Mitgliedern der Großfamilien. Auch und gerade im moralischen Bereich, der durch die Scharia, aber beinahe mehr über althergebrachte, dabei sehr oft vorislamische Traditionen bestimmt wird. Ein Übertreten dieser Schranken durch Einzelne fällt in diesen Gesellschaften immer auf die ganze Großfamilie zurück. Sie verliert an Ansehen, dadurch an Status. Das hat Folgen für den Zugang zu wichtigen wirtschaftlichen und politischen Netzwerken, zu wirtschaftlichen Chancen, bei Frauen der Großfamilien hat es insbesondere Folgen für die Chance auf eine Heirat in gleiche oder höhere Gesellschaftsschichten.
    Ein Verlust an Status ist in solchen Ländern, die in der Regel fast keine Sozialgesetze haben und keinerlei staatliche Unterstützung in Notlagen des Einzelnen vorsehen, in denen ein sehr harter Überlebenskampf herrscht, eine potentiell die Familie in ihrer Existenz beeinflussende, evtl. sogar gefährdende Situation. Das kann man in solchen Ländern nicht auf die leichte Schulter nehmen und keinesfalls unterschätzen.
    Familien, die aus solchen Ländern hierhin einwandern, bringen ihre Einschätzungen davon, wie Gesellschaft funktioniert, mit. Da sie sich oft in Kreisen bewegen, die ausschließlich aus Landsleuten bestehen, setzt sich außerdem diese Art von gesellschaftlichem Funktionieren hier in Deutschland fort.
    Dass Gesellschaft auch anders funktionieren kann und in Deutschland auch tut, ahnen oder wissen die Jüngeren, aber das ist nicht die Gesellschaft, die für ihr tagtägliches Leben die Hauptrolle spielt. Denn in den Kreisen ihrer Familie und deren Bekannter und Freunde lebt die Heimatgesellschaft fort.
    Übrigens galt das auch für deutsche Auswanderer in die USA im 19. Jahrhundert, und das über Generationen hinweg. siehe auch: http://federfluesterin.wordpress.com/2010/07/14/der-werfe-den-ersten-stein/

    • TickleMeNot schreibt:

      Danke.

    • oxypelagius schreibt:

      Nein! Nein! & nochmals Nein! Diese soziologisch-ethnischen Erklärungsversuche sind mittlerweile unerträglich.
      Es geht hier um Aufruf zum Mord und um absolut nichts Anderes! Die Kinder sind nur Sprachrohr. Der Dreck sitzt zu Hause. Wer zum Mord aufruft, wird unbeschadet seiner sexuellen, religiösen und sonstigen Weltanschauung bestraft. O.a. Diskussion ist die Verteidigungsstrategie eines Anwalts für einen bezahlten Profikiller. Es ist alles, ausser Profitgier, vorhanden: Kaltherzigkeit, Vorsatz, niedrige Beweggründe…

    • KS schreibt:

      Und wenn ich dran erinnern darf: Das mit dem „ersten Stein“. In der Geschichte ging es darum, den Mord eben gerade NICHT geschehen zu lassen.

  25. Autor schreibt:

    Also ganz ehrlich, ich sehe das Problem nicht. Wenn ein Mann seine Tochter oder der Bruder seine Schwester umbringt wird das bei islamischen Hintergrund als Ehrenmord bezeichnet, aber wenn dasselbe mit jüdisch-christlichen Hintergrund passiert, heißt es plötzlich Familiendrama. Im Prinzip sind alle Menschen durch ihre konservative Erziehung vorbelastet. Vor ein paar Jahren hat man in den Schulen noch mit der Prügelstrafe gearbeitet. Man muss viel kommunizieren keine Frage, aber die muslimischen Mitbürger sind so anders als wir nicht.

    • Walara schreibt:

      Und wie viele Fälle aus dem nicht-islamisch-einheimischen Milieu sind Ihnen genau bekannt, wo ein Junge seine Schwester ermordet hat, weil sie keine Jungfrau mehr war und er dadurch die Familienehre retten wollte?

      Sorry, aber genau dieses relativierende „die sind doch genau wie wir und gar nicht so anders“ bringt uns nicht weiter.

  26. Paddy schreibt:

    Hier auch was zum Thema „Ehre:

    http://www.heise.de/tp/r4/artikel/33/33778/1.html

    Gruß Paddy

  27. Forza III schreibt:

    Das kommt eben davon, wenn man Leute mit einer völlig inkompatiblen Kultur in westliche Länder strömen lässt. Ist doch klar, dass die ihren Kinder ihre „Werte“ vermitteln. Der nächste Ehrenmord kommt bestimmt…

  28. Thomas schreibt:

    Nunja. Solange die ewig gleichen unwirksamen Maßnahmen gefordert und vorangetrieben und die immer gleichen Schuldigen ausgemacht werden, ist es noch viel zu unbunt.

  29. Ute schreibt:

    Hallo Fräulein Krise,

    seit gestern Nachmittag lese ich mich von hinten nach vorne durch Ihr Blog. Und an dieser Stelle schießt mir plötzlich der Gedanke durch den Kopf, daß ich Sie bzw. vor allem Ihre SchülerInnen gerne mal im Gespräch mit einer weiteren von mir sehr geschätzten Bloggerin sehen würde – und sei es auch nur virtuell:

    Darf ich bekannt machen? Kübra Gümüsay, http://ein-fremdwoerterbuch.blogspot.com/

    Hier prallen insgesamt drei Paralleluniversen aufeinander. Faszinierend! Und manchmal sehr erschreckend…

    Gruß aus Dortmund,

    Ute Gerhardt

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