The Wall…

Eine deutsche Schülerin aus dem 10. Schuljahr ist schwanger. Sie hat schon einen richtigen Baby-Bauch und ist für Gülten ein willkommener Gesprächsanknüpfungspunkt auf dem Schulhof….

„Frl. Krise, haben Sie gesehen? Das Mädchen aus der Zehn? Die ist schwanger! Abooo… voll schlimm!“ sagt sie mit dramatischem Augenaufschlag.
Ich habe Aufsicht, friere so vor mich hin und bin eigentlich dankbar für jede Ablenkung.
Aber bloß nicht dieses Thema wieder……gleich wird sie mit ihrer ominösen „Ehre“ kommen, auf die die ganze Familie aufpassen muss, damit sie nicht verloren geht!
(Auch in  Ethik ein „Lieblingsthema“ – aber nicht von mir…)

„ Schwanger? Schlimm? Nee, schwierig!“ sage ich bestimmt.
„Ist doch voll schlimm, die hat jetzt keine Ehre mehr!“ sagt Gülten im Brustton der Überzeugung.
„ Ich finde das auch nicht gut, dass sie schwanger ist, Gülten! Aber nicht wegen der Ehre! Ich frage mich, ob man mit 16 Jahren das schon alles alleine schafft.  Ich hoffe, sie bekommt viel Unterstützung von ihren Eltern! “
Gülten schüttelt den Kopf. Um das Baby macht sie sich keine Gedanken, aber das Mädchen ist ruiniert…das steht fest, jedenfalls in ihrer Welt.
„Wissen Sie, wie voll schlimm das bei uns ist, wenn ein Mädchen vor der Ehe…!Mädchen sind Ehre der Familie! Vallah, sie hat Ehre der Familie beschmutzt!“
Ich rege mich innerlich auf. Gülten ist ein aufgewecktes, hübsches  Mädchen, ihre Mutter ist eine flotte Person, die gut deutsch spricht, ihre Eltern arbeiten beide, die Familie ist bestens integriert und doch….
„Und die Jungen sind wohl nicht Ehre der Familie?“ frage ich rein rhetorisch. Natürlich kenne ich die Antwort, innerlich fange ich schon an ein bisschen zu schäumen…
„Bei den Jungen ist das was anderes. Die dürfen das auch nicht. Aber bei denen sieht man das ja nicht. Und wenn sie gut heiraten, ist alles wieder in Ordnung.“
„ Ja“, sage ich, „super!  Das kann ja wohl nicht sein? Allah sieht das  nicht, oder? Der sieht das nur bei den Mädchen… Wo bleibt denn das Vertr  …“
Aynur hat sich inzwischen auch zu uns gestellt. Sie ist eine wilde Hummel, die sich gar nichts sagen lässt, aber wenn es um die Familienehre geht, ist sie auf einmal ganz angepasst.
„Guck ma, Frl. Krise,“ unterbricht sie mich, „ Das ist bei uns so! Das verstehen Sie nicht! Wenn Mädchen Familienehre beschmutzt, sehen alle, dass ihr Vater sich nicht durchsetzen kann. Vallah, er muss ihr verbieten!“
„ Und wenn ein Sohn kriminell wird? Du erinnerst dich doch an den Raubüberfall neulich, wo der ehemalige Schüler von uns dabei war! Der muss  jetzt für zwei Jahre in den Knast. Da hat sich der Vater wohl auch nicht durchgesetzt! SO eine Tat ist doch schlimm für die  Familie.“
Die beiden sehen mich an, als wäre ich geistlich behindert (wie Fuat das nennen würde).
„Nicht so schlimm wie….. vor der Ehe….!“ sagt Aynur, hebt eine Augenbraue und sieht mich bedeutungsvoll an.
„Nich so schlimm….“,  echot Gülten, „der Junge geht Knast. Wenn er rauskommt, ist es wieder gut. Ist er sauber, hat er Strafe gehabt.“

„Aber Ehre von Mädchen kann man nicht mehr gut machen“, sagt Aynur und tritt mal kurz nach Fuat, der gerade langsam vorbei schleicht. Er hört bestimmt zu….

„Also wirklich, so was darf man sich doch nicht gefallen lassen,“ sage ich lahm – wie oft haben wir schon darüber gesprochen und es ist ganz schön schwierig gegen diese Betonfraktion zu argumentieren.
„Das wird sich aber noch ändern…“ tröste ich mich laut , „…war ja früher in Deutschland auch so. Ist noch gar nicht so lange her! ( War genau genommen im vergangenen Jahrtausend… aber das sag ich nicht!) Als ich Schülerin war, gab es an meiner Schule auch eine Schülerin, die schwanger wurde. Die flog mitten im 10. Schuljahr von der Schule.“

„Von der Schule geflogen…?“ Gülten und Aynur sind entrüstet. „Warum das denn? Voll krass! Konnte die nicht mehr Abschluss machen?“
„Nein!“ sage ich, „Wenn eine Frau damals ein uneheliches Kind bekam, also ein Kind ohne verheiratet zu sein,  galt das als sehr  schlimm. Natürlich hat ihre Familie sie nicht verstoßen. Aber in der Schule sollten wir braven Schülerinnen mit so jemandem wohl nichts zu tun haben!“
„Unmöglich,“ empört sich Gülten und boxt nach Fuat, der uns umkreist. „Komische Schule! War das Gymnasiumschule? Kann das Mädchen doch ruhig Schule gehen, stört doch keinen….“
„ Ja, und kein Abschluss! Die Arme! Kann sie nie Ausbildung bekommen! Voll gemein!“ sagt Aynur.

Ach, sollte das jetzt vielleicht schon der Fortschritt sein?

Manchmal ist es echt zum Verzweifeln….

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27 Antworten zu The Wall…

  1. anna schreibt:

    Als Sie zur Schule gingen, ist noch ein Mädchen wegen Schwangerschaft von der Schule geflogen?! Ich hoffe, das ist eine ererbte Geschichte (oder Sie stammen aus Bayern oder sowas…), sooo alt können Sie doch gar nicht sein!

    Im Übrigen haben Sie aufgrund solcher aufgedrängten Unterhaltungen mein tiefstes Mitgefühl — ich würde die Schüler wohl irgendwann durchschütteln, wenn sie an solchen Ansichten besinnungslos festhalten.

  2. Kat schreibt:

    Woher bekommen die Mädels denn so einen Input? Von der Mutter? „ist eine flotte Person, die gut deutsch spricht, ihre Eltern arbeiten beide, die Familie ist bestens integriert und doch….“
    Vom Vater?

    Ich möchte gerne mitschütteln.

    • frlkrise schreibt:

      Von allen und immerzu.

    • anna schreibt:

      Es gibt urdeutsche, akdemisch gebildete, emanzipierte Menschen, die Sex zwischen ledigen Erwachsenen als Ehebruch verurteilen. Dafür musst du dich nur ein bisschen im (landes-, nicht einmal frei-) kirchlichen Milieu umhören. Soweit weg von „unserer christlich-abendländischen Kultur“ sind diese Ansichten erschreckenderweise gar nicht.

      • nix schreibt:

        Das stimmt schon, dass das verurteilt wird. Aber es wird nicht zusätzlich propagiert so jemanden zu verstoßen. In „unserer christlich-abendländischen Kultur“ hat jemand dann höchstens die eigene Ehre verletzt und nicht die der ganzen Familie oder des Vaters (Ausnahmen bestätigen die Regel).

      • Orm schreibt:

        Vor drei Tagen trieb mich der Hunger wiedereinmal spätabends aus dem Haus. Auf dem Weg zum nachstgelegen Supermarkt muste ich einen tiefen dunklen Wald (ca 50x300m, man lebt ja schließlich in der Oekumene) durchqueren.

        Da sah ich ein junges hübsches Mädchen unter einer Laterne stehen. Sie lächelte in ihr Mobiltelefon.

        Nach Überwindung einer gewissen Unentschlossenheit (Feriggericht 1, ungesund und fettig oder Fertiggericht 2, fettig und ungesund) machte ich mich wieder auf den Rückweg.

        Die junge Dame hatte jetzt Gesellschaft bekommen. Wenn man die Masse des Pomade-Keratin Gemisches, daß sich schamhaargleich dort ausbreitete wo sich bei mir die Halbglatze befindet, als Atraktivitätskriterium nimmt, hat sie bestimmt einen guten Fang gemacht. Händchenhaltend schlenderten sie davon. So ein wackelnder Popo ist ein reizender Anblick(wenn auch vermutlich noch illegal). Die beiden kürzten ihren Weg dann ab, inden sie sich kichernd durch einen Baustellenzaun drückten.

        Kurze Zeit darauf sah ich die Junge Dame wieder. Sie verschwand grade in der Ferne und sie war allein. Ihr Galan tauchte dann plötzlich hinter mir auf. An der nächten Ampel schloß er zu mir auf. Sehsuchtsvoll seinem langsam entschwindende Mädel hinterherblickend und gleichzeitig irgendwie gehetzt.

        Das ist etwas, daß sich auch mit erzkatholischer Erziehung und urchristlichem Elternhaus nicht erklären läßt. Es macht mich traurig.

        Bis zum Deutschland der Oswald Kolle(gesegnet sei sein Name) Filme ist es noch ziehmlich weit.

      • frlkrise schreibt:

        Huh! So ein Treffen ist ja fast schon haram!

  3. sweetkoffie schreibt:

    Soooo lange ist das noch gar nicht her, Mitte der 70ger Jahre (1975 nicht 1875),
    wurde ein schwangeres Mädchen auch unmißverständlich aufgefordert das Mädchengymnasium zu verlassen, das war damals noch ein Skandal,
    übrigens war es zu der Zeit auch kaum möglich eine Wohnung zu bekommen, ohne verheiratet zu sein (ich weiß das alles so genau, weil ich mal wieder am Puls der damaligen Zeit, bzw, mitten im Geschehen war)

  4. lillycavallo schreibt:

    Ein besonderer Fall von Trennung zwischen Schule und Religion 🙂

  5. Nicole schreibt:

    Es ist immer wieder erschreckend, aber leider wohl nur allzu wahr.. bleibt zu hoffen, dass das Mädel trotzdem eine gute Zukunft hat ..

  6. SabrinaS schreibt:

    Liebe Frl. Krise,

    Sie sind besser als jede Comedy-Show! Ich liebe Ihre Geschichten!

  7. Katarina schreibt:

    Ist doch immer noch so! Frau mit diversen Liebhabern: Schlampe! Mann mit Frau an jedem Finger: toller Hecht!
    Gut, da fallen vielleicht nicht die Wörter entehrt, aber trotzdem, da kann man entweder aus der Höhe moralischer Überlegenheit auf die vorsintflutliche Einstellung schauen oder die eigene moralische Überlegenheit mal überprüfen. Da fallen wir (übersetzt, wir mit christlichen Werten aufgezogene, wenns bei mir auch ne evangelische Schule war…) auch nicht durch überzeugende Ergebnisse auf.
    Schöne Grüße von Frau K. (mit vielen tollen Frauen der ersten Kategorie, denen das am Arsch vorbeigeht, im Bekanntenkreis. Gelebte Emanzipation, is mir allemal lieber als gelebte christliche Moral)

  8. klangschön schreibt:

    Ich kann SabrinaS nur voll und ganz zustimmen! Habe heute Ihr Blog entdeckt und bin ganz begeistert. Besonders mag ich, dass man Ihnen anmerkt, wie sehr Ihnen Ihre Schüler trotz allem am Herzen liegen. Ein bisschen ein Elterngefühl zwischen An-die Wand-klatschen-können und Beschützen-wollen.
    Ich wünsche Ihnen und Ihren SchülerInnen (und außen…) alles Gute und werde hier öfters mal vorbeischauen!

  9. Fabi schreibt:

    Ich hoffe für das schwangere Mädchen, das ihre Familie sie nicht noch mit der Ehre-Diskussion nervt. Ich denke sie hat schon so genug Sorgen und die Ehre ihrer Familie interessiert sie da sicher herzlich wenig.

    Aber so ist das eben. Das kenne ich hier auch. Schlimm finde ich nur, dass Jungs alles dürfen und Mädchen gar nichts.

  10. tina schreibt:

    Ist auch bei uns nicht allzulange her. Bis zur großen Rechtsreform 1975 konnte man in Österreich als ledige Mutter nichtmal Vormund des eigenen Kindes sein(!) und bekam deswegen einen Vormund vom Amt gestellt. Als ledige Mutter entscheiden ob das Kind diese oder jene Schule besuchen soll? Pht, wozu das denn? Meine (verheiratete) Mutter durfte zu der Zeit auch nicht für uns Kinder im Paß unterschreiben – „das muß der gesetzliche Vormund (= Ehemann) machen“.

    Würde die Mädels mal fragen ob sie sich wirklich als Besitz sehen wollen, als so eine Art „Nutztier“, daß man sich als Ehemann zum putzen, kochen und vergnügen hält. Und das weniger wert ist wenn schon „Schäden“ dran sind. Oder ob sie nicht lieber eine richtige eigene Person sein wollen.

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