Postpubertäre Zustände

Praktikum, 13. Tag
Beim Blick in den Spiegel heute morgen sehe ich, was ich nicht sehen will, aber schon in der Nacht ahnte: Ein fetter, noch unreifer Pickel macht sich auf meiner Nase breit. Ich möchte  den Spiegel zerschlagen!
Jeder zweite Schüler wird mich darauf ansprechen! Unsere Schüler haben nämlich ein scharfes Auge für Laufmaschen, ape Knöpfe, vom Winde verwehte Frisuren, Leberflecken, Sommersprossen, Augenringe und auch sonst für alle anderen möglichen chronischen und akuten Gebrechen.

Am liebsten würde ich zu Hause bleiben:
„ Guten Morgen, Frau Becker, ich muss mich leider krank melden, ich habe da einen ganz dicken Pickel auf der Nase.“
„Natürlich, Frl. Krise, selbstverständlich, damit können Sie unmöglich in den Unterricht gehen!. Nur heute oder länger?“
„ Nur heute ist zu kurz, der muss noch reifen, sagen wir mal drei Tage, vorerst.“
„Alles klar und gute Besserung!“
Nein, das geht natürlich nicht…Frau Becker würde mir was husten! Mir bleibt bloß der olle Abdeckstift, mit dem sich das ganze Elend nur unzureichend überkleistern lässt.

In der Schule begrüßt mich Frau Herz, die ich wegen ihrer freundlichen Art sehr schätzte, mit den Worten:
„ Was hast du da auf der Nase?“
„Siehst du doch, einen Pickel!“
„Sieht scheiße aus!“

Solchermaßen getröstet gehe ich in den Unterricht. Siebte Klasse, eigentlich ganz nette Kinder. Aber es gibt Ausnahmen. Can sagt schon beim Aufschließen der Tür grinsend zu mir:
„Ihre Nase ist ganz rot.“
„Ja, danke, Can“, sage ich, „aber ich wollte heute mal als Clown auftreten.“
Can sieht mich verständnislos an. „Das ist doch ein Pickel,“ sagt er.
Kinder sind humorlos.
Die kleine Hülya in der ersten Reihe verkündet laut mitten in unsere Begrüßung hinein:
„ Frl. Krise, seh ich Pickel auf deine Nase! “
„Hülya, das heißt:  Auf IHRER Nase sehe ich EINEN Pickel !!“  verbessere ich sie kühl und fange an, mich ein bisschen zu ärgern.
Sonst sagt aber niemand etwas. Nur Tim und Susanne kichern in einer Tour und sehen so komisch zu mir hin. Ich hätte gerne einen Spiegel. Ich habe nämlich das Gefühl, dass der Pickel langsam aufblüht. Ich darf nicht dran rumfummeln. Nur das nicht!

Nach dem Unterricht fahre ich zu Leila in die schnieke Parfümerie. Der letzte Besuch!
Meine Nase ist mir inzwischen schon ganz egal. Aber Leila erspäht das Maleur sofort. Sie zieht mich in den Hinterraum und sagt:
„ Vallah, Frl. Krise, müssen Sie austrocknen Pickel, ich gebe Ihnen!“
Sie verschwindet und kommt, ganz kosmetikerinnenlike mit Pröbchen und angefangenen Tiegelchen zum Desinfizieren, Austrocknen und Abdecken wieder.

Ohne Zögern beginnt sie an mir herum zu laborieren und ich ergebe mich willenlos in mein Schicksal.
„ Dass Sie jetzt noch Pickel haben….,“ wundert sich  Leila. „Ich dachte, Pickel sind nur in Pubertät.“
Da kann ich sie aber eines Besseren belehren.
Leila seufzt und meint: „Ist auch nicht so einfach, schöne Frau zu sein. Außer naturschön natürlich. Ist viel Arbeit und ist auch viel teurer als Mann.“ Wie recht sie hat.
Wir fachsimpeln ein bisschen über Kosmetik und ich habe gar nicht mehr das Gefühl, dass Leila meine kleine Schülerin ist. Mein Pickel ist nach der Behandlung schön abgedeckt und zufrieden verlasse ich den Laden (psst …. mit jeder Menge Pröbchen in der Tasche).

Nächstes Praktikum sollten unbedingt mehr Mädchen in die Kosmetikbranche gehen…..

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27 Antworten zu Postpubertäre Zustände

  1. Frau Buntstift schreibt:

    Liebes Fräulein Krise,
    ich würde Ihnen sofort und auf der Stelle drei Tage Reife- und Abheilauszeit für Ihren postpubertären Pickel geben.

    Bin ich aber nicht Schulleiter!

    Clearen Gruß!
    Frau B.

  2. chefarbeiter schreibt:

    „ Frl. Krise, seh ich Pickel auf deine Nase! “
    „Hülya, das heißt: Auf IHRER Nase sehe ich EINEN Pickel !!”

    Vielleicht hat sie ja auch zwei gesehen? Höhö…

  3. Olaf schreibt:

    Ein grandioses blog, Fräulein Krise – herzlichen Dank dafür !
    Aber muß es nicht heißen „abe“ [:ab-bö:] Knöpfe, der Knopf ist ja nicht „ap“, wenn er ab ist, sondern ab, wenn und weil nicht mehr da. Also weg.
    😉
    Beste Grüße aus Hamburg

    Olaf

  4. totsfaultier schreibt:

    von zeit zu zeit holt uns ein solcher pickel alle heim, seufz. meine schüler schweigen darüber wenigstens pietätvoll….

  5. Kat-HH schreibt:

    Liebes Frl. Krise,
    habe gestern mal wieder auf Matts Seite gelesen und kam dadurch hierher. Dann eine halbe Nacht ALLES durchgelesen. Und ich finde alles wirklich sehr sehr toll. Ich weiß schon warum ich mein Lehramtsstudium abgebrochen habe damals 😀

    Aber Hut ab vor Ihrer Leistung! Ich möchte noch GANZ viel lesen!!

    • frlkrise schreibt:

      Erst mal danke für die Blumen!
      Aber schade, jetzt wirst du nieeeeee so tolle Erlebnisse haben!

      • Kat-HH schreibt:

        Ach, da kannst Du sehr beruhigt sein. Ich bin hier die „Mama“ für knapp 30 dezent fahrig-verwirrte Wissenschaftler die schon Probleme haben, eine Schiebetür aufzubekommen. *g*

  6. Herr Rektor schreibt:

    Haben Sie im zweiten Anlauf wenigstens etwas anständiges gelernt? ^^

  7. fraufreitag schreibt:

    ich will auch was anständiges gelernt haben. ich kann gar nichts. nicht mal rechtschreibung. ein scheiß ist das. IST DA WENIGSTENS NOCH DIE Pornoseite, wenn man auf meinen namen klickt?

  8. antagonistin schreibt:

    Allein die Vorstellung, mich während meiner Schulzeit (sehr lange her) dem „Lehrkörper“ bis zur Nase anzunähern, geschweige denn, an selbiger zu hantieren, erscheint mir seltsam abwegig. Ich bin noch nicht sicher, ob Sie eine andere Spezies Lehrer sind oder ob sich das hierarchische Gefüge inzwischen reduziert hat. (Wobei ich auch einige sehr sympathische LehrerInnen hatte.)

    Ganz was anderes (wo ich schon mal hier bin): der in meiner idealisierten Vorstellung perfekte Lehrer entspräche John Keating (Robin Williams) aus dem „Club der toten Dichter“. (Sie wissen schon – die Tischszene: „O Captain, mein Captain“ …) Gehört der Film heute immer noch zum Pflichtprogramm an Schulen (war damals beim Erscheinen eine Weile so), und ist dieser Keating eine Art Lehrervorbild (für Lehrer selbst) oder eher der personifizierte Alptraum im Schulsystem? 🙂

  9. Püppi schreibt:

    liebe frl. krise,
    habe gestern ihren blog entdeckt und laufe nun mit permanent-lachtränen herum. diesen beitrag habe ich gerade meiner 13jährigen tochter vorgelesen. ich glaube sie findet sie jetzt toll und möchte sie an ihrer schule.
    ich freue mich schon darauf mehr zu lesen.

  10. blogspargel schreibt:

    Also, ich will jetzt auch mal loben, Frl. Krise. War vor zwei Wochen in Reeperbahn, hab‘ dort Schild nach hier gefunden und besuch‘ auf einmal gerne Schule, fehl an manchen Tagen, aber ich hol‘ immer wieder alles nach, vallah!

    Ein beispielhaftes Lehrbuch für „Integrations“krittler, aber auch für Eltern, die ihre innere Zerrissenheit den Kindern mit auf den Weg geben und das Ganze so schön geschrieben – sehr, sehr unterhaltsam.

    Und Ihre Energie möchte ich haben – was tun Sie allmorgendlich in den Kaffee (bleibt unter uns, gell)?

  11. doreensblog schreibt:

    Also diesen Blog finde ich einfach klasse. Ich muss immer so lachen!
    Ich würde ihn ja in meine Blogroll nehmen, aber irgendwie blicke ich mit der Blogroll nicht durch.
    Naja, auf jedenfall schaue ich immer mal wieder vorbei, ist ja nicht schwer zu finden, schließlich gibt es diesen Blog unter den Topblogs 🙂
    Viele Grüße aus Neuseeland,
    Doreen

    • frlkrise schreibt:

      Hu, von sooooo weit her schreibst du…is ja voll jäckpott!

      • doreensblog schreibt:

        Jaa 🙂
        schüleraustausch, aber der ist in weniger als einem monat schon vorbei, leider.
        und ich habs geschafft mit meiner blogroll, dein blog ist drin, ich wette, der gefällt meinen freunden und meinem vater ganz bestimmt, der ist nämlich sozialarbeiter und kann es wohl sehr gut nachvollziehen 😛

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