Now and then…

Praktikum 8. Tag
Das Praktikum hat auch eindeutig SEHR gute Seiten! Das muss ich hier mal laut und deutlich sagen. Zum Beispiel hätte ich normalerweise Fatih gestern nicht getroffen, weil ich ja „uff Arbeet“ gewesen wäre und mich nicht zu Rentnerzeiten auf einer Tanke herumgetrieben hätte!

Und schon gar nicht hätte ich heute Britta wiedergesehen!

Ich klettere gerade auf einem Parkplatz aus meinem frisch gewaschenen (!) Auto, um Hanna auf ihrem NEUEN Praktikumsplatz zu besuchen (ja, das Hin und Her geht lustig weiter, sie flog ja wegen Nicht-Krank-Meldens raus und füllt jetzt bei einem Discounter die Regale auf – ob das nun mehr Spaß macht, als im Cafe zu arbeiten, weiß ich auch nicht…) da fliegt mir ein zartes blondes Wesen um den Hals!
Britta! Sie war in der selben Klasse wie Fatih , wir rechnen nach, wie lange wir uns nicht mehr gesehen haben…. Kaum zu glauben,  sie ist jetzt schon 24! Es ist herrlich, dass wir uns hier treffen!

– Britta – klein, zierlich, blond …und nichts im Kopf als chillen, chätten, shoppen. Null Interesse an der Schule,  nie verlegen um eine Ausrede, ein Widerwort;  ein sauschlechter einfacher Hauptschulabschluss…mit 15 Jahren schon bombenfest liiert und von zu Hause ausgezogen …sie nervte voll,  aber sie war irgendwie in Ordnung,  ich mochte sie total gerne.

„Frl. Krise, Sie können echt stolz auf mich sein!“ sagt sie. „Ich habe die Kurve doch noch gekriegt!“
Wirklich, sie hat einen guten Job, wohnt wieder bei Papa und Mama ( ist frisch getrennt…naja, fast getrennt) sieht hübsch aus und scheint zufrieden zu sein.
„Ein eigene Wohnung ist mir im Moment zu teuer,“ sagt sie, „lohnt sich auch nicht, ich arbeite ja soviel, oft an sechs Tagen in der Woche!“
Mensch – Britta und viel Arbeiten…hätte mir das jemand damals gesagt, ich schwöre, ich hätte kein Wort geglaubt !

Wir gehen zusammen in den Laden.
Da steht auch schon Hanna, in einen kurzen Kittel gewandet (dass sie DEN angezogen hat!!)  zwischen vielen Kartons vor einem Regal und sortiert lustlos weihnachtliche Süssigkeiten ein.
Groß, sehr dünn, blond und nichts im Kopf als chillen, chätten, shoppen, null Interesse an der Schule, immer eine Ausrede, ein Widerwort und doch…irgendwie bin ich auf einmal ganz zuversichtlich.
Die wird das auch noch hinkriegen
, denke ich, Hauptsache, sie rutscht nicht mit ihren komischen Freunden ganz ab.

Hanna begrüßt mich kaum, spricht ganz leise, zuckt mit den Schultern, nein, es gefällt ihr gar nicht, das Berichtsheft…ja, ein bisschen hat sie schon ausgefüllt, gleich hat sie Feierabend, die Füße tun ihr weh… nee, für immer ist das nix,  kein Beruf für sie, Schule macht mehr Spaß. (Schule, sagt sie  – nicht Unterricht!)
Beim Reden guckt sie mich nicht an,  es ist ihr sichtlich peinlich, dass ihre Lehrerin hier im Geschäft aufschlägt. Ihre Betreuerin ist nicht da.
So im Laden wirkt Hanna irgendwie älter und ich kann mir plötzlich vorstellen, wie sie mit  40 aussieht und immer noch im Kittel Regale einräumt, dünn und schon ein bisschen abgearbeitet und verhärmt. Ich streichel ihr beim Verabschieden über den Arm, sie zuckt zurück. ‚Tschüss‘ sagt sie nicht.

Draußen auf dem Parkplatz schüttelt Britta den Kopf und sagt:

„ Waren wir auch so, Frl. Krise? Jaaa….. wa? Aber nicht ganz so schlimm, oder?“

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19 Antworten zu Now and then…

  1. renosch schreibt:

    Kann Britta Hanna nicht mal unter ihre Fittiche nehmen? Oder war die nur zufällig da?

  2. Herr Anton schreibt:

    Frisch gewaschenes Auto? Hat es geregnet?
    Grüße von Herrn Anton

  3. Shannon schreibt:

    Eine Begegnung wie eine Parabel…
    Wie schön, wenn auch auf eine verdrehte Art und Weise.

  4. ViaE schreibt:

    Hmm, ist das wirklich so aussergewöhnlich, dass jemand mit 24 doch noch die Kurve kriegt? Glaub ich eigentlich nicht. Hat man Glück, kommt irgendwann die Erkenntnis, dass das Leben als Erwachsener vielleicht doch nicht so prickelnd ist, wenn man einem Scheissjob nachgehen muss, der Typ, mit dem man da zusammen wohnt, auch nicht grad Brad Pitt ist etc.pp.
    Aus eigener Erfahrung lernen heisst sowas glaub ich…wird gelegentlich praktiziert.

    • frlkrise schreibt:

      Erkennen, dass was schiefläuft, heißt auch mit 24 noch lange nicht, es auch zu schaffen, das Rad rumzureißen…dazu gehören viele Fähigkeiten, die oft seit Jahren brachliegen…oder nicht hinreichend entwickelt sind

      • ViaE schreibt:

        Wie wahr…allerdings möchte ich doch mal behaupten, dass jemand mit Mitte 20 (damit mich keiner hier auf die Zahl festnagelt) i.d.R. zu erkennen in der Lage sein sollte, zu beurteilen, ob das das Leben ist, was er die weiteren 40, 50 Jahre führen möchte. Sobald dieser Schritt vollbracht ist, die Sebsterfahrung oder auch Selbsterkenntnis gemacht worden ist, heisst´s, sich nicht durch die neuen Hürden demotivieren zu lassen.
        Achja, Mr. Principal da unter mir: Wenn Sie mit dem Zynismus, der hoffentlich nicht echt ist, an Jugendliche herangehn, wundert´s mich nicht, wenn Ihnen keiner zuhört.

  5. Herr Rektor schreibt:

    „zwischen vielen Kartons vor einem Regal und sortiert lustlos weihnachtliche Süssigkeiten ein.“

    lol Trifft vermutlich auf 90% des Verkaufspersonals zu 😉
    Ich hätte ja vermutet, dass weihnachtliche Artikel aus „Glaubensgründen“ nicht angepackt werden 😉

    Auch die müden Beine und der Krumme Rücken sind nach dem Praktikum sicher schnell wieder vergessen.

    Etwas verändern, mal auf Fr. Freitag hören, den halben Tag in der Schule aufpassen damit man nicht sein ganzes Leben für einen Hungerlohn die Regale auffüllen muss?
    Abooo, ich schwör, hat mir keiner gesagt dass ich mit gutem Abschluss (oder überhaupt einem) nen besseren Job bekommen kann… Fr. Freitag, warum haben sie nicht gesagt? Ey is voll ihre Schuld.

    🙂

    • frlkrise schreibt:

      Hanna ist deutsch und religionslos, genau wie Jenny, alle anderen sind Muslime. Aber die essen auch Lebkuchen und Zimtsterne, wollen Plätzchen backen und haben zum Teil sogar einen Weihnachtsbaum (künstlich) in der Wohnung stehen. Integration…was willste mehr.
      Ansonsten: Genau, Frau Freitag is schuld…!!!! ICH habs ihnen gesagt….

      • Herr Rektor schreibt:

        Ich hatte eher den Gedanken, dass die Religion als (faule) Ausrede herhalten sollte 😉

        „Ich fege nicht! Fegen ist Frauenarbeit! Ich bin Araber!“

        Solche „Arbeitsverweigerungen“ werden hier gerne mit einer „Einladung zur Diskussion“ für Freitag 15:00 Uhr geahndet 🙂
        Um dies abzuwenden, wird der Besen dann doch, wenn auch mit wenig Begeisterung, irgendwie durch den Raum bewegt und der Dreck dabei unauffällig verteilt.

        Allerdings hätte ich bei Ihren Früchtchen das Bauchgefühl am Freitag allein am Treffpunk zu stehen :-p

        Zur Schuldfrage: Wenn nicht Sie, wer dann? *sichducktundrennt*

    • renosch schreibt:

      *flüster an* Der Klassenraum von Frau Freitag ist übrigens neben an. *flüster aus*

  6. fraufreitag schreibt:

    warum muss ich jetzt wieder an allem schuld sein. übernimmst du dann die verantwortung für meine klasse?

  7. Herr Rektor schreibt:

    Ups… da hab ich die Damen wohl durcheinander geworfen *rotwerd*

    mea culpa… mea maxima culpa

    Ich bitte untertänigst um Entschuldigung 🙂

  8. comicfreak schreibt:

    ..hehe, meine Nichte ist auch mit so einem Prachtexemplar zusammen.
    zum Geburtstag hab ich ihr jetzt einen Frisörbesuch ohne Limit geschenkt (holla-die-Waldfee), das will sie sich jetzt mindestens vierteljährlich gönnen.
    Dem Prachtexemplar ist jetzt schon zwei Mal der Kauf von Spirituosen aaus Nichtes Budget versagt worden und es grummelt etwas, Tendenz steigend.

    Hey, einfach allen mal was richtig teures schenken und danach ausrechnen lassen, wann sie sich das bei welchen Berufen mal wieder leisten können..

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