Schöne Aussichten….!?

Ach, Frau Freitag…da räsonieren Sie heute in ihrem Blog über das Desinteresse Ihrer Schüler an ihrer beruflichen Zukunft und Sie fragen sich und mich, ob es wohl ohne Ihr permanentes Anschubsen und Drängeln anders- vielleicht sogar besser- liefe…..aber, meine allerliebste Kollegin,  ich weiß es doch auch nicht!
Bei manchen ja, bei anderen nein…sag’ ich mal salomonisch.

Vallah, wenn man jahrelang mit diesen Unglückswürmern in einer Klasse eingesperrt war, entwickelt man nun mal eine Beziehung zu ihnen. Und auch wenn diese Beziehung störanfällig und wackelig ist, sie ist da und sie macht, dass man sich verantwortlich fühlt.
Fuat regt mich ja meistens auf, aber manchmal guckt er mich so dackelmäßig treu an, dass ich für einen Moment den liebenswerten  Jungen sehe, der er bestimmt mal war und der er sein könnte, wenn er unter anderen Bedingungen groß geworden wäre.
Ob er jemals einen Beruf haben wird? Das hängt von vielen Faktoren ab, nicht nur von der Schule, auch wenn wir das gerne glauben. Mashallah!

Nobelpreisträger, Autoren, Politiker, Ärzte, Anwälte, Professoren, Oskarpreisträger, Schauspieler, Schulräte …so was wurde nicht aus meinen Schülern…(ein paar stadtbekannte Knackis könnte ich aufzählen….)
Meine Erfahrung ist, dass sich unsere schulentlassenen Schüler jahrelang sehrsehrsehr schwer tun, sie taumeln erst mal bloß von einer Schule bzw. Maßnahme zur nächsten. Wenn man sie auf der Straße trifft, sehen sie zwar hollywood aus, hören sich aber so an:

Yasin euphorisch: „Frl. Krise! Ich mach Fachabi!“
Ich, erstaunt: „Donnerwetter! Das hätte ich nicht gedacht! Super, Yasin!“
Yasin, betrübt: „ Aber ich hab Probezeit nicht bestanden!“

Wenn Maßnahme auf Maßnahme folgt und kein Weiterkommen in Sicht ist, wird das Leben manchmal auch richtig schwer:

Alican: „Frl. Krise, ich fühle mich wie Siebzig. Ich sitze den ganzen Tag zu Hause. Mein Herz tut weh, was soll ich nur machen?“

Das mit dem Herz meinte er im übertragenden Sinne – und er tat mir soooo leid. Natürlich fielen mir gleich alle seine Sünden ein: er kam immer zu spät, machte keine Hausaufgaben, schlief gemütlich im Unterricht …ach! Inzwischen hat er eine Kochlehre angefangen.

Im zarten Alter von etwa Zwanzig haben sich dann alle so einigermaßen ins berufliche Leben reingefrickelt. Bäckerei, Obststand, Händyladen, Putzen…doll ist das alles nicht, aber man lebt. Beruflich bleiben die Mädchen allerdings oft auf der Strecke. Wenn der Berufseinstieg nicht sofort klappt, heiraten sie flott den Couseng aus dem Libanon (oder sie werden verheiratet) und sind schneller schwanger, als Sarrazin zählen kann…und die Kinderlein…? DIE werde ICH nicht mehr unterrichten!
Also, nicht den Kopf hängen lassen, Frau Freitag, da kommen noch schöne und große Aufgaben auf Sie zu!

Bloß….ich frag mich auch schon die ganze Zeit, — wenn ich das alles weiß und schon tausendmal erlebt habe – weshalb reg ich mich so auf, wenn diese Deppen aus meiner Klasse das mit dem Praktikum nicht hinkriegen……

Aber ich reg mich ja gar nicht auf- erst am Montag wieder!

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17 Antworten zu Schöne Aussichten….!?

  1. Martin schreibt:

    Wertes Fräulein Krise,
    werte Frau Freitag,

    ihre Verbundenheit mit den Schülern kann ich verstehen.

    Wie wäre es aber, wenn sie eine/n ehemalige/n Schüler/in einfach mal einladen und die/der dann vor der Klasse spricht:
    […] ich fühle mich wie Siebzig. Ich sitze den ganzen Tag zu Hause. Mein Herz tut weh, was soll ich nur machen?“[…]
    Wenn die Schüler, die Schülerinnen dann von gleichen hören, das mensch vielleicht mit regelmäßigkeit, mit Hausaufgaben, mit Mitarbeit doch ein wenig bewirken kann, ja vielleicht, vielleicht kann das ja bei wenigstens einer Schülerin, einem Schüler was bewirken?

    Und sie hätten dann noch mehr versucht, die SchülerInnen zu bewegen…

    Die Chance, aus dem zweiten Arbeitsmarkt herauszukommen scheint noch schwieriger zu sein als noch vor ein paar Jahren, selbst mit „deutschem Hintergrund“, wie ich es im Widerspruch zu dem medienwert kommunizierten Eigenschaften einiger SchülerInnen mal sagen will, selbst der zweite Bildungswert ist nicht mehr das, wie es mal war.
    Meine Frau war in einer Klasse zum nachträglichen Erwerb des Realschulabschlusses und was sie mir von dort erzählte passt zu dem, was sie beide kommunizieren.

    Grüße!

    • frlkrise schreibt:

      Alles schon gemacht!! Und nicht nur einmal!!! Aber Mensch, besonders der pubertäre, WILL seine Erfahrungen selber machen.

      • ViaE schreibt:

        Was übrigens auch in der negativen Form nie funktionieren kann/wird. Wenn schon, muss man einen „erfolgreichen“ Ex-Schüler einladen, an dem sich die Kids hochziehn können.
        Bei „Versagern“ wird nie und nimmer eine Identifikation stattfinden.

      • frlkrise schreibt:

        gut, dass du mir das mal so schön erklärt hast…..

  2. croco schreibt:

    Das ist so ein Beruf, bei dem es besser ist, wenn man nicht so genau rechnen kann.
    Sonst fängt man nämlich eines Tages an und überlegt sich Folgendes:
    was habe ich über die Jahre reingesteckt an Lebenkraft, Zeit und Energie und was ist dann rausgekommen? so im Verhältnis? Aua aua.
    Ich überlege gerade, was ich im Laufe eine Jahres an Rückmeldungen von ehemaligen Schülern bekommen habe:
    3 Babyfotos, eine Einladungsmail zum 10jährigen Abitur, eine schriftliche biologische Anfrage, eine Einladung zur Hochzeit, viele Facebook und wer-kennt-wen Anfragen.
    Nie sagt einer, ohne Sie wäre nichts aus mir geworden, oder benennt sein Kind nach mir.
    Letztes Jahr traf ich eine Mutter von ehemaligen Schülern.
    Sie sagte: Meine Söhnen reden so oft von Ihnen.
    Ja, was denn? (Hoffnung: …tolle Lehrein…blablabla…)
    Ja, Sie seien immer so toll angezogen gewesen.
    Aha.

    Nein, man darf nicht nachrechnen.

  3. Shannon schreibt:

    Wenigstens laufen Sie nicht Gefahr Ihre Schüler als Kollegen zu bekommen. Da merkt man nämlich erst einmal, wie alt man ist.
    (Zumindest habe ich das vorgeworfen bekommen, als ich an unsere Schule kam. 🙂 )

  4. herr wort schreibt:

    schön geschrieben, frl. krise … nicht nur pubertierende wollen und müssen ihre erfahrungen selbst machen, auch wir lehrer brauchen das.
    wenn man, liebe fr. freitag, manchmal etwas betrübt darüber nachdenkt, welche wirkung der eigene beruf hat und wieviel(e schülerInnen) man letztlich mit seiner arbeit erreicht, dann hat das meines erachtens auch seinen wert/zweck/sinn („sinnieren“). ich glaube ab&an muss die seele vom kopf „neu aufgesetzt“ werden, um’s mal mit einer computer-metapher zu versuchen (wenig charmant, ich hoffe sie wird trotzdem verstanden). dann kann man sich wieder auf’s schöne und spannende freuen und schwierige situationen mit humor überwinden.

    mann, bin ich n klugscheißer…! B)
    mfg
    word

  5. chSchlesinger schreibt:

    Es kann nicht jeder ein Schriftgelehrter werden. Schade finde ich es, dass der deutsche Lehrkörper offenbar den Knecht nicht ehrt, der sieben mal sieben Jahre auf den Feldern des HERRN dient. Und was bei spätgebärenden Studienrätinnen als Himmelsgeschenk gefeiert wird, sollte bei jungen Libanesen nicht als „Kinderproduktion“ durchgehen. Etwas weniger gutbürgerliche Glücksvorstellungen, etwas mehr Gottesfurcht.

  6. ViaE schreibt:

    Sorry, wenn ich in die ehrenwerte Padägogenrunde mit meinen Praxiserfahrungen herein geplatzt bin, aber ich durfte mich gute 20 Jahre mit den „Produkten“ verfehlter oder gar unterlassener Motivationsversuche herum plagen, Kindern aus problematischem Umfeld, aus denen Erwachsene mit problematischem Umfeld wurden.
    Und dem Herrn Pastor wünsche ich etwas weniger Gottesfurcht, dafür mehr Orientierung an den tatsächlichen Umständen.

    • frlkrise schreibt:

      Kein Sorry nötig! Und danke für den Hinweis an den Pastor….(Es ist wahr, dass die Zahl der Kinder in Migrantenfamilien drastisch sinkt, aber die Mädchen u. Jungs aus meiner letzte Klasse – vor zwei Jahren entlassen (!) – erzeugen schon fleißg Nachwuchs. Und die Mutter von Alican hatte mit 32 Jahren schon 8 Kinder…..)

  7. renosch schreibt:

    „Vallah, wenn man jahrelang mit diesen Unglückswürmern in einer Klasse eingesperrt war, entwickelt man nun mal eine Beziehung zu ihnen.“

    So etwas nennt man auch Stockholm-Syndrom!

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