Bald wirds ernst….!

Meine Klasse! Diese Kinder! Ich frage mich, wie das im Berufspraktikum werden soll, denn  sofort nach den Herbstferien geht’s los. Teilweise ist es ja wirklich rührend, wie naiv meine Lieben noch sind, aber teilweise kotzt es mich auch an, mit welch laxer Einstellung sie an die Sache rangehen.
Statt Ethik ist heute in der 8. Stunde noch mal der „Praktikumsknigge“ dran……
Einige, nämlich genau die, denen wir eine Platz zuweisen mussten, weil sie sich keinen gesucht haben, sollen dann jeden Morgen schon um acht Uhr in einem weit entfernten Stadtteil aufschlagen.
Ich bin innerlich voll schadenfroh und bitte mit ernstem Gesicht um äußerste Pünktlichkeit (was allerdings illusorisch sein dürfte, heute zur ersten Stunde waren von 21 Leutchen genau sieben pünktlich…..).
„Sooo frühhhhh,“ entsetzt sich Emre. „Das geht nich, Frl. Krise. Ich kenn mich nicht aus da!“
„Dann würde ich in den 14 Tagen Ferien mal dahin fahren und alles auskundschaften,“ empfehle ich ihm warm. „Niemals,“ Emre ist empört, „ ich hab Ferien, Alta.“ Ich verbitte mir das „Alta“ und werfe eine dumme Frage in die Runde:

„Du hast vormittags während des Praktikums einen Arzttermin, was tust du?“
Meine Schäfchen gucken mich verdattert an. Was ist das für Frage? Arzt gehen, was sonst! Ich weise darauf hin, dass sie sich vormittags keine Termine geben lassen sollen!!
Hassan versteht die Welt nicht mehr: „ Vallah, kann ich doch nicht dafür, wenn Arzt gibt mir Arzttermin.”
Meine Schüler lieben Arzttermine, es gibt nichts Schöneres für sie, bei jedem allerkleinsten Aua rennen sie gleich zum Arzt ihres Vertrauens. (Noch besser sind nur noch Vorladungen bei der Polizei und bei Gericht……)

So, nächste Frage: „Du sollst eine Arbeit machen, die nichts mit deiner eigentlichen Arbeit zu tun hat, z. B. Kaffeekochen oder Kehren und Frühstückeinkaufen. Machst du das?“
„Niemals!“ Nesrin schreit laut auf, „bin ich Knecht? Soll ich Klo putzen und einkaufen? Niemals!“
„Wer macht das denn bei euch zu Hause?“ frage ich heimtückisch.
„Meine Mutter!“ Prinzesschen Nesrin braucht sich ihre zarten Fingerchen also nicht schmutzig zu machen.
„Aha, die ist also Knecht!!“ stelle ich fest.
„Wollen Sie meine Mutter beleidigen? Abo, voll, gemein! Sie beleidigt meine Mutter, was beleidigen Sie meine Mutter? Lassen Sie meine Mutter in Ruhe, geht Sie gar nichts an, was meine Mutter macht, ich sag meinem Vater, dass Sie gesagt haben, meine Mutter ist Knecht, vallah er kommt und sagt Sie Meinung……usw usw.“
Nesrin redet sich warm, die anderen schreien dazwischen, ich schiele auf die Uhr und kritzele ein bisschen in mein Heft, das wirkt amtlich und sieht nach Sanktionen aus und schließlich hat Nesrin sich wieder eingekriegt und ich kann meinen Sermon zum Kaffeekochen loslassen.
Dann fragt Fuat:
„Muss ich IMMER sieben Stunden da in Laden bleiben?“ Fuat hat sich eine Stelle bei einem Discounter gesucht und keinen Bock. Er wollte eigentlich Security oder Flugplatz oder Fremdenlegion und nicht Scheiß-Netto.
Ich sagte, „Natürlich, was denkst du denn!“
.„Weil, bei mir is anders“, erklärt mir Fuat „Der Mann da habt gesagt , wenn du früher kommst, kannst du früher gehen. Brauche ich also nicht sieben Stunden!“
Ja, ich fasse es nicht….Ich mache den Mund auf und kann auf einmal nur noch krächzen.
Meine Stimme! WEG! Streikt, will blöde Fragen nicht mehr beantworten. Ich habe volles Verständnis für sie. Ich flüstere noch ein bisschen herum, komme aber nicht mehr zu großen Ansagen…..
Es klingelt.
„Tschüss, Frl. Krise,“ sagt Nesrin beim Rausgehen und gibt mir Küsschen links und rechts, „ Sie sind voll süß ohne Stimme.“

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9 Antworten zu Bald wirds ernst….!

  1. Sanna schreibt:

    Jaaaa – wir sind auch schon hochgespannt, was für Herzchen diesmal nach den Herbstferien als Schulpraktikanten aufprallen. In unserem Handwerksbetrieb kann es schon mal vorkommen, daß die Mitarbeitertruppe mit dem Praktikanten weit-weit-weg von der Dorfkirche (30 – 50 km Umkreis als Tätigkeitsgebiet sind schließlich keine Seltenheit!) arbeitet. Und nur um einen Praktikanten „pünktlich“ zurück Richtung Mutti-und-Papi zu schicken, können die Jungs eine Baustelle nicht verlassen.

    Wir weisen unsere Praktikanten von vornherein auf diese Möglichkeit hin. Sie MÜSSEN damit rechnen, daß ein (Arbeits-)Tag auch mal länger als 8 Stunden dauern kann.
    Um überhaupt einen Praktikumsplatz zu bekommen, beteuern die Knaben selbstredend „…üüüüberhaupt kein Thema! Klar doch!“. Besonders empfindliche Knäblein hingegen kommen dann durchaus am nächsten Tag erst gar nicht. Wegen der angefallenen „Überstunden“ nämlich…

    Gelegentlich frage ich mich wirklich, ob diese Generation so komplett „anders“ tickt. Null Bereitschaft zu Anpassung in ein Team, keinerlei Ambition eine übertragene (wirklich einfache) Arbeit ordentlich (!!!) auszuführen und absolut unfähig, kleine Arbeiten oder helfende Unterstützung überhaupt zu erkennen. Lieber Hände tief in den Hosentaschen vergraben, in irgendeine Ecke verdrücken und in aller Seelenruhe ein paar Ziggis inhalieren bzw. in kurzen Zeitabständen ganz selbstverständlich das Handy zu zücken und mal eben einen Kumpel / die Freundin anzurufen.

    Wir rekrutieren unsere zukünftigen Azubis zu 99% aus Praktikanten. Allerdings meist Jahrespraktikanten – da kann ein Ausbilder im Vorfeld über einen längeren Zeitraum hinweg das wirkliche Potential abschätzen.
    Bei einem ein- oder zweiwöchigem Schulpraktikum hingegen muß ein junger Mensch wirklich angenehm auffallen, um einen der begehrten Ausbildungsplätze zu ergattern. Aber im Grunde sind Schulpraktika ja auch nur ein Hereinschnuppern, um sich ein (sehr abgespecktes) Bild eines möglichen zukünftigen Berufes zu machen.

    Trotzdem sollte diesen jungen Menschen bewußt sein, daß ihr Verhalten in dieser kurzen Zeit sehr wohl „benotet“ wird und je nachdem, wie eine solche Beurteilung ausfällt, kann das evtl. den Einstieg in den wirklichen Traumberuf (respektive in die Ausbildung dazu) sehr erschweren.
    Arbeitsbereitschaft, Disziplin und Anpassungsbereitschaft sowie gutes Benehmen (!!!) werden nämlich überall gefordert.

    • frlkrise schreibt:

      Könntest du mal in meinen Unterricht kommem? Mir glaubt ja keiner was…..

      • Sanna schreibt:

        Nee danke, laß man gut sein! Ich habe bereits Fransen am Mund, weil ich immer und immer wieder unseren Azubis bzw. Jahrespraktikanten das Leben und Arbeiten „erkläre“. Mein Fazit lautet inzwischen, daß mindestens 90% resistent gegen gut gemeinte Denkanstöße ist.

        Bevor unsere Kandidaten kurz und kommentarlos einer 5-Minuten-Tätigkeit (z.B. Werkzeug NACH Feierabend im richtigen Schrank ablegen) nachkommen, diskutieren sie lieber eine halbe Stunde, warum-wieso-und-überhaupt gerade „…jeden Scheißtag muß ICH das machen“. Diese Behauptung stimmt ohnehin nicht; Azubis und auch Jahrespraktikanten sind in der Regel 2 komplette Tage in der Berufsschule verschwunden, haben zwischendurch ÜBL’s (überbetriebliche Lehrgänge bis zu 4 Wochen am Stück) und in der Werkstatt hängt unübersehbar groß ein Plan, auf dem die „Aufräumdienste“ für jeweils drei Monate eingetragen sind. Alle Azubis/Jahrespraktikanten in schön abwechselnder Folge. In der Regel ist jeder pro Arbeitswoche höchstens 1 x als „Aufräumer“ dran.

        Du beschreibst ja selber das zeitraubende Palaver deiner Schüler/innen. Lieber stundenlang hirnrissige Argumente in den Raum werfen – aber blooooß nicht für 5 oder 10 Minuten einfach nur die Klappe halten, Aufgabe erledigen und dann entspannt nach Hause gehen.

        Herr, schmeiß Hirn vom Himmel!!!

      • frlkrise schreibt:

        Ich glaube, das Hirn ist aus, da hoch oben im Himmel und mit der nachbestellung haperts…..

  2. Frl. Freizeit schreibt:

    Nein es ist ERNST! Meine Praktikanten sind in der Regel Erzieherschüler, Freitag hat mich mein aktueller (29 Jahre) um ein Gespräch gebeten, er fühle sich von mir kritisiert.
    Ich habe ihm das bestätigt, schön dass er es gemerkt hat!

    Ursache war meine freundlichen Aufforderung, am Do., BITTE einfach mal ohne 10 Nachfragen etwas zu tun, einfach mal machen, sich ausprobieren – bla bla.
    (Es ging um die Wahl eines Eimers für Putzwasser oder so…)

    Er hätte gerne eine Absicherung bei möglicherweise auftretenden Fehlern im voraus, die Versicherung, für mögliche Fehler nicht kritisiert zu werden, wenn er nicht nachfragen soll…
    Hä, was das, genereller Freischein, sein Fehler mein Fehler?

    So schön einfach hätte ich es auch gerne mal!

    Viele Grüße

    • frlkrise schreibt:

      Du verlangst DENKEN!

      • Sanna schreibt:

        Muß ich auch noch mal meinen Senf zu ablassen, 😉

        Denken ist offenbar ein schmerzhafter Prozess. Man bedenke, daß die Synapsen gleich einem PC hochgefahren werden müssen. Die interne Festplatte (Hirn) rappelt und klappert (…wegen der am MP3-Player voll aufgedrehten Lautstärke), soll nun multitask-fähig werden. Geht nicht – geht gaaar nicht!

        Junger Mensch von heute (noch bin ich mir nicht ganz einig, in welchem Alter eigentlich die Bezeichnung „jung“ endet) will zwar ohne Vorschriften, Beschränkungen und Kritik jobben (???bin ich eigentlich zu alt, weil mir der Begriff „arbeiten“ viel lieber ist???), kann aber eigenständig ohne exakte Anweisung (das ist ein Eimer, aus dieser Apparatur in der Wand kommt Wasser – muß man nur auf- und zudrehen!) noch nicht einmal den berühmten Eimer Wasser füllen.

  3. Ede schreibt:

    Frl Krise, bitte etwas mehr Geduld mit die jungen Pferde

    jemand, der es gut mit dir meint
    Schülerfan-Ede

  4. Patricia schreibt:

    Oh, wenn wir uns das erlaubt hätten.

    Als man uns von anstehenden Betriebspraktika berichtete (ca 7 Monate, bevor es überhaupt nötig war, sich zu bewerben) hatte die Hälfte der Schüler schon einen Praktikumsplatz. Beim Studienpraktikum sah’s dann wiederum bitter aus.
    Aber wir hatten schon richtig Angst. Könnte ja einen schlechten Eindruck bei irgendwelchen Lehrern, die wir in der Oberstufe haben könnten und die es sicherlich NICHT interessiert, hinterlassen. – Wir kleinen Streber, wir 😉

    Was immer hilft ist Bilder von Putzkräften. Außer die Eltern sind selbst welche. Dann gibt’s sicher Ärger. Unser Oberstufenkoordinator hat uns irgendwie alle dafür „begeistert“.
    Er beschrieb das Ganze als „einmalige Erfahrung, in der wir 2 Wochen lang so tun können, als seien wir erwachsen, aber weder Geld noch (außer in Ausnahmefällen) Zensuren bekommen. Uns aber innerhalb weniger Sekunden unsere Zukunft verbauen könnten. “ (gut, er beschrieb es weniger sarkastisch) – Wir waren heiß drauf!
    Danach kam aber sein Kollege rein und erklärte uns, dass es einfach darum ginge, uns auszuprobieren. Klang irgendwie schöner. Aber die Angst vorm Oberstufenkoordinator war im Endeffekt das, was uns dazu trieb, sehr schnell Praktika für uns selbst und unsere Freunde zu finden.

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