Mission impossible

Herrliche Zeiten stehen bevor. Nein, nicht die Herbstferien, die sind natürlich auch supi, ich meine das Betriebspraktikum.
Drei Wochen sollen sich die Jugendlichen die raue Luft der Berufswelt um die Ohren wehen lassen. Allein gelassen in einem fremden Betrieb ohne ABF (allerbeste Freundin) und möglichst ohne Verwandtschaft (Chef) werden sie den Unbilden der freien Marktwirtschaft ausgesetzt sein, ganze 7 Stunden am Tag.
Heftig, oder? Da führt die aufgeklärte Gesellschaft eine Feldzug gegen die Kinderarbeit und dann das.
Meine Kinderlein wissen nicht genau, ob sie sich freuen sollen über das Praktikum          ( immerhin keine Schule) oder sich davor ängstigen (huh, den gemütlichen Pantoffel Schule verlassen…).
Deshalb gehen sie vorsichtshalber erst gar nicht los, um sich einen Praktikumsplatz zu suchen.
In den Parallelklassen haben alle bis auf zwei, drei Leute einen Platz und bei unseren standen gestern noch 14 ohne da. Ist doch peinlich. Dabei haben wir uns schon den Mund fransig geredet. Der Satz “Hast du einen Praktikumsplatz gefunden“ hat inzwischen Mantrastatus.

Jenny will zu Douglas. Ich weise sie zaghaft darauf hin, dass sie sich dann unbedingt umstylen müsse (weite graue Jogginghosen sind bei Douglas vermutlich ein no-go). Darauf schreit sie mich an: „Ok!! Sagen Sie doch gleich, dass ich Scheiße aussehe!!“ und rennt aus der Tür.  Sie wird an diesem Tag nicht mehr auftauchen.

Hassan geht in eine Kita. Er geht in SEINE Kita. Dort kennen sie ihn ( er hat noch mehrere Geschwister) seit Jahren. „Willst du etwa Erzieher werden?,“ frage ich hinterlistig- „dafür braucht man doch jetzt Abitur.“. „Niemals,“ sagt Hassan im Brustton der Überzeugung. „ Ich geh Kita, weil sie ist gleich in meiner Straße.“
Stimmt, ich hatte ganz vergessen, dass sich der optimale Praktikumsbetrieb ja gleich neben dem Bett befindet…

Nesrin geht Friseur. Voll schön ist es da, schwärmt sie, sie wird sich eine neue Frisur zulegen, bisschen färben lassen, Tricolorsträhnchen (?) vielleicht, auf jeden Fall French Maniküre oder neue Nägel, Augenbrauenzupfen, Wimpernfärben, Make –up für die Hochzeit der Kusine….ich bremse sie mit der dusseligen Frage ab, ob sie weiß, dass SIE da arbeiten soll. Verächtlich blickt sie mich von oben bis unten an und spontan komme ich mir so ungepflegt vor, als hätte ich gerade den Schulgarten umgegraben – meine Nägel, ohjeh und die Haare erst!
Hoheitsvoll sagt sie: „ Sie haben ja keine Ahnung.“ und segelt davon.

Der verfressene Ömür würde am liebsten in einem Dönerla…
„NEIN!!!“ schrei ich.
„Ist ja schon gut“, sagt er. „Schade, gehe ich eben Tischler.“ Ich könnte ihn küssen.

Seufz. Die, die noch keinen Platz haben, durften heute früh in der Schule Betriebe antelefonieren und dann losgehen. Tatsächlich trudelten sie fast alle im Laufe des Vormittags stolz und ein Vertragspapier schwingend  wieder ein.
Nur Erkan nicht. Der musste gaaaanz weit weg.
Prompt kam er erst um 15.00 Uhr angeeiert. Verlaufen hatte er sich in der großen Stadt, verfahren auch. Er hat weite Fußmärsche zurückgelegt, war straßauf, straßab gelaufen, hat Menschen nach dem Weg gefragt und keine Auskunft bekommen, geweint hat er, jedenfalls fast und sich, uns und das Praktikum verflucht.
Der Arme! Hunger hat er gehabt und Durst. Wahrscheinlich auch Heimweh.
Schließlich hat er seinen Cousin angerufen und der hat ihm den Weg gewiesen.
Naja. Soll ich das glauben?
Und einen Praktikumsplatz kann er auch nicht vorweisen.

„Ich geh morgen, ich schwör, Frl Krise“,  verspricht er und sieht mich treuherzig an.
“ Bei meinem Onkel in meiner Straße, der hat so kleines Restaurant mit Döner und so……“

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Lästige Pflichten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Antworten zu Mission impossible

  1. fraufreitag schreibt:

    Wie kannst du den armen erkan allein in der weiten weiten welt aussetzen, garstiges Frl. krise… wann habt ihr Praktikum – nächste woche? was machst du für stress – chill mal. ist doch erst im mai, oder, das sind doch noch jaaaahre…

  2. Shannon schreibt:

    Also wirklich, wie können Sie Ihren Schülern auch sagen, dass deren Gammellook nicht für Praktika geeignet ist? Es wäre so lustig gewesen, wenn die gute Jenny so bei Douglas aufgelaufen wäre und die ganzen türkisgeblazerten Damen sie von oben bis unten gemustert hätten!
    Und das, was Nesrin gesagt hat, würde ich mir an Ihrer Stelle gar nicht so zu Herzen nehmen. Ich meine, sehen Sie sich das Schönheitsideal der Schülerinnen an! Ohne ein paar Kratzer auf der Linse ist da ja nichts mehr zu machen…

  3. Sanna schreibt:

    Lach… – ich arbeite im Handwerk (allerdings als Büro-Multifunktionswaffe) und erfreue mich auch immer wieder an den unschuldigen Kindeleins, die ihr Praktikum für eine bis vier Woche/n bei uns ableisten.
    Ist immer sein seeeehr böööööses Erwachen, wenn die Ansage lautet, daß Arbeitsantritt um 07:30 Uhr ist (übrigens: unsere Azubis und die Gesellen sind sogar schon „mitten in der Nacht“, nämlich um 07:00 Uhr in der Werkstatt!).
    Um diese Uhrzeit ist der Standard-Schüler einfach noch nicht einsatzfähig. Geht nicht, geht ja gaaaaar nicht.

    Kleidung ist auch so ein Thema… Inzwischen haben wir mehrere Garnituren Arbeitshosen plus Shirts oder Sweats in unterschiedlichen Größen für Praktikanten vorrätig. Allerdings sind die häufig nur sehr schwer davon zu überzeugen, daß es nicht uncool ist, in eine Arbeitshose zu steigen, sondern daß Beize, Farbe, Lack oder fliegende Metallspäne evtl. die jeweils angesagte voll-coole-Schüleruniform unwiderruflich ruinieren.

    Es ist keinesfalls Usus, daß Praktikanten schwer arbeiten müssen, nöönööö. Aber spätestens gegen 11 Uhr morgens sind diese Jungmänner schon dermaßen geschafft vom Zugucken bzw. dem Verstecken der eigenen Hände in den Hosentaschen, daß sie von den (wirklich körperlich) arbeitenden Gesellen schlicht im Firmenwagen abgeparkt werden. Flunsch ziehende oder dauergähnende junge Leute kommen bei Kunden überhaupt nicht gut an.
    Bei den Firmenchefs, die (noch) Praktikumsplätze stellen, übrigens auch nicht. Wenn ein Praktikant sich extremst dämlich anstellt bzw. deutlich zeigt, daß ihm der Einblick in einen Arbeitsalltag voll am A…. vorbeigeht, schicken wir die Knaben auch durchaus nach Rücksprache mit Klassenlehrer/in schlichtweg wieder nach Hause (bzw. in die Schule). So geschehen zuletzt am Dienstag dieser Woche.
    Ob ein junger Mensch aus solch einer eindeutigen betrieblichen Abfuhr etwas lernt – – – ich hoffe es!

  4. shortend schreibt:

    Ich hab damals mein Praktikum in ner Tanzschule gemacht, die hatten sehr humane Zeiten. Musste von 9-12 Uhr vormittags da sein und von 17- 20 Uhr. Das war voll ok….

  5. kochschlampe schreibt:

    Hach. Erinnert mich an mein Schülerpraktikum. Aus heute nicht mehr ganz nachvollziehbaren Gründen habe ich das im Museum für ostasiatische Kunst abgeleistet (meine erste Wahl war das Museum für indische Kunst, aber das hat keine Praktikanten genommen).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s