Nesrin, die wilde Rose

Nesrin* und Aynur hantieren im Kunstunterricht mit den Kleberfläschchen herum. Sie wollen dicke Kleberklumpen haben, weiß der Himmel, wozu. Solange sie nur den halbflüssigen Kleber von den verklebten Fläschchen ziehen, haben Karl und ich nichts dagegen. Da werden die Fläschchen wenigstens sauber.
Karl ist kein Kunstlehrer, er soll Frau Saum vertreten und freut sich darüber, er findet, Kunstunterricht macht Spaß.

Plötzlich ein wildes Genestel! Nesrin stürzt sich mit einem feuchten Schwamm auf einen Rucksack, der auf dem Stuhl neben unserem Materialtisch steht.
Es ist Karls Rucksack, ein gutes Stück.
„Hier ist bisschen Kleber. Ich mache mal weg!“ Nesrin versucht wild mit dem Schwamm eine breite Uhuspur, die sich über den Rucksack zieht, zu beseitigen.
„Toll, Nesrin,“ sage ich, „ das hast du ja gut hingekriegt. Das geht doch nicht mit Wasser weg! Dazu brauchst du Lösungsmittel oder sowas. Jetzt lass das mal mit dem Schwamm!!!!!“
Karl nimmt den Rucksack hoch und betrachtet wenig begeistert den Schaden. Dann guckt er Nesrin an und ich erwarte, dass Nesrin jetzt sagt: „Oh, Herr Wolf, Tschuldigung. Das wollte ich nicht.“
Dann wird er sagen: „Naja, nächstens passt du besser auf, Nesrin. Lass das mal mit dem Schwamm, ich versuche, den Kleber zu Hause mit Lösungsmittel wegzubekommen.“ (Karl ist eigentlich zu gut für diese Welt und diese Schule!)

Aber es kommt anders. Nesrin geht zwei Schritte zurück, breitet die Arme aus, streckt den Kopf vor und schreit so laut sie kann:
„Hab ich ja vielleicht nicht E X T R A gemacht! Ist ja vielleicht nicht so schlimm! Ist ja vielleicht nur son Rucksack!“
(„Ist ja vielleicht nicht meiner!“ vergisst sie anzufügen.)
Ich sage, nun auch etwas lauter: „Wie wärs, wenn du dich mal entschuldigen würdest, anstatt hier so rumzuschreien.“
Jetzt wird Nesrin noch lauter: „Was kann ICH dafür, hab ich ja nicht EXTRA gemacht!“
Höhnisch brüllt sie dann noch nach einer kurzen Verschnaufpause: „Entschuldigung, Entschuldigung , Entschuldigung!!! Ich geh Woolworth und kauf einen neuen! Von mir aus! So’n Rucksack, fffff!“
Mit diesen Worten dreht sie sich um und stampft laut schimpfend auf ihren Platz. Die meisten Schüler sind voll auf ihrer Seite, was stellen wir uns auch so kleinlich an! Das bisschen Uhu auf diesem uncoolen Rucksack….

Nach der Pause kommt Nesrin in die Klasse, baut sich gleich vor Karl auf und legt wieder in voller Lautstärke los:
„ Und überhaupt, vielleicht war ich das gar nicht ? Haben Sie BEWEISE, dass ICH das war?“
(Aha, die anderen haben sie in der Pause gebrieft – auf so was käme sie nicht von alleine – Nesrin ist nicht die schlauste!)
Karl bleibt bemerkenswert ruhig. „Nesrin, ich warte ja nur noch darauf, dass du sagst, ich habe den Kleber selbst drauf gekippt!“
„Witz! Witz! Voll komisch!“ schreit Nesrin.

Ach, was soll man da noch sagen…? Am besten gar nichts mehr.
Morgen kann man es noch mal versuchen.
Dann wird Nesrin verlegen lächeln und kleinlaut flüstern:
„Aber ich hab es doch wirklich nicht EXTRA  gemacht!“

*Nesrin heißt auf Deutsch: Wilde Rose

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16 Antworten zu Nesrin, die wilde Rose

  1. SusiP schreibt:

    Nein, ich möchte heutzutage kein Lehrer sein.

    Schade, dass Sie dabei waren, sonst: Das war ich nich, das war schon!

  2. iris schreibt:

    Diese Wildrose sollte mal ihre Stacheln einziehen!

  3. MissPorcelain schreibt:

    ULEI diese Gören! Armer „Karl“…!

  4. Christian schreibt:

    Bedeutet Extra soviel wie vorsätzlich, mit Absicht?

  5. Julius schreibt:

    Wie wäre es, wenn man Nesrin ein mit Sekundenkleber angereichertes Schampoo schenkt? Wenn was davon in den Haaren hängen bleibt, dann soll sie auch erst mal beweisen, dass man es war und es dann »extra« gemacht hat…

  6. Julia schreibt:

    nach einer Stunde in der der Hospitant sagte „das war aber ähm… sehr lebhaft“ und in der Büsra ausnahmsweise mal nicht nur laut geredet hat, sondern nur laute Fragen zum Thema gestellt hat …. bin ich froh, dass ich für Mathe keinen Kleber brauche… danke für diese O-Töne.. ich kann sie bis hier hören…

  7. katerwolf schreibt:

    oh mann, wie viele nerven hast du noch übrig? da bleibt einem schon fast das lachen im halse stecken!

    liebe grüße, katerwolf

  8. Huhnic schreibt:

    Krass, da hab ich ja Glück, dass unsere Nesrine die Beudeutung ihres Namens nicht so exzessiv auslebt. Die ist immer ganz lieb und schüchtern. Besser is das!

  9. Shannon schreibt:

    Oh, das mit den Entschuldigungen ist schwierig. Auf dem Elternabend, auf dem ich gestern Abend war, hatten wir das gleiche Thema. Die eine Kollegin hat sich von dreien der Schüler beleidigt gefühlt und erwartet, dass sie sich entschuldigen, aber nur einer hat es gemacht. Hmm.
    Aber auch noch rumzuschreiebn, nein, da wäre bei mir echt Schicht im Schacht. Das wissen die Kiddies dann aber auch.

  10. frausieben schreibt:

    Ach, ich bin begeistert…..!
    Ach, Sie tun mir so leid!
    Ach, bald sind schon wieder Herbstferien!
    Ach, Sie werden sich nicht entspannen, sondern wieder vor Langeweile auf die Suche nach einem Ferienjob gehen?
    Ach, soll ich Ihnen denn lieber vielleicht mal ein kräuteriges Süppchen kochen?
    Ach, das könnten wir vielleicht in Frau Freitags Küche tun?
    Ach, das wäre doch mal schön, oder?
    Ach, na weiterhelfen würde es natürlich auch nicht.
    Ach, aber vielleicht gut schmecken!
    Herzliche Grüße!

  11. nixloshier schreibt:

    …da kommen einem dann doch auch das ein oder andere mal etwas unpädagogische gedanken, nicht wahr!?

    gez.,
    ein leidensgenosse 😉

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