Aynur und Herr Sarrazin

Aynur ist ein kluges Mädchen. Sie ist im 9. Schuljahr und liest  ab und zu Zeitung.Sie bildet sich ihre Meinung nicht gerade mit der Süddeutschen oder der Zeit, aber immerhin.

„Aynur, hast du mitbekommen, was der Herr Sarrazin in den letzten Tagen zum Thema Integration gesagt hat? Es stand ganz viel in der Zeitung!“ frage ich sie während der Hofpause.
„Was Sarrazin?“ fragte Neyla dazwischen.
„Halts M….., du Spast“, schnauzte Aynur, „ liest DU Zeitung, oder was?“
„Niemals!“, sagte Neyla und trollte sich.
„ Ich weiß nicht!“ sagt Aynur. “Von was hat der was gesagt?“
„Integration, über Integration hat er was gesagt!“
„Was das Integration?“ Aynur steht auf der Leitung. Dann hellt sich ihr Gesicht auf:
„Meinen Sie so was mit Behinderte? Mit I-Kinder?“ (Integrationskinder meint sie, wir haben eins in der Klasse)
„Nein,“ sage ich und wundere mich.  Kann das sein, dass sie gar nichts davon gehört hat? Auch nicht zu Hause?
„Es geht um die Integration von Leuten, die türkischer oder arabischer Herkunft sind, du weißt schon, Migranten.“
„Ach so“, Aynur guckt leicht kariert. „Was soll sein mit denen ?“
„Du hast also nichts über den Herrn Sarrazin gelesen oder im Fernsehen gesehen?“
Aynur schüttelt unwillig den Kopf. „Nein, interessiert mich nicht, sowas“, sagt sie.
„Aber du hast ja auch türkische Wurzeln“, sage ich.
„Ja, ich bin Türkin“, sagt Aynur.
„ Du hast doch einen deutschen Pass“, erinnere ich sie.
„Ja, schon“, sagt Aynur und man sieht ihr an, sie findet, dass das Gespräch eine für sie ungünstige Wendung nimmt.
„Was ist denn mit den Mann, Sarrzin oder wie der heißt?“ versucht sie mich auf die Ausgangsfrage zu lenken.

Hätte ich doch bloß nichts gesagt! In den fünf Minuten bis zum Klingeln schaffe ich es jetzt zwar noch mühelos, Aynur mit Sarrazins Äußerungen auf die Palme zu bringen, kann dann aber nichts mehr zurecht rücken. Mist.
„Ach, es klingelt ja gleich“, sage ich feige, „ Wir haben doch Montag Klassenarbeitsstunde, da können wir uns mal darüber unterhalten. Kannst ja mal Nachrichten gucken, bis dahin.“
„OK,“ Aynur nickt. Dann sagt sie plötzlich: „Oder meinen Sie, was der eine gesagt hat, dass Türken dümmer sind?“ Ich nicke etwas beklommen.
„Ach…..“, sagte Aynur großzügig,“ woher soll der das überhaupt wissen? Ist der Lehrer oder was?!“
“ Nein,  der arbeitet bei einer Bank!“ sage ich.
“ Naja“, Aynur schüttelt den Kopf.
„Dann weiß der das nicht. Bei uns sind doch die Deutschen am schlechtesten!
Die sind doch alle drei sitzengeblieben!“

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Achtung Fallgrube! abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Aynur und Herr Sarrazin

  1. Shannon schreibt:

    „Politisches Zeitgeschehen aufgearbeitet und in schulhoftaugliche fünfzehn Minuten Lesestoff verpackt- frl. krise interveniert“
    Das ist erhellender als jede Doppelstunde WiPo. 🙂

  2. detrexer schreibt:

    „Dann weiß der das nicht. Bei uns sind doch die Deutschen am schlechtesten!
    Die sind doch alle drei sitzengeblieben!“

    …Damit hat die Kleine wahrscheinlich einen logischeren Schluss aus einer Statistik gezogen als Herr Sarrazin…

  3. iris schreibt:

    Viel Spaß am Montag!

  4. svnshadow schreibt:

    ich bin dann mal gespannt wie frl. krise sich DA heute (montag) schlägt

  5. Pingback: Niederbergers einzelMEINUNG » Blog Archiv » Bekloppte Welt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s