High noon

Meine Jungs wollen entweder Kfz oder Türsteher werden. Das mit dem Türsteher kann ich gut verstehen, ich finde das auch ganz toll…
In der großen Hofpause schlendere ich heute Mittag gelangweilt auf und nieder und schiele immer wieder auf die Uhr, wann denn nun endlich die Pause rum ist. Der Schuhof ist wie leergefegt – es ist zu heiß.
Da sehe ich zwei Typen durchs Hoftor kommen. Der Eine klein, aber aufgepumpt, der Andere groß und athletisch, beide schätzungsweise Anfang 20, unsere Klientel, nur älter eben, gegelte Haare,  solariumsrotbraun, penisbetonter Gang und Rasierklingen unter den Achseln.
Sie halten genau auf mich zu.
Ich bleibe ganz ruhig und fühle mich sehr stark und wichtig, schließlich stehe ich auf dem Boden der freiheitlich demokrati….., ach, Quatsch, auf dem Boden eines öffentlichen Schulhofes, also eines Privatgeländes und bin Lehrerin, aufsichtführende Lehrerin, vereidigte Staatsdienerin mit Kontroll- und Schutzfunktion sozusagen, fast so etwas wie eine Polizistin, mindestens aber eine beamtete öffentliche Türsteherin….
Das wissen die Typen natürlich nicht, sie sehen nur eine ältliche, unsportliche Lehrerin, die kurzsichtig durch ihre Brille späht.
Sie biegen ein bisschen nach links ab und wollen an mir vorbei auf den Schulhof .
„Moment mal, bitte,“ sage ich höflich, „ kann ich Ihnen behilflich sein?“
Sie stoppen und mustern mich von oben bis unten .
Der Kleinere sagt: „Ich will  Schuleitung!“
„Hier  bitte rein,“ sage ich und zeige auf den Eingang, „erster Stock links.“
Der Kleine geht in Richtung Eingang, der Große geht ungerührt weiter geradeaus.
„Entweder Sie gehen auch zur Schulleitung oder Sie verlassen das Gelände,“ sage ich streng.
„Ich bin Bruder von Neslihan,“ sagt er,  so, als ob das eine Legitimation wäre.
„Das ist mir egal,“ sage ich, „ICH kenne Sie nicht, deshalb gehen sie jetzt!“.
„Verstehst du nicht,“ sagt er drohend, „ ich bin Bruder von Neslihan!!“
„Habe ich verstanden“, sage ich, „ist mir aber egal, ich kenne Sie nicht. Da könnte ja jeder kommen.“

„Warum stellen Sie sich so an“, sagt der Kleine, der plötzlich wieder da ist. Er wollte also gar nicht zur Schulleitung.
Die beiden Typen stehen jetzt genau vor mir und sehen mich finster an. Die Sonne brennt auf den blanken Asphalt, die Schüler bilden einen Halbkreis um uns, es ist totenstill, nur eine Glocke läutet in der Ferne….

„Ich lasse Sie nicht rein, weil ich keinen Fremden hier reinlasse! Das geschieht zum Schutz der Kinder, also auch ihrer Schwester, falls sie überhaupt eine hier haben!“, sage ich unbeugsam.
„Ach, und SIE glauben, sie könnten hier was verhindern,“ höhnt der Kleine.

Ich sehe die beiden Typen völlig furchtlos an.
„Natürlich“, sage ich und stehe ganz ruhig und fest vor ihnen, denn als beamtete Lehrerin in wichtiger Türsteher-Mission kann einem gar nichts geschehen, man steht  in einem magischen Kreis, schließlich geht es um Recht und Ordnung!
„Natürlich – ich bin so eine Art Türsteher,“ erläutere ich.
Die Typen grinsen.
Ich klopfe mit der Hand auf meine Hosentasche:
„Ich habe hier ein………………………..DIENSTHANDY ! (sehr schade, dass ich nicht sagen kann: COLT ) Und wenn sie jetzt nicht sofort gehen, nehme ich es heraus und bin auch schon mit der POLIZEI verbunden.!“

Die beiden sehen sich überrascht an, dann zucken sie mit den Schultern und das Unerwartete geschieht, sie drehen ab und gehen betont langsam in Richtung Ausgang.

Ich atme aus und die Schüler sehen mich bewundernd an –  bilde ich mir jedenfalls ein.

„Haben Sie echt ein Diensthandy, Frl Krise ?“ fragt mich Emre.

„Klar Emre, was denkst du “ sage ich „ sogar eins mit Standleitung zur Polizei,“ und ziehe lässig ein gebrauchtes Tempotuch aus meiner ansonsten völlig leeren Hosentasche.

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9 Antworten zu High noon

  1. Arbeitstier schreibt:

    Sehr geil! Ich habe sogar innerlich Westernmusik gehört und die Spannung geradezu gespürt…!

  2. DarthMol schreibt:

    Kann man Sie auch buchen Frl Krise??? Sie scheinen Ihren Job ja hervorragend zu beherrschen…

  3. frau freitag schreibt:

    Diensthandy…ha…du hättest doch nur mit dem Katasteramt drohen müssen. Wichtig ist allerdings, dass man das falsche Selbstbewußtsein beim Verlassen des Schulgeländes wieder ablegt, denn in der U-Bahn zieht das Diensthandy nicht!

  4. Shannon schreibt:

    Oh Gott…oh Gott…oh Gott…ohGottohGottohGott!
    Erschrecken Sie mich nie, niemals wieder so!
    Mir ist fast das Herz stehen geblieben, also wirklich.

    Aber mit dem nichtvorhandenen Diensthandy konnte Ihnen ja nichts passieren, oder?

    Es grüßt ganz lieb,
    Shannon

  5. klangschön schreibt:

    Ey Res-peekt! Da hätten mir aber auch ganz schön die Knie geschlottert…

  6. Tohas schreibt:

    Haben Sie schon einmal überlegt, ihren Blog als Buch zu verkaufen? Ich denke er würde sich hervorragend verkaufen!

    „Frl. Krise: Tagebuch einer Brennpunkt-Lehrerin“

    Also ich würds mir kaufen und allen meinen Freunden zum Geburtstag schenken!!!

  7. Tricia McMillan schreibt:

    Wow, die Jungs wollen alle Türsteher werden, weil Sie so ein tolles Vorbild sind!

  8. KC schreibt:

    *tränenlach*

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