Nicht gleich sterben!

Heute kommt Merve vor der Deutschstunde an mein Pult. Ich rechne gerade in meinem Heft herum, Scheiße, diese Notengeberei macht mich echt fertig, Kopfrechnen ist gar nicht mein Ding!  53 :4= das geht doch nicht auf!

„ Frl Krise,“ fängt Merve an, „Frl. Krise, ich muss Sie mal was fragen“.

„Frag, frag“ sage ich und versuche innerlich verzweifelt  weiter zu rechnen: 40, Rest 13 im Sinn, geteilt durch vier, gibt…
„Meine Oma ist krank,“ sagt Merve mit Grabesstimme.

„Hm hm,“ sage ich.  Gibt 3, Rest 1… „Was hat sie denn, deine Oma?“
„Ich weiß nicht, sie hat Herz!“
Ich rechne blitzschnell zu Ende: 13! Also 13 Punkte. Was, soviel? Kann nicht sein! Ich lege den Stift beiseite.
„ Herz, oh jeh! Aber du wolltest mich doch was fragen, Merve“ , ermuntere ich sie. Inzwischen dämmert es mir nämlich schon längst , worauf das alles hinauslaufen wird….

„ Ja, sie liegt Krankenhaus,“ sagt Merve weinerlich, „ wir wollen bisschen früher Türkei gehen, bestimmt sie stirbt bald! Und ich wollte fragen, ob ich darf!“   (Aha, the same procedure as every year!) “

„Ja, Merve“, sage ich und blicke sie ernst an. „Verstehe ich das richtig, ihr wollt früher IN DIE TÜRKEI FAHREN, weil deine Oma…….das ist ja alles ziemlich schwierig….. Ich kann dir da nicht helfen, leider, ich darf dir nur einen Tag frei geben.  Da gehst du mal schön zur Schulleitung mit einem Brief von deinen Eltern. Und dann seht ihr, ob das erlaubt wird.“
Ich weiß natürlich genau, dass das nicht erlaubt wird, aber ich weiß auch so sicher, wie das Amen in der Kirche: Merve wird doch fahren. Sie wird pünktlich krank werden, zum Arzt gehen, ein Attest bekommen und einige Tage früher als erlaubt  in die Ferien abdüsen. Und wegen hinscheidender Omas und Opas oder heiratender Tanten und Onkel wird meine Klasse halb leer sein, wenn es Zeugnisse gibt.

Mein Blick fällt auf Nesrin, die sich neben mir auf meinem Pult niedergelassen hat und in mein Notenbuch schielt. „Wollt ihr auch in die Türkei fahren, Nesrin?“ frage ich. „Nö“, sagt Nesrin und schielt weiter. Ich klappe mein Buch zu.
„Aber letztes Jahr seid ihr auch früher gefahren, stimmts?“ Mir fällt ein, dass Nesrin mit ihrer Familie doch diesen kranken Cousin besuchen musste, diesen todkranken Cousin! Der noch so blutjung war. Knochenkrebs hatte der, meine ich mich zu erinnern. Oder war es Blutkrebs?
„ Wie geht es eigentlich deinem Cousin?“ frage ich mitfühlend.
„Welchem Cousin? Ich hab Tausende“, kichert Nesrin. (Sprach ich schon davon, dass meine Schüler ein sehr schlechtes Gedächtnis haben?)
„ Na, dieser kranke Cousin, der, der im Sterben lag, 15 Jahre war der alt oder so, wenn ich mich recht erinnere. Wegen dem ihr letztes Jahr so früh in die Türkei musstet, weil er jeden Moment sterben konnte.“
Nesrins Gesicht hellt sich auf. „Ach ja, der, ja, der ist wieder gesund.“
„Das ist ja super, was hatte der noch mal?“ Jetzt will ich es wissen.
Nesrin zuckt mit den Schultern. „ Vergessen!“ sagt sie fröhlich und hopst vom Pult runter.

In der letzten  Ferienwoche  beginnt dann eine schlimme Zeit für die Fluglinien. Eine nach der anderen macht Pleite. Besonders die im Nahen Osten.
Und dann sitzen meine anderen armen Schüler am Ende der Ferien in Beirut oder in Damaskus fest….. Tage verbringen sie im Ungewissen, schlafen auf Flugplätzen und beten um einen Platz und wenn es in einem Cargoflieger wäre, der sie mitnähme  in die deutsche Heimat, wo Frl. Krise schon ungeduldig auf sie wartet……

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4 Antworten zu Nicht gleich sterben!

  1. MissPorcelain schreibt:

    Oh und das liebe Frl. Krise wäre soo glücklich über eine nur halb besetzte Klasse und in der Welt verstreut wartende Schülerlein! Ruhe in der Klasse und kaum sind die Armen zurück haben sie auch schon vergessen wo sie waren und was in den Ferien so alles passierte…

  2. fraufreitag schreibt:

    wenn du sie richtig ärgern willst, dann fährst du heidepark – aber am letzten Tag vor den ferien!!!

  3. Shannon schreibt:

    Als die Aschewolke den Flugverkehr lahmlegte, waren zwanzig Lehrer fort…
    Aber aus der Schülerschaft nur dreizehn. Das war lustig. Da hoffe ich diese
    Ferien auch drauf, dass einfach alle, die mich nerven, nicht Heim kommen.
    Gemein? Vielleicht. Aber dafür wenigstens keine sterbenden Cousins, nicht wahr?

    Es grüßt ganz lieb,
    Shannon

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