Eine Oase?

Lehrerzimmer sind für Lehrer die Oasen in der Wüste der Schule. Öffnet man jedoch als Fremder die Tür zu einem dieser Paradiese, so prallt man meist erschrocken zurück, wähnt man sich doch plötzlich in der Papiersammelstelle eines Abfallentsorgers.

Die Tische (nur im äußersten Glücksfall handelt es sich dabei um Schreibtische) biegen sich unter hohen Papierstapeln, Bücherbergen, überquellenden Ablagen und Leitzordnern. Vor dem verbleibenden, etwa ein DinA4 großen freien Feld eines jeden Platzes hockt der Lehrer mitsamt Kursheften, Kaffeebecher/ Teetasse, Apfelschnitzen in einer Plastikdose, Vollkornbroten, Plätzchenpackungen, Federtasche und Haftzetteln auf einem alten, ergonomisch bedenklichen Stuhl.
Durch ständiges vorsichtiges Umschichten der ihn umgebenden Materialberge fördert er wie aus einem Tagebau die nötigen Unterlagen für seinen Unterricht hervor. (Die Erfindung des USBsticks hat merkwürdigerweise wenig zur Änderung dieser Arbeitsweise beigetragen). Genetisch bedingt muss im Lehrer ein Eichhörnchen wohnen, das zwanghaft Papier sammelt und stapelt. Nach meinen Beobachtungen haben nur die Naturwissenschaftler einigermaßen aufgeräumte Plätze. Ihnen fehlt das Eichhörnchen-Gen.
Du als Neuling im Kollegium kannst sofort einen Kardinalfehler machen: Du setzt dich harmlos auf einen frei aussehenden Platz, weil irgendwer im Vorbeigehen generös sagte „Wir haben hier keine festen Plätze.“

Falsch!!! Ein Platz sieht frei aus, weil hier ein Mathelehrer sitzt oder eine Kollegin, die gerade wegen Burnout auf Kur ist. Es gibt keine freien Plätze!

Deshalb: Lieber erst mal auf einen festen Platz verzichten und eine Woche auf dem verschlissenen Sofa in der dunklen Ecke hinten links wohnen. Aber sogar hier ist Vorsicht geboten, vielleicht handelt es sich um den Stammplatz des betagten Sportlehrers, der da seit 18 Jahren in der zweiten großen Pause liegt um sich von seinem zermürbenden Unterricht zu erholen.
Erst wenn man einen groben Eindruck von den Lebensgewohnheiten der Population gewonnen hat, sollte man an einen eigenen Bau denken……….

Schließlich stößt man im Lehrerzimmer auf sämtliche Formen des Sozialverhaltens, von strikt einzelgängerischen Individuen , die jeden Kontakt zu Artgenossen meiden, über paarweise Zusammenlebende, bis hin zu Artgenossen, die ein ausgeprägtes Sozialsystem entwickelt haben.
Es gibt Kollegen, die nie im Lehrerzimmer auftauchen und solche, die quasi hier wohnen. Sie sind immer schon da, wenn man morgens herein taumelt und sie gehen als Letzte, auf keinen Fall vor dem Dunkelwerden. Den ganz Penetranten gibt der Hausmeister vermutlich heimlich einen Hausschlüssel, weil er auch mal Feierabend haben will.

Meine Kollegin Alma, die dieser speziellen Spezies angehört, hat eine ganz ausgefallenen Idee auf Lager: „Lass’ mal im Lehrerzimmer übernachten, Frl Krise,“ sagt sie zweimal im Jahr zu mir, „wir alle zusammen, das wär’  schön!“

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3 Antworten zu Eine Oase?

  1. fraufreitag schreibt:

    Warum nur übernachten, lass uns dort gleich einziehen? wer braucht denn noch einen wohnung??? Gibt doch keinen schöneneren Ort auf der Welt als ein Lehrerzimmer. wie ich schon schrieb, ich erwäge immer noch mir ein Lehrerzimmer in meiner Wohnung einzurichten.

  2. frl. Krise schreibt:

    …und ich mich in der 8. Stunde!

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