Gründonnerstag

„Ich habe doch nur EINEN Gin Fizz bestellt!“ sage ich und starre auf die beiden randvoll gefüllten (Latte Macchiato-) Gläser, die der Kellner für mich schwungvoll auf den Tisch knallt. Ich kann nicht gut sehen in der schummrigen Ecke der Cocktailbar und rutsche nervös auf einem niedrigen Lederhocker hin und her.
„Is ist doch häppy hour, Frl. Krise!“ sagt Dennis und prostet mir zu. Er trinkt etwas Milchiges aus einem Riesenpokal und rollt verzückt mit den Augen. „Bei häppy hour gibt’s immer zwei Gläser auf einmal! Darum treffen wir uns ja auch hier!“
Die anderen nicken – das heißt, soweit sie ihn hören können. Die Musik ist nämlich sehr laut.

Wir haben Klassentreffen. Wir, das sind Frau Herz, unsere beiden vorvorletzten Klassen und ich.
Dreizehn Schüler aus meiner Klasse sind gekommen – von vierundzwanzig. Immerhin.
Klassentreffen – so was kriegen Unsere sonst gar nicht hin. Aber Sina und Gina haben alles organisiert – wie früher!
„Kinder, ihr habt euch ja kaum verändert!“ stelle ich fest und schon nach wenigen Minuten herrscht alte Vertrautheit. Schön ist das! Diese Klasse war aber auch immer nett. Einundzwanzig bis Zweiundzwanzig sind sie jetzt, verlobt, verheiratet und geschieden. Kinder wurden auch schon gezeugt…
Einige haben sich jedoch aufs Lernen konzentriert.„Frl. Krise, Sie haben gesagt, ich schaffe niemals Abi! Aber ich habe es geschafft!“ Ying sieht mich triumphierend an. „Und Pascale hat es auch geschafft und Oktay auch!“ Ich bin beeindruckt. „Jungs, damals wart ihr aber noch auf einem ganz anderen Trip!“ Pascal grinst: „Ja, wa? Aber Sie haben nicht umsonst gepredigt!“ Die drei wollen Ingenieure werden, Sina und Nesli sind medizinische Fachangestellte, Dennis ist Fliesenleger, Gina Hotelfachfrau, Zora macht das Abitur nach, Sascha ist beim Bund und Mike Verkäufer an der Fleischtheke. Volkan schüttelt ein bisschen verlegen den Kopf – er war Security, ist aber gerade arbeitslos. Dafür erwartet seine Frau in vier Wochen einen kleinen Jungen.
Als letzte schneit dann noch Su Ellen herein, doch davon später.
Sascha hat jede Menge Fotos dabei (auf dem iphone!) und wir amüsieren uns beim Ansehen. „Wie sie aussieht! Was er anhat!“
Und alle sind sich einig: „Die Schule war voll die schönste Zeit in unserem Leben!“
DA! Da ist es wieder… ‘Schule – die schönste Zeit in unserem Leben’. Innerlich schüttele ich den Kopf. Himmel, warum sagen das alle Schüler, die ich nach Jahren wieder sehe? Wie traurig, wenn nach der Schulzeit nichts Tolles mehr kommt! Für uns damals fing doch da erst richtig das Leben an! Studieren, die Welt und interessante Leute kennen lernen…

Wie auf allen Klassenfotos sitzt auch heute Abend Mike dicht neben mir. Dennis berichtet wie immer von seiner schwierigen Coexistenz mit den „Bullen“, Sina und Gina lipglossen sich im fünf-Minuten-Rhythmus und Volkan verschwindet unauffällig, um eine zu rauchen. Genau wie früher.
Plötzlich wird es still. Sue Ellen hat ihren Auftritt. Ein bisschen ratlos steht sie vor uns. Ich erkenne sie kaum. Um Gottes Willen! Was ist mit ihrem Gesicht passiert? Was mit ihrer Brust?
„Operiert!“ sagt Frau Herz später. „Grauenhaft!“
Sie mache gerade mit Hilfe eines Fernkurses ihr Abi nach, wolle dann Psychologie studieren und arbeite zur Zeit in der Gastronomie… „In einer Bar!“ argwöhnt Frau Herz.
Nach drei Stunden endet die häppy hour und unser Treffen. Zum Abschied überreichen mir Sina und Nesli eine Flasche Wein und eine Schachtel Pralinen. Auf einer Karte, von allen unterschrieben, steht:
„Danke! Und viel Glück auf ihrem Lebensweg!“
„Sie haben doch damals nichts von uns bekommen, als wir aus der Schule gingen!“ sagt Sina. „Aber jetzt, wo sie pensioniert werden, verabschieden wir uns richtig.“ Wie süß! Ich bin gerührt…

Den größten Schlag versetzt mir Lenny aus der Klasse von Frau Herz. Er schüttelt mir zum Abschied die Hand: „Was ich Sie den ganzen Abend fragen wollte, Frl. Krise! Mögen Sie immer noch Mascha Kaleko?“
Verwirrt nicke ich – wie kommt denn der jetzt darauf?
„Ich musste dran denken, als ich hierher lief! Ich kam an der Bleibtreustraße vorbei, und da… wir hatten doch die Gedichte in Deutsch bei Ihnen. Mascha Kaleko hatte doch so Heimweh nach ihrem Berlin und ihrer Straße. Die Bleibtreustraße!“
„Das hast du dir gemerkt?“ Ich bin platt. Lenny, der vor sich hin schlief oder mit Pascal quatschte… Der hat sich das gemerkt?
„Ganz ehrlich, Frl. Krise! Schöne Gedichte sind das…! Wissen Sie was? Ich lese jetzt auch Bücher…!“

Frau Herz und ich schliddern leicht beschwipst über das vereiste Trottoir zur U-Bahn. (Dabei habe ich nicht mal mein erstes Glas ausgetrunken und Frau Herz blieb ganz bei Kaffee und Selters!) Es ist eiskalt und ein schneidender Ostwind fegt über die Straße. Wir klammern uns aneinander.
„Da siehste mal!“ sage ich euphorisch und drücke ihren Arm. „Wird doch noch was aus ihnen!“
„Hm,“ sagt Frau Herz und bleibt stehen. „Es ist wie mit Aktien, Frl. Krise. Am besten man guckt erst nach ein paar Jahren wieder danach!“

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Das ruhige Rentnerleben…

Am Sonntag hatte ich dreifach frei: Sonntag plus Ferien plus Pension.
So viel Freizeit auf einmal hatte ich noch nie!
Allerdings: Gespürt habe ich nichts davon, denn Frau Freitag und ich workten den ganzen Tag heftigst vor uns hin…
Frl. Krise, so geht das nicht weiter, sagte ich abends zu mir und sank erschöpft auf die Couch, um sofort vor dem Tatort einzuschlafen.
Tzzzzz! Eine Woche pensioniert und nur geschuftet!

Gestern Morgen sprang ich um halb sieben schlecht gelaunt aus dem Bett.
Vier Fenstereinbauer standen wenig später mit einem unglaublich riesigen Handwerks-Equipment vor der Tür und begannen hurtig meine Wohnung in Schutt und Asche zu legen.
Mittendrin erschien Tochter Nr. 2 und brachte mir für einige Stunden (Notfall!) ihr kleines Kind, welches günstigerweise gerade das Krabbeln und Fremdeln gelernt hatte.
Zwischen Krach, Kürbisbrei und Kinderpopo versuchte ich die allgemeine Stimmung durch hartes Entertainment hochzuhalten.
Abends befreite ich die Wohnung vom schlimmsten Staub – dachte ich jedenfalls – wurde aber morgens im hellen Tageslicht eines Besseren belehrt.
Heute war ich selbstverständlich auch wieder früh auf den Beinen – schließlich wollten die Fenster-Jungs gegen acht Uhr da sein. Irgendwelche Leisten und die Fensterbänke…
Dann rief der Meister an. „Frl Krise, es wird später! Wir fahren eben noch mal an eine andere Baustelle!“
Na gut, dann eben wieder zu Frau Freitag und weiterarbeiten.

Oh, Leute! Warum hat mich niemand vor dieser Pensionierung gewarnt? Wo ist mein ordentlicher Stundenplan? Wo sind die Pausen? Wo der Feierabend?

Jammert bitte nicht, wenn es hier ein paar Tage nichts zu lesen gibt! Ich tue, was ich kann, aber ich verbringe Ostern wie üblich im Western der Republik und falls es dort nicht zu Ei-Schnee-Treiben oder ähnlich außergewöhnlichen Katastrophen kommt, werde ich nicht posten.

Deshalb wünsche ich euch allen auch schon jetzt: Frohe Ostern, ein bisschen Sonnenschein und noch viele Jahre geregelter Arbeit!

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Kismet

Mein Nachfolger im Amt der Klassenlehrerin ist Alex.
Seine Fächer sind Sport und Chemie. Die Schulleitung scheint ihn allerdings für eine Allzweckwaffe zu halten, denn sie setzt ihn, solange sein Stundenplan noch nicht steht, querbeet ein – er muss Mathe, Geschichte, Deutsch, Ethik und Diverses unterrichten.
Alex macht alles.
Und sein Amt als neuer Klassenlehrer? Alex gibt sich Mühe, aber unsere Klasse erweist sich als harter Brocken. Neue Lehrer müssen schließlich erst mal ausgetestet werden.
Das Ergebnis ist, dass sich die Mimose Merve nach den ersten Stunden beklagt:
„Herr Plate ist voll gemein, voll streng!“ und Musa, der am liebsten im slow motion – Modus lebt, murrt: „Was ist das für ein Lehrer! Er hat mich voll herumgehetzt!“
Alex ist ein bisschen angeschlagen. Er will gerne nett sein, aber er muss hart durchgreifen, damit ihm die Kinder nicht auf der Nase herum tanzen.
„Das wird schon!“ sage ich. „Wenn die erst geschnallt haben, dass sie bei dir arbeiten müssen und nicht herumtändeln, dann bist du über den Berg!“
Alex seufzt. So schwierig hatte er sich das alles wohl nicht vorgestellt. Er kommt aus der Provinz, da ticken die Uhren noch anders. In der Hauptstadt ist das Leben härter…
„Diese Klasse ist das reinste GOLD gegen unsere letzte Klasse! Kannst du mir glauben!“ sage ich. „Ich verrate dir was: Ich habe ein Buch über sie geschrieben, das bringe ich dir morgen mit, damit du siehst, wie gut du es hast!“
Alex sieht mich zweifelnd an.

„Hast du es?“ fragt er am nächsten Morgen gespannt und ich nicke und angele das Buch aus meiner Tasche heraus. Ich bin erfreut, endlich interessiert sich mal jemand dafür!
Alex nimmt es in Empfang und wendet es etwas unschlüssig in seinen Händen hin und her. Er blättert es auf und schlägt es wieder zu, studiert das Cover und runzelt die Stirn.
„Hm.“, sagt er.
Was ist los mit ihm? Glaubt er nicht, dass das meins ist?
„Ich habe es sogar für dich signiert!“ verkünde ich.
„Hm.“ Alex guckt mich verwirrt an. „Das hast DU geschrieben?“
„Sag ich doch!“
„Und der Name? Frl. Krise?“
„Das ist natürlich ein Pseudonym.“
Er schüttelt den Kopf.
„Ghetto-Oma!“ sagt er. „Tzzzz! Ghetto-Oma! Dieses Buch haben sie gelesen in meinem letzten Kollegium. ‘Du willst nach Berlin gehen, Alex?’ haben sie zu mir gesagt. ‘Dann lies mal vorher lieber die ‘Ghetto-Oma”!“
Er grinst.
„Du bist die Ghetto-Oma?“ Ich nicke etwas verlegen.

Armer Alex! Seine Kollegen sollen sich übrigens sehr gefreut haben, als sie erfuhren, wessen Klasse er in Berlin übernommen hat…

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Frl. Krise und Über

In meinem Kopf sitzt ein kleines Männchen. Es heißt mit Vornamen “Über” und mit Nachnamen “Ich”.
Über Ich ist übrigens nicht türkischer Herkunft, obwohl sich der Name sich wegen des Ü ein bisschen so anhört, sondern stammt, soweit ich weiß, ürsprünglich aus Wien. Es wohnt schon sehr lange in meinem Hirn und nimmt sich deshalb einige Rechte heraus.
Am Montag weckt mich Über um halb sieben. “Spinnst du?” sage ich erbost. “Was soll das denn? Ich bin pensioniert und kann ausschlafen!”
“Damit fängst du gar nicht erst an. Steh auf!” kommandierte Über, aber ich bleibe liegen. Bis halb acht genau. Dann machte Über so ein Theater, dass ich mich erhebe, dusche, anziehe und um halb zehn das Haus verlasse.

“Krank! Bekloppt! Crazy!” sage ich ärgerlich zu mir und setzte mich ins Auto. Das Auto wundert sich auch, fährt mich aber freundlicherweise ohne Murren zu meinem neuen Arbeitsplatz. Unterwegs komme ich an meiner Schule vorbei, was keine große Emotionen bei mir auslöst, nur ein bisschen Verwunderung. Normalerweise gibt es nämlich vor der Schule nach acht Uhr keine freien Parkplätze mehr. Wenn ich erst zur zweiten Stunde oder dritten Stunde Unterricht hatte, hieß das, entweder gleich früh kommen und lange suchen. Deshalb fuhr ich auch am liebsten mit dem Fahrrad.
Heute ist natürlich alles frei vor der Schule! Ich könnte locker einen Lastwagen mit Anhänger parken. Typisch.

Der co-working-space ist schon voller als ich dachte. Montag Morgen! Aber es sind noch genug Plätze frei. Die Atmosphäre ist angenehm, wenn auch etwas unpersönlich – schließlich kenne ich noch niemanden. Der Typ mir gegenüber übersieht mich geflissentlich, nur sein Hund schnüffelt ein bisschen an meinem Bein herum.
Na, besser so, als umgekehrt.

Ich habe viel zu tun. Ihr denkt sicher: Typisch – Rentnerin! Viel zu tun… hahaha – Emails checken, Facebook lesen, vielleicht noch die Sonderangebote von Lidl aufrufen – mehr gibts doch da nicht…
Ha! Weit gefehlt.
Die Druckfahnen von unserer Krimikomödie sind gekommen, also dem Opus, das Frau Freitag und ich im Sommer geschrieben haben. Die Fahnen müssen jetzt pingelig genau kontrolliert werden, denn sonst enthält das Buch später Fehler.
Dann wollen wir eine längere Geschichte für eine Anthologie schreiben – an der murksten wir schon am Wochenende halbherzig herum – und einen neues Projekt bettelt auch noch um ein bisschen Zuwendung. Emails und so’n Kram darf man natürlich nicht vergessen.

Über Ich findet das alles herrlich! Er mag es, wenn ich busy bin und ist entsprechend entsetzt, als ich schon nach vier Stunden Feierabend mache.
Ich bin wohl gelaunt, meine Nerven fühlen sich an wie frisch poliert und ich komme mir übertrieben fleißig vor – immerhin ist es nach 15.00 Uhr. Als ich noch im Schuldienst war, hatte ich um diese Zeit auch montags frei.Nur fühlte ich mich da meistens schon wie durch den Wolf gedreht.

Über Ich hat auch heute Morgen gejubelt. Bowlen mit der Klasse. Ein letztes Mal. Yeah!
Na ja, Über. Jetzt halte mal die Bälle flach… Hat Spaß gemacht, aber ich war auch nicht böse, als es vorbei war. Kinder sind echt laute Geschöpfe. Sie haben eine Tendenz sich zu streiten, sich mit schlechten Ausdrücken zu bewerfen und zu behaupten, ich könne nicht bowlen. Stimmt sogar, aber sie können es auch nicht.
Bowlen gehört auch meiner Meinung nach zu den überschätzten Sportarten. Der Einzige, der brillierte, war Alex, mein Nachfolger. Aber der war nicht mit sich zufrieden – zu wenig Strikes. Um 12.00 Uhr war’s vorbei. Meine Kinderlein, altersbedingt flexibel und pubertär ichbezogen waren nicht sonderlich traurig und ich auch nicht. Nur Musa war ein bisschen betrübt und Merve auch.
Wir werden uns ja auch hin und wieder sehen, denn ich habe noch ein paar Kleinigkeiten an der Schule zu erledigen.
Das ist mir schon fast ein bisschen lästig…

Times are changing.

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Tamam!

Ganz gut eigentlich, dass diese letzte Schulstunde so chaotisch war. Keine Wehmut! Als es klingelt, bin ich heilfroh – so wie man es immer ist, wenn eine Stunde nicht gut läuft. Meine Klasse! Um 15.00 Uhr ist mit denen eben nichts mehr anzufangen.
Gut, dass ich meine Verabschiedung auf Dienstag Vormittag, den Wandertag, verlegt habe – weit weg von der Schule auf den neutralen Boden einer Bowlingbahn.
Sehr passend! Wer bowlt schon vormittags? Doch nur Rentner und Schüler!

Ich schließe die Klassentür also ohne Bedauern – im Gegenteil – geradezu erleichtert.

„Frl. Krise!“ Eine anderthalb Meter lange rote Tankstellenrose wird mir entgegengestreckt. Hinter der Rose steht mit einem kleinen, traurigen Gesicht Sara.
Sara! Sara aus meiner letzten Klasse, Sara, mir der ich mir so viele Fights geliefert habe…
„Sara! Was machst du denn hier?“
„Ich habe gestern Mustafa getroffen und der hat gesagt, Sie sind fertig mit Schule. Und da wollte ich noch mal…“ Sie fällt mir um den Hals.
Ich bin ganz gerührt.
Sara sieht sich um und legt ihre Hand leicht auf die Klassentür. Karl ist jetzt darin, er tut mir leid! Die neunte Stunde – nee, danke schön.
Auf dem Weg nach unten erzählt mir Sara, dass sie vor ein paar Tagen aus ihrer Lehrstelle entlassen wurde. Probezeit nicht bestanden. Medizinische Fachangestellte wollte sie werden… Aber das war auch nicht so toll bei diesem Arzt.
Jetzt sucht sie etwas anderes, etwas ganz anderes…was, weiß sie noch nicht so genau.
Sie sieht schmal und blass auf. Kein selbstsicheres Auftreten wie früher, keine arroganten Blicke, nichts davon. Kein dickes Make-up, keine riesigen Ohrringe. Nur die gemalten balkenartigen Augenbrauen sind noch da..

„Ach! War schön hier,“ sagt sie und ihre Augen füllen sich mit Tränen. Mir wird auch ganz mulmig zu Mute. Schnell das Thema wechseln!
„Ist dein Verlobter jetzt in Deutschland?“
Sara nickt.
„Seit ihr schon verheiratet?“
„Janein. Nur islamisch! Noch nicht auf Standesamt. Kommt noch…“ Wie eine glückliche Braut sieht sie irgend nicht aus…
Sara fällt mir wieder um den Hals und küsst mich.
„Chillen Sie ihr Leben, Frl. Krise! Ich adde sie auf face!“ sagt sie, dreht sich um und läuft den Gang entlang zu ihrer kleinen Schwester, die vor der Mensa auf sie wartet.

Im Lehrerzimmer ist es ganz ruhig. Niemand da.
So, war’s das?
Mein abgeräumter Schreibtisch sieht fremd aus. Blumensträuße und Geschenke – nicht das übliche Chaos von Mappen, Blättern und Büchern.

Ab morgen wird hier Karl neben Frau Herz sitzen…

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Hüseyin wünscht mir was

Heute war mein vorletzter Schultag.
Viel zu tun hatte ich nicht mehr. Ein bisschen unterrichten – viele meiner Stunden wurden schon von Kollegen übernommen – ein bisschen aufräumen, abheften, quatschen, …was man an letzten Tagen eben so macht.
Langsam sickert durch, dass ich morgen gehe, aber ich habe mir jegliches Verabschiedungsgedöns verbeten. Ich werde noch mal mit den Kollegen feiern, aber nicht jetzt, sondern später bei unserem jährlichen Grillen.
Morgen dann noch Deutsch und Ethik und fini.
Nächste Woche beim Wandertag schlage ich wieder auf und verabschiede mich beim Bowlen von meiner Klasse.
So weit – so gut. Und mir geht’s auch gut. Irgendwie fühlt sich das alles ganz richtig an. Bestimmt wird’s morgen noch mal traurig, aber ich habe mich in den vergangenen Wochen schon ziemlich abgenabelt.
Abends dann essen gehen mit Frau Freitag und… am Freitag …äh…am Freitag? Was mach’ ich da?
Keine Angst: Das Programm steht!

Mein Programm für heute war sozusagen der Einstieg ins neue Leben: Ich habe den Vertrag für einen externen Schreibtisch unterschrieben. In einem co-working space, wie man das heute nennt. Ab Montag werde ich in einem großen Raum mit vielen Menschen arbeiten. Es ist da ein bisschen wie im Lehrerzimmer, bloß – es klingelt es nicht, kein Kind wummert an die Tür, der Unterricht entfällt und die Kollegen sind fremde (meist junge) Menschen.
Ich bin gespannt!
Zu tun habe ich genug: jeden Tag können die Fahnen für unser neues Buch kommen, (‘wir’ sind Frau Freitag und ich), wir sind noch in andere, zum Teil längerfristige Projekte verstrickt und außerdem bin ich jetzt endgültig „das Sekretariat“ unseres Teams.
Ach so – der Blog!!! Ja, der will auch geschrieben werden. Mal sehen, was dabei rauskommt!

Beschwingt verlasse ich meinen neuen „Arbeitsplatz“ und strebe meinem Auto zu. Nie mehr Schule, nie mehr Schüler….

„Frl. Krise!“ höre ich da. „Frl. Kriiiiise!“
Hüseyin aus der zehnten Klasse, den ich bis zum Februar in Kunst unterrichtet habe, steht auf der anderen Straßenseite und winkt mir wie verrückt zu. Hüseyin war schlecht in Kunst und er ist mir ganz schön auf den Nerven herum getrampelt. Wohnt der etwa in dieser Ecke?
„Was machen SIE denn hier, Frl. Krise? Waren Sie in dies Lokal?“
Er zeigt auf den Schnellimbiss, vor dem ich stehe. Ich nicke.
„Da gibt’s gute Döner! Warten Sie, ich komme rüber!“ Er stürzt sich selbstmörderisch über die befahrene Straße.
„Frl. Krise, warum gehen Sie von unsere Schule? Miriam hat mir gesagt.“
„Ich werde pensioniert! Also, ich gehe in Rente, sozusagen! Und du bist ja auch bald fertig – in drei Monaten.“
„Jaaaa, ist voll komisch, wa, Frl. Krise…? Ich war vier Jahre an unsere Schule…“
„Und ich zwölf…“
„Voll lange! Ich geh jetzt mein Onkel helfen, der hat ein Laden hier.” Er zeigt auf einen kleinen Getränkemarkt.
„Und ich fahre nach Hause! Ich wünsche Dir alles Gute für die Zukunft, Hüseyin!“
Hüseyin nickt ein bisschen betrübt. Dann schüttelt er meine Hand.
„Frl. Krise!“, sagt er und lächelt: „ Und ich… ich wünsche Ihnen ein schönes Leben!“

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Dangerous Minds…

Ich bin ganz alleine im Lehrerzimmer. Schnell ein Plätzchen aus Frau Müllers Vorräten mopsen und ran an den Kopierer. Das Arbeitsblatt für die Zehn vierundzwanzigmal kop… aber Herr Kopierer belieben schlechte Laune zu haben. Er verschluckt sich am frischen Papier und spuckt nur komische Fetzen aus.
Ich reiße untertänigst alle seine Türchen und Klappen auf und stochere in seinen Gedärmen herum. Nicht, dass mir das Spaß macht! Und die Verdauungsstörung lässt sich auch nicht so ohne weiteres beheben…
Warum sollte ich das überhaupt machen?
Wie oft bin ich in den letzten Jahren hier an den Kopierer gegangen und habe einen Stau vorgefunden, den irgendein Kollege zurückließ?
Pfffff….Ich muss doch nur ein paar Stunden geben. Ich muss eigentlich gar nichts mehr kopieren! Papierstau? Mir doch egal!
Ich könnte statt dessen in die Mensa gehen und mir einen Kaffee holen.
Und warum sollte ich eigentlich dann meine Tasse in die Spülmaschine des Lehrerzimmers stellen? Machen die Herren Schmidt und Jäger ja auch NIE! Habe ich jedenfalls in den letzten zehn Jahren so beobachtet. Die stellen ihre Tassen, Teller, Gläser einfach auf die Spüle. IMMER! Bloß ich Trottel habe wer weiß wie oft alles eingeräumt…

Ich könnte mich jetzt mal so richtig schlecht benehmen, überlege ich mir und fange gleich damit an, indem ich mir noch ein Plätzchen nehme. Voll lecker, diese Sorte. Schade, dass die Packung jetzt leer ist!

Ja, echt Leute! Der Gedanke lässt mich nicht los. Mir kann doch keiner mehr was!
Herrlich. Ich könnte mir zum Schluss einen voll unpädagogischen Abgang verschaffen:

Ich könnte Ali aus der Achten endlich mal seine ewige Chipstüte aus der Hand reißen und sie aus dem Fenster leeren. Oder Yasemins Müllberge unter ihrem Platz mit Handfeger und Schaufel zusammenkehren und in ihre Schultasche schütten. Oder Mirkan, der mit seinem Getrödel aus dem Klassenraum regelmäßig meine Pause verkürzt, endlich einmal im Klassensaal einschließen. Oder Mariam und Merve einen langen Tag im Klo verschaffen. Oder Zara im Vorbeigehen so laut ins Ohr schreien, nein, lieber in beide, bis es bei ihr auch mal fiept.
Oder zu Kollegin Hoffmann „dusselige Kuh“ sagen – die wüsste schon warum! Oder morgens eine Stunde später in die Zehn kommen – mit der Bemerkung „Ist doch euer Problem, wenn ihr pünktlich seid! Ich musste mir jedenfalls noch meine Haare glätten!’ Oder Eren den Stinkef…

STOPP, STOPP STOPP, FRL. KRISE! Jetzt bitte sofort mit dem Schreiben aufhören!
Bis hier ging es ja noch! Wer weiß, was dir noch alles einfällt!
Was sollen die Leser von dir denken?
So letzte Tage, huh – die sind gefährlich…!

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