Da staunt der Laie und die Fachfrau wundert sich…

„Bitte schön, Frl. Krise, Ihren Kaffee!“ Hanna lächelt mich freundlich an. Sie hat sich sehr verändert. Aus Blond wurde hellbraun, die orangefarbene Schicht auf ihrem Gesicht ist einer natürlichen Blässe gewichen und ihre Sprache erst! Kaum wiederzuerkennen: Ich bin schon seit fast zehn Minuten in diesem Restaurant und habe noch kein einziges „vallah“ „aboooo“ oder „Hurensohn“ aus ihrem Munde gehört.
Nein, ganz im Gegenteil, sie hat mich erstaunt, aber ausnehmend freundlich und höflich begrüßt, als ich reinkam. Jetzt schwirrt sie gleich wieder ab, der Laden ist nämlich proppenvoll.

„Meine Ausbilderin hat mir erlaubt, dass wir uns kurz unterhalten,“ sagt sie, als ich bezahlen will. “Kommen Sie, wir rauchen eine vor der Tür!”
Hallo? Kann das sein? Hanna fragt irgendjemanden, ob sie irgendetwas machen DARF?
„Da staunen Sie, wa, dass ich Ausbildungsstelle gefunden habe! Aber die Leute von den Träger, bei den ich ein halbes Jahr war, haben mir geholfen.“ Sie zeigt stolz auf ihr Namensschild, das an der langen blauen Schürze befestigt ist. „Hanna, 1. Ausbildungsjahr“ steht da.
Ihr gefällt die Arbeit. Es ist anstrengend und pünktlich muss sie auch noch sein. Aber alles scheint zu klappen.
Wir unterhalten uns ein bisschen über die guten alten Zeiten.
„Unsere Klasse war Legende, wa, Frl. Krise?“ sagt Hanna stolz. „War schlimmste Klasse ever!“
Na ja, denke ich…’Legende’! Was die sich zusammenspinnen! ‘Schlimmste Klasse ever’ stimmt schon eher. Menschlich kamen wir uns ja gegen Ende sehr nahe, aber die Abschlüsse, die Abschlüsse! Oder vielmehr die die nicht gemachten Abschlüsse! Mehrere Schüler ohne Hauptschulabschluss, nur einer mit Realschulabschluss… und was die mit ihrer Verhaltens’originalität’ meinen Nerven angetan haben! Ein zartbesaiteres Wesen als ich hätte sich damals glatt hinter den Bus geworfen.
(Wer diesen Blog vom Anfang bis zum August 2012 gelesen hat, weiß wovon ich spreche!)
Ich bezahle und verabschiede mich. „So, Hanna, mach’s gut. Bis demnächst mal!“ Ich bin schon fast um die Ecke, da fällt Hanna noch etwas ein.
Sie rennt hinter mir her.
„Ach, Frl. Krise! Sie haben auch ein Buch über uns geschrieben, stimmt’s?“
Ich zucke zusammen. SHIT!
„Wie kommst du darauf?“ frage ich vorsichtig.
„Turgut und Erkan haben so eine Lehrerin von der Schule im Park getroffen, die hat das erzählt! ‘Ghetto-Oma’ heißt das Buch!“ Hanna kichert. „So hat Nesrin Sie doch immer genannt.“

Frau Lehmann!
Die hatte mir vor ein paar Wochen erzählt, dass sie sich am Wochenende sehr nett mit ehemaligen Schüler unterhalten hätte. Sie kannte sie zwar nicht beim Namen, aber nach der Beschreibung konnte es sich nur um die zwei Oberchaoten aus meiner Klasse handeln.
„Ich hab ihnen erzählt, dass du ein Buch über sie geschrieben hast!“ sagte die liebe Kollegin freudestrahlend und ich erstarrte. Das durfte ja wohl nicht wahr sein!
Nervös las ich in den nächsten Tagen jeden Post meiner alten Schüler bei Facebook.
Aber nichts geschah. Nur einmal schrieb Mustafa mir eine Nachricht: „Ich habe gehöhrt, sie haben Buch über unsere Klasse geschriben.“
Nach einer Schrecksekunde entschloss ich mich zum Angriff: „Ja, klar, was sonst?!“ antwortete ich auf der Stelle. „interesante sache,“ kam zurück.
Sonst passierte nichts. Gar nichts.
Ich fühlte mich sicher.

Und nun das.
Hanna weiß Bescheid.
Alle aus der Klasse wissen Bescheid – sagt Hanna.
„Hat denn einer das Buch gelesen?“ frage ich etwas verlegen. Leugnen ist ja nun überflüssig.
„Nein!“ Hanna schüttelt den Kopf. „Aber können Sie mir Buch nicht einmal mitbringen und leihen? Bitte, bitte, Frl. Krise“
„Nö,“ sage ich.
Soll sie doch in eine Buchhandlung gehen, wenn sie es wirklich LESEN will. Rauchen tut sie ja, wie viele andere, schließlich auch – das Buch kostet gerade mal so viel wie zwei Päckchen Kippen. Und in der Bücherei bekommt sie es ganz umsonst.

Ich bin ein bisschen erschüttert. Nicht, weil ich möchte, dass sie mein Buch lesen! Nein! Ganz und gar nicht!
Aber dass nicht einmal die Tatsache, dass es ein Buch über SIE gibt, sie neugierig aufs Lesen macht, das wundert mich.

Frau Herz grinst, als ich ihr von Hanna erzähle:
“Ist doch klar!”, sagt sie. “Und das weißt du doch auch, Frl. Krise! Lesen ist eben einfach schwul!”

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49 Antworten zu Da staunt der Laie und die Fachfrau wundert sich…

  1. Uli schreibt:

    Hrhr das ist wirklich großartig jeder hat “gehört” das es ein Buch gibt, aber das auch mal Kaufen und Lesen nein auf gar keinen Fall.

  2. frlkrise schreibt:

    Danke für den Hinweis auf den Fehler!!

  3. Olaf aus HH schreibt:

    > „Unsere Klasse war Legende, wa, Frl. Krise?“ sagt Hanna stolz. „War schlimmste Klasse ever!“ <
    Das i.s.t die Legende, die schlimmste Klasse ever.
    Und was das Buch angeht: Wenn es das später mal im Antiquariat gibt, dann werden Oma Nesrin, Oma Hanna und all die anderen Omas und Opas ihren Enkeln auf den wippenden Knien stolz erzählen, was da so los war.
    Das ist dann wirklich Legende und die wird sich ewig halten. Man wird wohl noch in 150 Jahren über Sie reden und forschen, die Ururenkel Ihrer Weggenossen befragen und in Archiven der örtlichen Schulbehörde und im Bundesarchiv etc. graben (incl. weltweites Datamining).
    Es wird dann heißen: "Die 'Ghetto-Oma' – eine mysteriöse Legende aus früheren Zeiten. Eine Dissertation über ein denk- und merkwürdiges Krisenphänomen in der Pädagogik der Mittenpostmoderne (320 Seiten (wahlweise mit Lichtspeicherblitz, Chip oder antiker CD-ROM !), Verlag: Duncker & Humblodt)".
    Und nur Sie und Ihre Leser werden die Wahrheit wissen… ;-)

  4. Karolin schreibt:

    Leider sind die Prioritäten unterschiedlich gesetzt. Erlebe ich als Schulleiterin auch immer wieder. Zigaretten sind meist dringender als ein Buch, selbst wenn es sich inhaltlich um einen selber dreht bzw. die Klasse.

  5. Paterfelis schreibt:

    Ich würde postwendend in die nächste Buchandlung gehen, wenn man man so was erzählen würde. Selbst dann, wenn es sich dabei nicht mal um mich, sondern um etwas anderes geht, zu dem ich einen Bezug habe. Das ist doch einfach nur traurig. Aber da gleich mal die Frage hinterher: Wie würden die jungen Herr- und Damenschaften denn auf Hörbücher reagieren?

  6. michael schreibt:

    Das Buch würde ich als Schüler auch nicht lesen wollen, immerhin ist ja klar, dass man nicht so gut dabei wegkommt.

    Aber vielleicht sucht ja einer mal im Internet nach ‘Ghetto-Oma’ und landet dann hier auf dem Blog. Könnte interessant werden. Schade, dass es die ‘Liste der neuesten Kommentare’ hier nicht mehr gibt.

  7. welt2 schreibt:

    Ich weiß ja nicht, ob es schon mal jemand anderem aufgefallen ist – aber ihr Bild ist schon n bißchen krass, wenn man sich`s mal so richtig anschaut, oder? Was steckt n da für ne Idee hinter?

  8. welt2 schreibt:

    Noch ne Anmerkung zum heutigen Text: Wieso hätte sich ein zartbesaiteteres Wesen den ausgerechnet ‘hinter’ den Bus werfen sollen? Vor den Bus wäre doch sinnvoller?!?

  9. Ménard schreibt:

    Pah. Ich kann das gut verstehen. Man stelle sich vor. Zwei Packungen Teerstengel – oder ein Buch. Ein Buch – oder die Teerstengel. Das Geld will gut investiert sein. Mal im Ernst… mit einer Kippe im Mund sieht der Jugendliche des Jahres 2013 noch immer cool aus. Mit einem Buch unter dem Arm… nun ja… also… wirklich…

    • Michael schreibt:

      Nicht wirklich. Seit der Marlboro-Cowboy tot ist, ist rauchen voll uncool.
      2011: 12 bis unter 16: männlich 4,7%, weiblich 5,6% Raucher.
      Noch nie haben 83,2% der Jungs, aber nur 81,3% der Mädchen in dieser Altersgruppe geraucht!
      Es rauchen wirklich mehr Mädchen wie Jungs! Einfach mal zum Schulschluss zur Bushaltestelle gehen. Wo in den 1970ern massenweise die Möchtegern-John-Waynes standen und qualmten, dampft’s fast nur noch bei Mädchen.

  10. 360hcopa schreibt:

    Nicht das Sie noch verklagt werden, wie sie die unzulaessigkeiten ihrer anvertrauten Schüler für ihr literarisches weiterkommen ausgenutzt haben……aber dazu müssten die erst mal lesen können.

  11. Lotti Katzkowski schreibt:

    Hahaha, göttlich! Da denkt man dann, uff, bald kein anonymer Deckmantel mehr und dann lesen die das nichtmal. Für mich völlig unverständlich, aber ich hab ja auch als Grundschülerin schon “Die unendliche Geschichte” gelesen. Da fehlt mir jegliches Einfühlungsvermögen, wie man Lesen nicht toll finden kann.
    LG Lotti

  12. nicabel schreibt:

    Ich hasse es von Freunden auf meinen Blog angesprochen zu werden, kann ihren Schock total nachvollziehen :) aber Alle die davon erfahren haben sind mich sofort stalken gegangen, auch wenn ich nichts persönliches über sie schreibe. Umso mehr wundert es mich wie man nicht neugierig sein kann wenn man erfährt, dass jemand den man kennt ein Buch geschrieben hat – egal ob man selbst darin vorkommt oder nicht.

  13. KC schreibt:

    Unser Dozent meint immer, die Bücher würden soviel kosten, wie zwei Glas Weizenbier :D :D :D Naja, aber es ist allgemein doch so, dass alles, was über 160 Zeichen geht, doch voll überfordert. Ich habe jetzt für ein Tutorium einen Audiokommentar gemacht, weil ich fürchte, dass kein Mensch liest, was ich schreibe :D

  14. C. Rosenblatt schreibt:

    Schön, dass Hanna einen Platz gefunden hat!
    Klang damals ja alles eher Abschuss zum Absturz.

  15. nadineswelt schreibt:

    ROFL
    Ich würde das ja sowas von lesen wollen…
    Hanna hat sich aber anscheinend gefangen!

  16. 'ne mama schreibt:

    Das Buch finden die nie! Denn (im größten Buchkaufhaus am Orte) steht zwar Frau Freitag brav unter Comic/Humor. Aber Sie, verehrte Frau Krise, sind unter Pädagogik einsortiert! Jawoll! Zwischen Bueb, Juul und Frau Sarrazin…

    • frlkrise schreibt:

      PÄDAGOGIK???? *seufz….

      • krizzydings schreibt:

        Hmm… man sollte ein paar Exemplare zu Frau Freitag stellen und ein paar in der Pädagogik-Abteilung belassen. Neuere und Neueste Geschichte der Praxiserfahrung im Lehrberuf.
        Sollte eigentlich Pflicht für Lehramtserstsemestler sein.
        PS:war ja irgendwie nicht so dolle von wem auch immer es einfach auszuplaudern.

      • KC schreibt:

        Wäre als Seminargrundlage aber unterhaltsamer als irgendwelche vermeintlich interviewten Junglehrer, die sich nicht artikulieren können…

      • Sonja schreibt:

        Bei uns in der Stadtbibliothek findet man sowohl Frau Freitags als auch Ihr Buch unter Pädagogik. Halt nein, dort findet man nur noch Frau Freitags Buch, Ihres wurde leider geklaut :-(. Muss ich es doch kaufen, leider ist diesen Monat dafür nur kein Geld mehr da.

  17. Inch schreibt:

    Lesen hin und her. Sind Sie nicht doch ein bisschen, hm, stolz, eine Ihrer Schülerin so verändert zu sehen?

  18. Jan schreibt:

    Irgendwo verkauft sich das Buch ja auch wegen der ehemaligen Schüler. Wären die halb so schlimm gewesen, wäre es weniger interessant. Da könnte man schon erwarten, dass ein Gratisbuch für alle Akteure herausspringt. Die Tantiemen sind vermutlich viel, viel höher.

  19. Michael schreibt:

    Besuchen Sie demnächst auch mal die anderen Akteure? Emre, Ömür, Nesrin etc.

    Ich bin sicher es interessiert uns hier alle brennend was aus der “alten Klasse” geworden ist. ;-)

  20. Lisbeth schreibt:

    Einer meiner früheren Lehrer hat sogar drei (!) Bücher über meine ehemalige Klasse geschrieben. (Wir waren aber auch nur halb so schlimm *g*)
    Ich habe mich bisher auch noch nicht getraut sie zu lesen ^^

  21. kinder-sind-unschlagbar schreibt:

    Bitte keine Bücher mehr!!!
    (Sonst passiert hier gar nix mehr…)

  22. Till schreibt:

    Hallo Frl.Krise,

    früher oder später werden Ihre ehemaligen Schüler die Ghetto- Oma gelesen haben.
    Oder sie bekommen gesteckt, das es den Blog gibt.
    (Falls es schon so weit ist: Hallo liebe Ehemalige!)
    Frage der Zeit.
    Bin auf die Reaktion gespannt.
    Lg.

  23. Aus dem Blog-Eintrag selber und aus vielen der nachfolgenden Kommentare lese ich ein gewisses Unverständnis für die Haltung der Schüler heraus, sich einfach nicht für den Inhalt des Buches interessieren zu wollen. Wo sie darin doch eine so entscheidende Rolle spielen.

    Dies als Leseunlust und Bildungsbequemlichkeit zu deuten, greift für meinen Geschmack deutlich zu kurz. – Denn möglicherweise drückt sich auf die Art der feine Protest von Menschen aus, die, persönlich betroffen, einen Sachverhalt nur noch zur Kenntnis nehmen können. Wurden die jungen Leute denn eigentlich gefragt, ob sie mit dieser Verwertung ihrer biographischen Erlebnisse auch einverstanden sind?

    Mich wundert schon, wie bedenkenlos im Verlagswesen mit Persönlichkeitsrechten anderer Menschen umgegangen wird. Was wird da nicht alles von Richtern, Polizisten und Gerichtsmedizinern veröffentlicht. Regalmeterweise finden sich in Bücherläden Titel mit Schilderungen aus dem überwiegend schreckenerregenden Berufsalltag.

    Trotz aller Anonymisierung wird für meinen Geschmack viel zu selten über das sperrige Thema der Persönlichkeitsrechte gesprochen. Beispielsweise über die naheliegende Frage, was solche Veröffentlichungen wohl in den Gemütern der Protagonisten für Spuren hinterlässt.

  24. Helena schreibt:

    Fräulein Krise, kennen Sie sowas wie Pubertät? Wir sind ausnahmslose alle nach der Schule anders, weil wir erwachsen geworden sind. Die Hormone stören nun nicht mehr so, wir haben uns mehr oder weniger selbst gefunden.

    Ich bin eine brave Abiturientin, keine arabische/türkische Migrantin, aber eine Migrantin und ich hasse Vorurteile.

    Erschrocken bin ich darüber wie Sie darauf reagieren, dass ihre ehemaligen Schüler (denen sie diesen Erfolg zu verdanken haben) von ihrer Schreiberei wissen. So als ob sie sich ertappt fühlen, etwas Falsches getan haben und mit einer Strafe rechnen. Das sind auch nur Menschen, wirklich, keine Schwerverbrecher!

    Außerdem hat Hanna doch Interesse am Lesen. Sie hat Sie um das Buch gebeten! Und sie stellen sich an, weil sie sich denken “Soll sie es doch selbst kaufen, dann steig ich in den Verkaufscharts”. Traurig…

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