Sorry

Der Blog!
Der liegt mir momentan etwas im Magen. Ich komme einfach nicht zum Schreiben. Frau Freitag ist zwar auch nicht viel besser, aber die ist ja auch nicht im „Pensionat“, wie sie meinen neuen Modus gerne nennt.
Fakt ist, das Pensionat ist geil, aber zeitraubend.

Früher war das so:
Aufstehen, Schule, Blog, Unterricht vor/nachbereiten, Lesen/Fernsehen/Telefonieren (am besten gleichzeitig) Schlafen.
Jetzt ist die Sache schon schwieriger. Kein Stundenplan, keine festen Zeiten, dafür jede Menge Arbeit mit der Fertigstellung unseres neuen Machwerkes – diesem „Der Altmann ist tot“. Aber heute ist Schluss damit. Wahrscheinlich rattern jetzt gerade die Druckmaschinen, falls sie heutzutage noch rattern.
Und in vier Wochen haben wir dann endlich Buchpremiere…

Mit dem SCHREIBEN eines Buchs ist es nicht getan – ha, weit gefehlt! Es gab in den letzten vier Wochen richtig viel zu tun:
Nach Abgabe des Manuskripts geht nämlich die Arbeit erst richtig los.
Deshalb stehe ich auch jetzt ziemlich früh auf, viel früher als geplant, nämlich schon zwischen sieben und acht, fahre gegen neun – falls keine anderen Termine vorliegen – zu meinem externen Schreibtisch im Co-working-space und spiele “Sekretariat”. Meine Chefs sind Frl. Krise, Frau Freitag und der Verlag.
Die tun zwar alle sehr nett und locker, aber eigentlich sind die total pingelig und regen sich gleich mörderisch auf, wenn ich etwas falsch mache oder vergesse. Ganz ehrlich – mein alter Chef Herr Fischer war da wesentlich großzügiger.

Die erste Tat des Arbeitstages: Mac hochfahren – ohne Mac ist man in so einem hippen “Co-working space” ein Nichts. Mit den Emails fange ich am liebsten an, obwohl ich weiß, dass EINE beantwortete Email gerne einen Rattenschwanz von weiteren Emails nach sich zieht. Dann ein paar Telefonate – ohne Smartphone ist man ist man in so einem hippen co-working space ein Loser – deshalb benutze ich mein armes kleines Nokia Händy mit einer gewissen Arroganz.

Die Lektorin hält einen wochenlang in Schach, dann das mehrfache Korrekturlesen – und das ist erst die Spitze des Eisberges. Alle Entscheidungen, die das Buch betreffen, müssen mit den Autoren abgesprochen werden und das ist ja auch gut so. Aber es frisst Zeit.
Und schon kommt die Druckfahne oder eine leicht gekürzte Fassung vom Hörbuch und die schreien : Lies mich, aber bitte GANZ GRÜNDLICH und am liebsten bis übermorgen! Also wird alles noch mal korrigiert und inzwischen hängt einem der eigene Text schon kilometerlang zum Halse raus und man fragt sich, was man da eigentlich für eine Schwachsinn verzapft hat und wer zum Teufel das lesen soll.
Die Vorschläge für Lesungstermine trudeln ein, Sprecherinnen für das Hörbuch werden gesucht und nicht gleich gefunden, das Cover verändert sich zum hundertsten Mal, Werbemaßnahmen müssen abgestimmt werden, Interviews gegeben und und und. Es nimmt einfach kein Ende.
Ich bin zwar die Chefsekretärin, aber Frau Freitag muss auch ran. (Von wegen Winterschlaf!) Und wir müssen uns andauernd absprechen. Andauernd. Bevorzugt telefonisch.
„Bei dir ist immer besetzt!“ murrt mein Männe und geht dankenswerterweise auch noch dazu über, mich zu bemehlen.

Langsam hat es sich rumgesprochen, dass ich nun IMMER Zeit habe. „Du bist doch jetzt pensioniert!“ sagen Freunde und Verwandte und beglücken mich mit Aufträgen. Tochter Nummer zwei zum Beispiel ist zwar noch in Elternzeit, fummelt sich aber schon ein bisschen wieder in die Berufstätigkeit ein. Sie muss schreiben. Einen Vortrag entwerfen, eine Veröffentlichung abschließen. „Mama kannst du mal….?“
Mama kann – sie verwandelt sich in eine Oma und schiebt den Kinderwagen am Kanal entlang.
Die Insassin des Gefährts ist 10 Monate alt und sehr gesprächig. „Dada tatata lödellödel“, sagt sie und zeigt mit ihrem kleinen Zeigefingerchen auf einen Baum. „Das ist ein Baum,“ übersetzt die brave Oma und befiehlt: „Psssst jetzt, du sollst schlafen!“ „Mememe nenene,“ sagt das Kind und reibt sich die Augen. Es ist totmüde. Aber Schlafen? Voll langweilig. Lieber den Schnuller aus dem Wagen schmeißen und ein bisschen brüllen. Die Oma hievt es schnell aus dem Wagen und setzt sich auf eine Bank. „Lödellödel,“ sagt das Kind und lacht erfreut. Der Nachmittag geht ins Land…
Frau Freitag ruft auf dem Händy an. Sie hat Pause. „Gibt es was Neues im Sekretariat? Und hast du schon was geschrieben?“ fragt sie streng (wir haben letzte Woche schon wieder mit einem neuen Projekt angefangen), doch ehe ich antworten kann, sagt das kleine Kind: „Nenenene“, und Freitag seufzt.

So, aber jetzt werde ich schreiben. Jetzt sofort. Drei Stunden Zeit habe ich. Dann warten wieder familiäre Tätigkeiten auf mich. Ich hoffe, Frau Freitag ist zufrieden. Die Emails habe ich auch schon erledigt.
Das Pensionat … ich sag’s euch! Man kommt zu nix!

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27 Antworten zu Sorry

  1. C. Rosenblatt schreibt:

    Danke für den Einblick!
    Ich dachte immer (und irgendwas komisch naives in meinem Kopf denkt es immer noch): Du schreibst, was du schreibst und gibst es jemand der ein Schild hochhält auf dem “Verlag” drauf steht und dann ist gut!
    Jahahahahaaaa ob Trotzkopf-Pensionat oder nicht- es scheint ja wirklich viel zu tun zu sein.

    Es freut mich trotzdem diesen Einblick in gewohnter (Frl) “Krisenmanier” zu lesen. Viele Grüße ins Boot-Camp-Pensionat :D

  2. Lily schreibt:

    Mal eine Tüte Mitleid rüberschiebt… Und ein “Nein, ich habe keine Lust dazu” zu Frl. Krises Wortschatz hinzufügt. So. Bitte.

  3. Frau Taste schreibt:

    Frl. Krise, ich frage mich, wie Sie das vor dem Pensionat geschafft haben mit dem Buchschreiben. Scheint ja ein Full-Time-Job zu sein. Und ich dachte immer, unser Lehrerberuf nimmt uns völlig ein. Ich hoffe aber, dass wir trotzdem ab und zu ein Lebenszeichen kriegen. *lödellödel* :-)

  4. GG schreibt:

    never change a running system …. :-)

  5. bauchmitherz schreibt:

    Nach dem Lesen fühle ich mich jetzt dezent gestresst ;)

  6. krizzydings schreibt:

    Sie sind echt goldigst süß,wenn sie busy sind ;-)

  7. Michael schreibt:

    “Rentner” und “Zeit” sind zwei Dinge, die einfach nicht zueinander passen.
    Ich kenne keinen Rentner, der Zeit hat.

  8. Patty schreibt:

    Oh je, oh je. Ich bin noch unentschlossen, ob ich Mitleid habe oder nicht. Mhhh. :)

  9. Der Mathehügel schreibt:

    Ich habs mir doch gedacht. Frl. Krise kommt zu nix.
    Sie haben uns doch versprochen weiterzuschreiben!!!!
    Heul. Heul. Schnief. Jaul

  10. Adelheid schreibt:

    Oje – ich bekomme Angst vor dem Unruhestand. Enkelkinder würde ich dann gerne durch die Gegend schieben aber die können ja jetzt schon laufen. Außerdem wohnen sie 1874 km entfernt….
    Weiterhin frohes Schreiben

  11. nickel schreibt:

    Man, so hab ich mir die Pension aber nicht vorgestellt! Da bin ich ja schon vom Lesen ganz aus der Puste!

    Lödelödelö! Dadada. Neeeeeeeeeeeee!

  12. Olaf aus HH schreibt:

    Lödelödelö.
    Ich bin leicht erleichtert, da in ähnlicher Lage wie Sie.
    Hier eine aktuelle Variante des Credos:

    Lödellödellödel.

    Sie: Beamtenversorgungsgesetz etc. – ich jetzt: Hartz IV. Keine Sorge, meine Bedürfnisse mit meinen intellektuellen Begabungen und 57 Jahren sind eher gering. Dennoch: Es mißfällt mir dann doch als über 16 Jahren (ehemals) Selbständigem. Denken Sie einfach an Spitzweg:

    http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Carl_Spitzweg_-

    _Der_arme_Poet_%28Neue_Pinakothek%29.jpg
    (ich liebe dieses Bild)

    Aber das wird nicht so bleiben.

    Beste Grüße an Sie und Frau Freitag und alle anderen.

    • frlkrise schreibt:

      Über dieses Bild musste ich im 7. oder 8. Schuljahr eine Bildbeschreibung anfertigen. Das war eine Klassenarbeit! Seitdem ist mir Spitzweg ein bisschen suspekt….

      • Paterfelis schreibt:

        Natürlich ist einem so etwas nach der Behandlung durch die Schule suspekt. Es sind immer die Lehrer, die glauben, der Künstler wollte uns was sagen. Immer! Ein Bild oder ein Gedicht können nicht einfach schön sein, und der Baum mit der gekappten Krone und dem herunterhängenden Ast kann auch nicht einfach nur deswegen aus dem gemalten Fenster sichtbar sein, weil er da einfach hinpasste. Nein, der Künstler wollte uns bestimmt auch damit etwas sagen. Müssen Sie als Lehrerin a. D. doch wissen.

      • frlkrise schreibt:

        Als Lehrerin schon! Aber nicht als Ex-Schülerin…

    • Till schreibt:

      Hi Olaf,
      Du solltest auch anfangen zu schreiben.
      Zum wiederholten Male habe ich den Eindruck, das Du etwas zu erzählen hast.
      Liebe Grüsse aus AC (Nicht Atlantic City!)

      • Olaf aus HH schreibt:

        Hallo Till,
        danke für den Ansporn, aber z. B. ein blog regelmäßig zu betreiben, wäre mir zur Zeit zuviel. Lieber gebe ich in verschiedenen blogs meinen “Senf” dazu, blogs leben auch von den Lesern und Kommentatoren bzw. von deren Stil und Stimmung.
        Zu erzählen hätte ich sicherlich einiges, habe ja nun 57 Lebensjahre hinter mir.

        Beste Grüße zurück nach AC

  13. michathecook schreibt:

    Ja ja der gute alte Rentnerstress, und dann noch angereichert mit einem oder besser gleich mehreren Full Time Jobs. Naja .. sie haben es sich ja doch selbst ausgesucht und irgendwie lese ich zwischen den zeilen das ihnen das ganze auch so wie es ist ganz gut gefaellt, oder ?

  14. So eine “Oma Krise” könnte ich mir auch gut als persönliche Assistentin vorstellen!

  15. Inch schreibt:

    oh Oh! Wenn ich das so lese, verstehe ich die Bemühungen, das Renteneintrittsalter ständig nach oben verschieben zu wollen, jetzt ganz anders. “Die” wollen uns schützen! Vor pensionsbedingtem Stress!

  16. hajo schreibt:

    Frl Krise, wenn ich Deine Probleme hätte, würde ich mich ganz vorne .. hinten anstellen
    .. beim Notschlachten ;-)

  17. kuestensocke schreibt:

    Ach wie schön von Ihnen zu lesen! Und es wird ein Hörbuch geben! Das finde ich super. Ich hoffe, Sie haben ein gutes Händchen bei den Sprechern, manche Hörbücher sind durch die Sprecher leider unerträglich. Ich kenne mich da aus, bin PowerUser von Hörbüchern ;-)
    Frohes Schaffen wünsche ich Ihnen, ist ja sehr trubelig bei Ihnen. LG Kuestensocke

  18. heini schreibt:

    Gut, dass Sie wieder da sind. Ich fing an, mir Sorgen zu machen. Gruss.

  19. hajo schreibt:

    mal abgesehen davon, so ein Blog kann schon ganz schön schwer im Magen liegen :-D
    pass nur auf, dass nichts Schlimmes daraus wird, sonst musst Du Dich an pharmama wenden (na ja, an Tom will ich gar nicht denken .. ;-) )

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