Kälte und Chaos

Um viertel vor zwei (eigentlich um dreiviertel zwei- Gruß an Karl!) machen wir uns auf den Weg. Meine Klasse trödelt erbarmungslos, obwohl oder weil es so kalt ist. Ein eisiger Wind treibt uns feinen Schneegriesel ins Gesicht und ich verfluche mein Schicksal. Weshalb muss ich überhaupt mit meinen Kinderlein zu diesem Theaterprojekt? Bei diesem Wetter!
Gestern habe ich mich noch auf darauf gefreut, heute könnte ich gut und gerne darauf verzichten.
Die Probe-Halle ist ungemütlich und kaum geheizt. Wir müssen die Schuhe ausziehen und meine Füße verwandeln sich blitzartig in Eisklumpen.
Mit allen im Kreis auf dem kühlen Fußboden sitzend, sprechen die beiden Tanzpädagoginnen sehr leise und unbestimmt von körperlichen Innen-und Außenräumen, Schneckenhäusern, unbestimmten Gebilden und Landschaften, die aus verschiedensten Stoffen und Haltungen generiert werden können, gruppendynamischen Interaktionsprozessen und sinnlichen und haptischen Zuständen.
Außer mir hört leider keiner zu und deshalb hauen sich meine Schüler anschließend große, mit Styroporkügelchen gefüllte Säcke lustvoll um die Ohren, anstatt – wie gefordert – mit ihrer Hilfe individuelle Fortbewegungsarten durch den (Außen?-)Raum zu entwickeln.
Man ist auch nur wenig daran interessiert, den feinen Geräuschen, die die Kügelchen erzeugen, zu lauschen, sondern schreit hemmungslos herum.
Die anderen Übungen, die eine weniger robust veranlagte Klientel sicher begeistert hätten, versacken ebenso im Chaos.
Als Lehrer ist man in diesen Situationen in der Zwickmühle. Greift man disziplinierend ein, weil man es nicht mehr aushält, sind die Künstler meist verärgert. Sie weisen pikiert darauf hin, dass man nun gänzlich unsensibel einen Entwicklungsprozess gestört oder gar verhindert habe. Greift man nicht ein, kann es zu wechselseitigen Vorwürfen kommen. Am besten spricht man die Herangehensweise vorher ab…
Ich entscheide mich für schweigende Anwesenheit, schieße nur gelegentlich böse Blicke auf einzelne Übeltäter ab und unterhalte mich hinterher noch ein bisschen mit den beiden Tänzerinnen.
Sie sind geschafft.
Ich auch, obwohl ich nur beobachtet und mir so meine Gedanken gemacht habe.
Und das soll nun noch wochenlang so weitergehen… jeden Donnerstag. Na ja, ich werde nur noch dreimal dabei sein.

Nächstes Mal trage ich die dicken Wollsocken, die mir Frau Freitag gestrickt hat, nehme ich mir vor. Und morgen falte ich Hamoudi zusammen. Wie der sich benommen hat – das geht gar nicht, Entwicklungsprozess hin oder her! Vielleicht sollte ich auch Osman neben mich setzen und Musa dazu verdonnern…
HALT!
Gar nichts werde ich mehr tun, nur noch eins: Das nächste Mal setze ICH mich auf so einen Styroporsack, egal was die Damen dazu sagen – bin ja völlig unterkühlt!
Und jetzt ab in die heiße Badewanne!
HATSCHI!

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17 Antworten zu Kälte und Chaos

  1. C. Rosenblatt schreibt:

    Kinder die spielen sind gesund!
    Vieleicht schaffts die Kälte dort ja, alle anzukränkeln und … jajaja…

  2. Wenn die im Sportunterricht nur mal so abgehen würden, unsere dicken Kinder! :)

  3. Olaf aus HH schreibt:

    “Gar nichts werde ich mehr tun, nur noch eins: Das nächste Mal setze ICH mich auf so einen Styroporsack, egal was die Damen dazu sagen – …”

    Gute Idee, denn Styroporgranulat im Sitzbeutel oder -sack kann gut helfen, weil es die Wärme speichert und zurückgibt. Nehmen SIe einfach zwei – einen unten, den anderen für oben.
    Die sinnlichen und haptischen Zustände sind dann auch nicht schlecht.
    Und unbedingt den Wecker stellen ! ;-)

  4. nadineswelt schreibt:

    Das ist jetzt nochmal das Highlight zum Schluss!

  5. michael schreibt:

    > Und morgen falte ich Hamoudi zusammen.

    Jawohl, tun Sie das. Wenn der Kerl mal später berühmt wird, und die Reporter ihn fragen, was ihn auf den rechten Weg gebracht hat, wird er sagen: Frl. Krise hat mich damals lang gemacht, sonst wär aus mir nichts geworden.

    Und Musa eine ordentliche Strafarbeit aufs Auge zu drücken, schadet sicher auch nichts.

  6. Teacher schreibt:

    Bloß nicht noch krank werden auf den letzten Metern!

  7. frlstreberlin schreibt:

    Ist das Standart? Tanztherapeuten an Schulen?

  8. dertraurige schreibt:

    Ich komme immer wieder zu dem Schluß, dass Lehrer sein nichts für mich gewesen wäre. Ich finde es schon teils recht anstrengend hier mit dem “Kindergarten” klarzukommen – und dabei sind das alles Erwachsene :D

  9. KC schreibt:

    Was ist denn das für eine Arbeitsauffassung…Einsatz bis zum Schluss bitte!

  10. einsplus4 schreibt:

    Fräulein Krise – Ende ist in Sicht! Ich würd`s auf den letzten Metern einfach als “Donnerstags-Real-Satire” nehmen ;) und mich, so gut es geht – und es geht ganz sicher gut – amüsieren. Mit Wollsocken, versteht sich!

  11. MmeMusique schreibt:

    Das erinnert mich ein bisschen an gestern Nachmittag … da haben sich meine lieben Achtklässler die Schoko-Chips-Tüte um die Ohren gehauen … Und es kam, wie es kommen musste, die Tüte ging auf und alles verteilte sich gleichmäßig über den Klassenraum, der praktischerweise Teppichboden hat. Nach der Stunde, beim Aufräumen und Säubern der Klasse (praktischerweise NACH Schulschluss, also in der Freizeit!!!) kamen sie zu der Erkenntnis, dass sie NIE wieder Schoko-Chips mit in die Schule bringen, das gibt nur Ärger. ;)

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