Un panorama superb

„Acht Patientien sind vor Ihnen,“ sagt Tülay und zieht bedauernd die zu schmal gezupften Augenbrauen hoch. Dafür hat sie aber auch fette Lidstriche und unglaublich lange falsche Wimpern – der Augenbemalung nach müsste sie eigentlich Kleopatra heißen und auf einem königlichen Thron sitzen, statt hinter der kleinen Anmeldungstheke der schäbigen Kiezpraxis von Dr. Becker.
Kleo-Tülay ist trotz ihrer Aufmachung sehr demokratisch: Bei ihr geht es streng der Reihe nach, egal ob Kassen- oder Privatpatient.
Ich nicke ergeben und verfüge mich ins Wartezimmer. Das ist wirklich ziemlich voll. Ich lasse mich auf einem der ausgesessenen Stühle, die an der Wand stehen, nieder. Bloß nicht an einem der drei kleinen Tischchen landen, die wie im Café mitten im Raum stehen. Da hockt man mit dem Rücken zur Tür und hat keine Kontrolle über das Geschehen.
Neben mir sitzt ein junger schmaler Mann, der ein Taschenbuch liest. Eine ältere Frau mit Kopftuch döst mit halboffenem Mund vor sich hin, ein altes Paar unterhält sich flüsternd auf Türkisch und alle anderen befummeln ihre Händys.
Kaum sitze ich, kommt auch schon der nächste Patient herein. Ein Hüne! Riesengroß und ebenso dick.
Und das bei diesen ramponierten Stühlen! Ich mache mir Sorgen…
Der Mann hängt seine zeltartige Jacke genau über mein Mäntelchen auf den Garderobenständer und setzt sich vorsichtig an eins der Tischchen – höchstens anderthalb Meter von mir entfernt. Höchstens! Ich habe nun die volle Aussicht auf seinen Rücken und was sich da vor mir auftut, stimmt mich nicht froh: Am unteren Ende desselben erblicke ich ein gewaltiges behaartes Bauarbeiterdekollete´. Die Kerbe allein ist sicher fünfzehn Zentimeter lang.
Ich muss mir das Lachen verkneifen und starre angestrengt in mein Buch. Aber so intensiv ich mich auch abzulenken suche – der mönströse halbnackte Arsch vor mir lässt sich nicht so ohne weiteres ausblenden. Der junge Mann neben mir hat’s gut, der kommt nämlich jetzt dran. Ich beneide ihn glühend!
Nach ungefähr einer Viertelstunde gebe ich auf. Eine Zumutung! Dieser Vollmuond! Ich bin weiß Gott nicht prüde, aber sein Anblick schlägt mich in die Flucht. Ich springe entschlossen auf und setze mich neben die schnörchelnde Frau. Kaum sitze ich, dringt intensiv säuerlicher Fettgeruch an meine Nase. Oh nein! Vom Regen in die Traufe…
Was soll ich sagen – anderthalb Stunden Wartezeit können sehr lang werden…

Als ich aufgerufen werde, überlege ich, ob ich jetzt wohl auch lecker nach altem Frittenöl dufte und fühle unauffällig nach, ob Hose und Pulli noch da sitzen, wo sie hingehören…
Man weiß ja nie!

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35 Antworten zu Un panorama superb

  1. C. Rosenblatt schreibt:

    örk
    ist doch immer das Gleiche- immer kommt man mit was neuem aus dem Wartezimmer seines Arztes heraus: entweder mit erweiterter Kenntnis über die Dimensionalitätsoptionen von Ärschen oder mit nem zig Mal ummutiertem Superstammbazillus…

  2. Roland_09 schreibt:

    haha, Vollmund! Das ist… lecker. Un? Schmecket?

  3. zweitesselbst schreibt:

    ja, ist aber schön formuliert. ^^

  4. frlstreberlin schreibt:

    da stellen sich richtig die Nackenhaare auf, wenn man das liest. Irgh… das müssen schreckliche 1 1/2 h gewesen sein.

  5. Der Mathehügel schreibt:

    C´est toujours parail . . .
    Unglaublich. Wie kann es sein, dass man (frau) anderhalb Stunden im Wartezimmer versauern muss?
    Sollten wir das auch mal machen? Du möchtest über deine Note diskutieren? Dort ist das Wartezimmer. Aber es sind schon 12 andere nervige Notenverbesserungskünstler vor dir dran.
    ÄTSCH!

  6. nadineswelt schreibt:

    Sauerstoffmaske und Schlafmaske. Muss man keine Hintern mehr sehen und keine stinkenden Leute mehr riechen. Nachdem man ja jetzt die 10 Euro daheim lassen kann, hat man ja wieder Platz in der Handtasche.

  7. einestachelbeere schreibt:

    Schreckliches Erlebnis, aber sehr schön verpackt! Ich muss ehrlich zugeben, ich meide Plätze neben manche Menschen in der Uni, die ich mir aufgrund ähnlich schlechter Erfahrungen bereits gemerkt habe.
    Das Highlight war aber eine ältere Dame in der S-Bahn, die alle 30 Sekunden ein ganz schreckliches Geräusch mit ihren Zähnen machte :O
    Und ich hab dann immer ein schlechtes Gewissen und kann mich nicht wegsetzen.. Dann merken ja alle, dass etwas nicht stimmt…..

    • Sascha schreibt:

      Doch – wegsetzen. Im besten Fall bemerkt es auch die auslösende Person und hinterfragt hoffentlich was denn wohl der Auslöser gewesen sein könnte.

  8. krizzydings schreibt:

    oooh on parle francais…ca me plait!

  9. klosterfrau schreibt:

    Bin ich die einzige, die die Texte nicht lesen kann? Ein seltsamer Fehler ist aufgetreten!

  10. Fräulein Tschirp schreibt:

    Brachial! Grandios! Weltnah! Toll!!!

  11. nania schreibt:

    Habe heute selbst 40 Minuten im Wartezimmer eines Arztes verbracht – und es war glücklicherweise ziemlich leer (warum die 40 Minuten kann ich mir nur dadurch erklären, dass sich die Ärztin – auch für mein Anliegen wirklich die nötige Zeit nimmt). Genauso habe ich schon super volle Wartezimmer kennengelernt, mit unglaublich nervigen Leuten, angefangen vom schreienden Kleinkind (wobei man selbst wahnsinnige Kopfschmerzen hat), über unangenehm riechende Leidensgenossen bis hin (was ich noch schlimmer finde als Transpirieren) zu Leuten, die meinen ihre ganze Leidens- und Lebensgeschichte im Wartezimmer kundtun zu müssen. Ob man sie hören möchte, oder auch nicht.

  12. Olaf aus HH schreibt:

    Sehr schön beschrieben – so richtig aus der Mitte des Lebens.
    So etwas kennt wohl jeder.
    Obwohl: Bei meinem prima Doc bekomme ich einen Termin, der mit +/- 10 Minuten (ausgenommen blutiger o. ä. Notfall eines Akutpatienten) recht gut funktioniert. Die Arzthelferin hier ist übrigens studierte Germanistin. Und hat einen kleinen Hund, hat sie mir erzählt. Und die üblichen Zeitschriften aus dem “Leserkreis daheim” (bzw. “Leserkreis beim Arzt”) gibt es auch.
    Das ganze auf dem Hamburger Kiez – Kreuzung Reeperbahn/ Königstraße/ Holstenstraße/ Pepermölenbek, 22767 Hamburg – hier sind alle aller Geschlechter/ Nationen/ Ethnien vertreten, von Finnland bis Ghana und alles dazwischen.
    Das ist einfach Menschheit auf Erden.
    So it is, it’s good – oder: That’s the way the cooky crumbles (Tom Waits).
    I love it.

  13. Lady schreibt:

    Mein Erlebnis in dieser Woche:

    Aufgrund einer OP musste ich mich in stationäre Behandlung begeben, war jedoch noch fähig, selbst zum Aufklärungspräch für die Anästhesie zu marschieren. Der Gasmann hielt in einem Raum der Zentralambulanz Hof. Im Warteraum saßen bereits einige Kunden, die auch einer Aufklärung über Narkosen bedurften. Als ich endlich aufgerufen wurde und die Hütte betrat, roch es stark nach *Fisch* im Raum. Grausam, der Duft der Kammer und die Intimpflege eines Kunden vor mir… :( Der Sandmann selbst wäscht sich bestimmt regelmäßig unten rum, denn beim Abhören meiner Lunge war vom Fischgeschäft nix zu erschnuppern.

  14. nicabel schreibt:

    Tülay war eine ehemalige Schülerin von Ihnen? Ist bestimmt schön zu sehen dass sie gut im Berufsleben zurechtkommt :)

    • frlkrise schreibt:

      Nein, sie war keine ehemalige Schülerin. Solche Praxen versuche ich zu meiden!

      • nicabel schreibt:

        Warum? Sie standen ihnen zu Schulzeiten doch relativ nah. Und können dort bevorzugte Behandlung erwarten ;) Gut, ich fände es auch komisch einen meiner Ex-Lehrer zu behandeln, aber freuen würde ich mich trotzdem :)
        (vllt. denk ich nach den Studium auch anders darüber)

  15. irashanau schreibt:

    Wundertoll, was man im Wartezimmer immer so alles erlebt. Interessant in diesem Zusammenhang ist die Frage danach, ob die Wartezimmer-“Besucher” als Spiegel der Gesellschaft verstanden werden können ;-)

  16. zweitblick schreibt:

    direkt aus dem leben…hat bestimmt der eine oder andere auch schon erlebt , es nur leider nicht in so schmunzelnde Worte gefasst…lg Marion

  17. marfors schreibt:

    Liebes Frl Krise, eigentlich gehöre ich zur Gruppe der “schweigenden Leser”, aber nun muss ich doch einmal schreiben, wie froh ich erstens bin, dass Sie zusätzlich zu Schulthemen auch über viele andere Themen schreiben (und uns ihr Blog dann vermutlich auch nach Ihrer Pensionierung erhalten bleibt?!), und zweitens, wie gut ich Ihr Buch finde. Also, hoffentlich bekomme ich noch lange mein (fast) tägliches Stückchen Anregung/Schmunzeln/Vergnügen, und: gute Besserung!

  18. Eva schreibt:

    Was meint ihr eigentlich, wie toll es der Arzt findet, wenn er solche Stinkmorchel anfassen muss?!?
    Körperhygiene ist leider etwas, das für viele Menschen was ganz Fremdes ist! (Könnte man da nicht in der Schule……..-ok, blöder Vorschlag!).

    • frlkrise schreibt:

      Hygiene ist DURCHAUS oft ein Thema!

      • Eva schreibt:

        Denk ich doch auch. Ich weiß noch, wie es war, als mein Sohn in den Anfangszeiten nach dem Sportunterricht (Duschen ist uncool) von der Schule heimkam. Und wenn nach dem Sport noch Unterricht ist und so eine halbe Klasse dampfender pubertärer Jungs im Unterricht vor sich hinmeuchelt….so viel Fenster kann man gar nicht aufmachen, wie das stinkt!

  19. Thommi schreibt:

    Eva, daran gewöhnt man sich. Ich kann mich nicht erinnern in einer Schule gewesen zu sein in der 1.) Zeit fürs Duschen eingeplant gewesen wäre. 2.) Die Duschen nicht in einem Zustand gewesen wären, gegen den ein Abrißhaus der reinste Palast gewesen wäre.

    Also hofft man auf Sport in der letzten Stunde und nicht etwa am Morgen oder mitten drin.

  20. Barbarella schreibt:

    Als Krankengymnastin kann ich auch ein Klagelied über o.a. Pestmorchel singen, aber mal so richtig LAUT!!!! Oftmals wird einem regelrecht schwarz vor Augen, der Pesthauch des Todes in Form maximal monatlich gewechselter Unterhosen oder Socken am Leib von fanatischen Wassersparern, puh!

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