Zwischen Baum und Betrug

Die Besucher sind weg, es ist alles aufgegessen, was von Weihnachten übrig geblieben war, die Wohnung befindet sich wieder im normal – unordentlichen Modus. Nur der Weihnachtsbaum… der steht noch im Wohnzimmer. Ich fahre morgen weg aus der großen Stadt, Richtung Westen, fast bis an die holländische Grenze und das letzte, das ich vorfinden will, wenn ich nach Silvester wiederkomme, ist ein volldekorierter Tannenbaum.
Deshalb muss es heute sein! Das ABSCHMÜCKEN!
“Och nee, Mama…” sagt Tochter Nr. Zwei.
“Was? Heute schon!?” Tochter Nr. Eins ist erstaunt.
Die Gespräche finden übrigens am Telefon statt. “Ihr könnt ja gerne in meiner Abwesenheit in meine Wohnung kommen und euch unter den Baum setzen! Kerzen gibt es noch genug! Aber hinterher dann bitte alle Kugeln und so abnehmen!” biete ich an. Beide lachen.
Alles klar, ich lege los. Spaß macht das nicht…

Dann verschönere ich mir den Tag gleich mit der nächsten unliebsamen Aufgabe: Die Deutscharbeit der Zehner fertig nachgucken. Seit Tagen bastele ich freudlos an denen herum, und heute liegen immer noch sieben Arbeiten auf meinem Schreibtisch.
Wo ist mein Rotstift? Weg! Ich suche hier und da und überall – erfolglos! Im Weihnachtgeschehen verloren gegangen, der Stift…
Das mit dem Rotstift ist bei mir so: Ich kann nur mit einem ganz bestimmten Finliner korrigieren, deshalb habe ich davon immer mehrere. Aber je mehr ich habe, desto sorgloser werde ich mit ihnen und verteile sie überall. Und dann sind sie auf einmal alle verschwunden. Also nicht auf einmal, sondern so nach und nach und dann plötzlich ist keiner mehr da. So wie heute. Dann bleibt nur eins: Losgehen, einen neuen Stift kaufen oder den alten roten Lamyfüller suchen, mit dem ich auch zur Not schreiben kann. Gut, den finde ich ausnahmsweise ziemlich schnell, aber – nächstes Problem – ich habe keine Patronen mehr. Schwarze sind da, aber keine roten. Na toll! Schließlich treibe ich noch in den Tiefen meiner Schreibutensilienvorräte eine rote Patrone auf, aber die ist von Pelikan und passt nicht in meinen Füller. Ich nehme umständliche Transfusionen von einer Patrone in die andere vor, alles ist rot, mein Tisch, meine Finger, der Füller, alles. Ein Blutbad. Aber für sieben Arbeiten reicht es.
Die drittletzte Arbeit, die von Peer, hat es in sich… Der punkteträchtigste Teil der Aufgabe ist eine Schreibaufgabe, eine Art kleiner Rezension des Romans “Tschick”, den wir im Deutschunterricht gelesen haben. Peers Text lässt mich schon beim ersten Satz stutzen. So schreibt doch kein Schüler von mir: “lineare Handlung”, “niederträchtiger Typ”, “skurril”…HA!
Wo ist mein Mäck? Den ersten Satz des Textes eingeben und zack: ein WordPress Blog (!) tut sich auf mit dem kompletten Text, der vor mir liegt.
Sehr schön!
Für wie doof hält der Knabe mich eigentlich? Außerdem passt dieser Text nicht mal richtig zur Aufgabenstellung. War ja gar nicht so blöd von Peer sich ein bisschen “Sekundärliteratur” zu beschaffen. Aber mir das dann in der Arbeit einfach unbearbeitet unterzuschieben…nee, nee! Strafe muss sein. Nicht dass ich jetzt direkt befürchten würde, dass er sich demnächst seinen Doktor erschleicht, aber wehret den Anfängen!
Note SECHS, lieber Peer!
Unsere Bildungsministerin ist bestimmt damit ganz einverstanden, oder, Frau Schavan?

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41 Antworten zu Zwischen Baum und Betrug

  1. inneres Stimmchen schreibt:

    haha hätte es eine schönere Serviette für die rot-tintigen Finger geben können, als so eine “Arbeit”? :D
    Gute Fahrt!

  2. puzzle schreibt:

    Passt in die von Dekorationen und Bühnenbildern dominierte Weihnachtszeit, so ein Plagiats-Aufsatz. Sicher hat Peer gehofft, Sie korrigieren die Arbeiten noch in harmonischer Weihnachts- und nicht in gnadenloser Aufräum-Stimmung.

  3. geeee schreibt:

    roter füller ist doch gut ;-) ich habe mir meinen in der 7. klasse zugelegt um äh überschriften abzuschreiben…während der ersten praxisphase im studium auch gleich zum korrigieren eingesetzt. ein traum! vergessen sie die fineliner und wieder zurück zum guten alten füller.

  4. Pepes schreibt:

    hahahaha :D
    immerhin schlauer als ein Schüler meiner Mutter
    der hat einfach in der spanischklausur (aufgabe:brief an die eltern zuhause in deutschland) den beispielbrief aus dem lexikon abgeschrieben, leider auch noch mir diversen rechtschreib und grammatikfehlern, er wollte ihn anscheinend etwas “personalisieren” :D

  5. Werner Frueh schreibt:

    Es gibt 9er und 10er die in ihren 1:1 abgekupferten Referaten sogar noch die weiterführenden Wikipedia Links unbeirrt drinlassen.

  6. krizzydings schreibt:

    Ein Mitschüler von mir war mit mir in der Oberstufe in eine Gruppenarbeit eingetragen und kam aber fast nie …also hab ich das Referat über Organtransplantation allein gehalten und die schriftliche Ausarbeitung geschrieben…er hat sie aus dem Intranet runtergeladen und quasi nur die Wörter Organ- mit Haut- ersetzt und das als seinen Referatsteil zum Thema Hauttransplantation deklariert (er war ja nur aus krankheitsgründen abwesend!!!). Andere mitschüler haben das allerdings nicht mehr mitbekommen, das er “im stress des endenen Semesters und Abizei” es nicht mehr für nötig hielt seine nette version ins intranet zu laden. Am Ende hat er fürs Schlafen&Fehlen 5 Punkte und somit (nicht einmal in diesem nichteinbrungspflichtigem Wahlkurs) keinen einzigen Unterkurs bekommen, da alle seine Lehrer bequatscht ihm nicht das abi zu verhindern (5 Unterkurse dufte man übrigens in den einbringungspflichtigen! haben). So bin ich zwar mit den meisten Unterkursen meines Jahrgangs abgegangen, jedoch mit dem “stolzen” gefühl mein abitur höchstpersönlich vergeigt zu haben: Ohne die Hilfe und Hausaufgabenkontrolle adeliger Eltern, ohne Nahhhilfe und ohne die Möglichkeit an ein Privatinternat zu gehen. Achso… und völlig unerwartet ;-) sagte mir dann mein stellvertretender Schulleiter, dass meine abi gar nicht das schlechteste gewesen ist (und so im Nachhinein sehe ich auch wieviel spielraum da für unseren MiniGutenberg gewesen wäre)

  7. Kejo111 schreibt:

    Bei mir sind’s rote Tintenroller, alle Jahre wieder bei Aldi im Viererpack für 0,99 Euro zu bekommen. Wie die sich überallhin verteilen und dann nicht auffindbar (oder hoffnungslos leer) sind, wenn man sie sucht – das kenne ich nur allzu gut.

    Mein mit roter Tinte bestückte Füller (auch ein Lamy …) ist schnell zu finden, aber so gut wie immer eingetrocknet. Aber mein Tipp: Ein gut gespitzter roter Buntstift tut’s auch.

  8. Olaf aus HH schreibt:

    Hätten Sie nicht statt Lamy mit Ihrem Blut korrigieren können ?
    So als Lehrerin mit Herz ?
    Nein – es ist nicht ernst gemeint. ;-)

  9. Lily schreibt:

    Ist doch irgendwie gerecht, oder? Wer so Peer-blöd ist, kann nicht mal anständig abschreiben. Wer wenigstens ein bisschen Grundlagen mitbekommen hat, kann das besser und schafft ne drei oder ne vier. Wer richtig gut aufgepasst hat, macht mit I-Netz beste Arbeit, und verdient sich damit die gute Note… Alles wie gehabt, es sei denn, der/die Lehrer/In passt bei plötzlichen Glanzleistungen nicht auf. Und das war schon so, als zu meiner Zeit noch vom Nachbarn abgeschrieben wurde (ich hatte mal eine Banknachbarin, die schrieb einen komplett abstrusen Übersetzungsfehler aus meiner Arbeit ab… dass ich den vor Abgabe noch korrigiert hab, ist ihr aber entgangen. Dem Lehrer nicht)

    • Milan No schreibt:

      Der Betrugsvorwurf wird aber auch von manchen Lehrern (natürlich nicht von unsrem Frollein) missbraucht: Ich kenne diese Geschichte zwar nur aus zweiter Hand, aber einer vertrauenswürdigen, der nämlich meines Vater, der sonst nie aus seiner Schulzeit erzählt.
      Der hatte also in den 70er bei einer Ausbildung zum Metallarbeiter einen Mitschüler, der – vielleicht tuts nix Sache, man will dem Lehrer ja nicht unnötig viel unterstellen, aber erwähnen werde ich’s doch – war schwarz. Außerdem war schlecht im technischen Zeichnen, so schlecht, das es seinen Abschluss gefährdete. Mein Vater übt daher mit ihm und tatsächlich verbessert er sich, so sehr, dass er in der Abschlusarbeit eine Zwei schreibt. Der Lehrer aber war überzeugt, dass sowas nicht mit rechten Dingen hat zugehen können, und gibt im – wegen Betrugsversuch – eine Sechs.

  10. Mel schreibt:

    uh, Weihnachtsbaum schon jetzt weg….aber gut, wenn man nicht da ist…
    Geht mir mit den Stiften genauso! Ich habe eine bestimmte Sorte, mit denen ich meine karteikarten schreibe. Die schreibe ich mal hier mal da in der Wohnung, darum liegen auch überall die Stifte, aber letztendlich sind sie immer alle weg (manchmal aber dank Katzenbeteiligung)! Merkwürdige Sache…..

  11. lichterspiele schreibt:

    Hier kann ich nur meine erste Biolehrerin zitieren: “11. Gebot: Lass Dich nicht erwischen, sonst gehts Dir dreckig!”

  12. sprinkledcupcake schreibt:

    Was ist denn heutzutage modern beim spicken? Smartphone? Wir mussten damals – vor 10 Jahren – unsere Lateinübersetzungen noch ausdrucken, um damit spicken zu können. Ein ziemlicher Aufwand wenn nur bekannt ist, dass “irgendwas” aus De Bello Gallico in der Arbeit übersetzt wird…

    • dfhjhxs schreibt:

      Für DBG gibt es doch bestimmt mittlerweile einen Reclam-Schülerschlüssel…

      Die Schülerschlüssel haben meine Deutschnoten gerettet. Ich hab den Mist, den wir lesen mussten nämlich NIE interpretieren können, aber mit der zweiseitigen Reclam-Interpretation im Kurzzeitgedächtnis reichte es immer für 3-4. Unter anderem Emilia Galotti, das wir wegen Lehrplanveränderungen ohne Witz viermal in fünf Jahren beackert haben. Ich habe das als Filmaufnahme als Oper mit viel Bild- und Tonrauschen gesehen, als modernes Theaterstück(da hat einer einen Strauß Rosen gefressen, meine einzige Erinnerung), als klassisches Theaterstück und als Verfilmung. Ich kann mich nichtmal im Ansatz an den Inhalt erinnern -.-’ trotz Günnasiunsschule und Abitur(auch ehrlich verhauen. Die Endnote wäre wegen der diversen Punkteregeln allerdings um immerhin 3-4 Zehntel besser gewesen, wenn meine Englischlehrerin mich nicht sehr offensichtlich reingerissen hätte. Aber gegen die Bewertung klagen darf man ja nicht, nichtmal, wenn man sogar die Schulleitung auf seiner Seite hat). Ich bin halt eher naturwissenschaftlich begabt

  13. nadineswelt schreibt:

    Aber… n Weihnachtsbaum steht doch bis zum 06. Januar!!!!

  14. rotezora. schreibt:

    …und ich habe meinen Korrekturfüller samt übrig gebliebenen roten Patronen der letzten Referendarin, deren Ausbildung ich noch ein wenig begleitet habe, zum Examen geschenkt. Es war mir ein Genuss.

  15. Ich eben wer sonst schreibt:

    Och Frl Krisi, er hatte es wenigstens geschafft den Part AUSWENDIG zu lernen und aufzuschreiben ;)

    • jenny schreibt:

      Auswendig gelernt hat er den bestimmt nicht, sondern unbemerkt mit seinem Smartphone während der Arbeit im Internet gesurft und dann gnadenlos abgeschrieben, würd ich sagen… Wenn er es auswendig gelernt hätte, wäre es wenigstens noch eine kleine Leistung gewesen, aber das können die heutzutage gar nicht mehr…

    • frlkrise schreibt:

      Nee, bestimmt nicht. Er hat es abgeschrieben, aber nicht vom smartphone, sondern von einem Blatt.

  16. jenny schreibt:

    Meine Schüler haben in meiner Zeit als Vertretungslehrerin die Seiten für die Vokabeln, die sie lernen mussten, abfotografiert und dann die Handys unbemerkt während dem Test benutzt (ich muss sagen, ich bin noch Studentin und habe den Kids sowas noch nicht zugetraut, aber man lernt ja nie aus). Alle hatten gute Noten, haben aber den Fehler gemacht, das der regulären Lehrerin zu erzählen, die mit ihnen nochmal den selben Test geschrieben hat, mit einem weniger guten Ergebnis als vorher… Ich habe mir geschworen beim nächsten Test alle Handys einzusacken und dann zu hoffen, dass es nicht mehr passiert. Aber der Trend geht ja mittlerweile auch zum Zweithandy…

  17. Thommi schreibt:

    Hihi,

    also erstens liebes Frollein, der Baum muß MINDEDSTENS bis hl. 3 König am 6. Januar stehenbleiben, soll sich ja auch lohnen, das theure Ding!

    2. auch Pelikan und sonstige Patronen passen in Lamyfüller. Dazu gehe man wie folgt vor: 1.) aufschrauben 2.) vorne die Kappe aufsetzen 3.) die “Fremdpatrone” hinten auf den Pimpel ansetzen 4.) das ganze um 90 Grad drehen, so dass der Hintern der Patrone auf dem Tisch ist
    5.) drücken dabei wird der vordere Teil der Patrone sich verformen von so nach so und ein sattes “knuck” von sich geben – ganz ohne verfärbte Finger :-)

  18. welikethemoon schreibt:

    Ist das Gleiche mit Haargummis… irgendwann sind keine mehr da, obwohl man genau weiß, dass man eine ganze Schachtel voll hatte.

  19. Irene schreibt:

    Jaja, die Sekundärliteratur-Zitate. In meiner Verwandtschaft gab es zahlreiche Lehrer/innen und dadurch noch zahlreichere Sekundär- und andere Hilfs-Literatur für Deutsch. Mein Bruder bekam mal eine ziemlich gute Note für eine Haus-Deutscharbeit mit dem ausführlichen Kommentar des Lehrers, dass er sicher sei, dass der Erguss geklaut sei, aber die Quelle nicht finde *g*. (Der Vorteil der noch-nicht-digitalisierten Welt damals…)

  20. JoDerBär schreibt:

    Mein Vater hat sein Spitzen-Diplom als Sonderschulpädagoge bekommen, indem er Multimedia eingesetzt hat (60er Jahre!). Tonbandaufnahmen diverser Wein- und Schreiattacken meiner Schwester wurden linguistisch eingeordnet und während der Prüfung abgespielt. Auch die Prüfer erkannten, das im Weinen schon Kommunikation stattfindet durch unterschiedliche Ausprägung der Vokale, Zeitdauer usw.
    Klasse fand ich nur, daß mein (mittlerweile pensionierter) Vater mir vor ein paar Jahren erzählt hat, daß die ganze Arbeit völliger Humbug war, daß in den verschiedenen Sequenzen überhaupt keine Kommunikationsstrukturen vorhanden waren usw. 8-)

  21. Thommi schreibt:

    LOOOOOLLL,
    na das ist doch mal was. Interesanter wäre, die Schreiattacken mancher Lehrer mal aufzunehmen und auf Kommunikation zu untersuchen. :-D

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