Von Helden und Handys

Mit dem Näherkommen der Ferien schwindet die Bereitschaft sich den Unbilden des Unterrichts auszusetzen…
„MÜSSEN wir echt Deutsch machen?“ erkundigt sich Musa.
„Nie machen wir was SCHÖNES!“ mault Erol.
„Frl. Krise! Lass ma rausgehen!“ schlägt Hamoudi vor und Osman behauptet:”Wir machen in andere Fächer auch nichts mehr!“
Zufälligerweise weiß ich, dass das nicht stimmt, davon abgesehen hat meine Klasse heute nur mit mir Unterricht! Der Vertretungsplan macht’s möglich. Und bei mir gibt’s heute Unterricht as usual, schließlich ist morgen auch noch ein Schultag! Basta!
Nachdem ich das energisch klargestellt habe, gehts dann auch so halbwegs.
Allerdings muss ich Hülya und Sibel mehrmals wegen ihrer Händys ansprechen. Diese liegen nämlich weder in ihren Handtäschchen noch sind sie ausgeschaltet, sondern sie werden unter dem Tisch heftigst befummelt! Eigentlich hätte ich die kostbaren Teile schon beim ersten Mal einkassieren können, aber ich befinde mich in einer – an sich durch nichts gerechtfertigten – vorweihnachtlich milden Verfassung.
So werde ich erst bei der dritten Ermahnung wild und bemächtige mich gnadenlos der Handys. Da die Mädels auch noch anfangen mit mir zu diskutieren, ist klar, dass sie die erst morgen wiederbekommen werden.
Regelwerk unserer Schule!
Na, das Elend, das sich nun entfaltet, hält nur ein in vielen Jahrzehnten hart gesottenes Frl. Krise aus.
Hülya schwört unter Tränenströmen, dass sie nun doch gar nicht wisse, wie sie nach Hause kommen solle! Ihre Fahrkarte sei abgelaufen und sie solle ihren Papa anrufen, damit er sie abhole.
„Kein Problem, sag mir die Nummer von deinem Papa!“ sage ich entgegenkommend, aber Hülya winkt schnell ab. Sie will dann doch lieber laufen…
Sibel hat Angst vor den Erziehungsmaßnahmen ihrer Mutter. Offenbar fliegen auch bei Sibels zu Hause in Krisenzeiten die Schlappen tief…
„Bitte geben Sie mir das Händy, mein Papa wollte es heute in Reparatur bringen!“ fällt jetzt Hülya ein und Sibel sieht mich mich mt zusammengekniffenen roten Augen hasserfüllt an: “Und ich dachte, Sie sind eine nette Lehrerin! HA!“
So geht das noch stundenlang…
Nach dem Unterricht schleichen zwei verheulte Grazien nach Hause. Denke ich jedenfalls! Aber nein, weit gefehlt. Mich erreicht ein Anruf aus dem Sekretariat. Herr Celik, unser junger neuer netter Sekretär, für den alle Mädchen schwärmen, ist dran. „Frl. Krise, bei mir sind zwei Schülerinnen aus ihrer Klasse. Die weinen wie verrückt und äh…ich soll Sie noch mal fragen, ob…“
Jetzt reicht’s ja wohl! Ich laufe erbost hoch ins Sekretariat und überreiche Herrn Celik die beiden Handys. Die soll er sicherstellen! Nachher werden sie mir geklaut und ich muss sie ersetzen.
Die beiden Damen müssen das Wegschließen ihrer Kronjuwelen durch Herrn Celik live und in Farbe mitansehen und ziehen schluchzend von dannen. Denn leider ist nun weit und breit niemand mehr in Sicht, der sie aus ihrer misslichen Lage befreien könnte…

Dabei hat doch heute morgen in Deutsch Gürkan den Begriff ‘Heldentum’ so schön definiert!
Er sagte: „Ich glaube, ein Held ist ein Mann, der junge Frauen rettet!“

Leider scheint’s keine mehr zu geben!

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29 Antworten zu Von Helden und Handys

  1. inneres Stimmchen schreibt:

    hm.. Heldenmenschen könnten ja auch jene sein, die es schaffen zu verhindern, dass die Damen andere Sachen unterm Tisch befummeln… *räusper…

    (Ist irgendwie Schülerspruch durch alle Zeiten, ne?: Niiiiiiieeee machen wir was SCHÖNES XD )

  2. Unsere Schüler wollen auch schon seit Montag einfach in jeder Stunde Frühstücken oder einen Film gucken. Ich frage mich, ob Unterricht da nicht die weniger langweilige Option wäre …

    • Anka schreibt:

      Ich habe nie begriffen, warum man den letzten Schultag – vor allen Ferien – als auch zeitlich verkürzte Spaßveranstaltung gestaltet und schon eine Woche davor den Unterricht langsam auslaufen lässt.
      Nirgendwo in der Gesellschaft gibt es da Entsprechungen, keine andere Branche hat sich das je zum Vorbild genommen oder diente gar als solches..
      Neid? Möglich!
      Aber was weiß der gemeine Nicht-Lehrer schon (Aufklärung explizit erwünscht).

      • frlkrise schreibt:

        Das mit der Woche vorher stimmt so nicht. Vor den Sommerferien kommt die Sache schon mal ins Rutschen, weil die Noten viel zu früh feststehen und die Gören -dann oft auch noch bei großer Hitze- zu nichts mehr zu gebrauchen sind.
        Vor den anderen Ferien gibt es ja in jedem Fach eine “letzte Stunde”, in der die Schüler “Spielen” wollen, was oft deutlich anstrengender ist, als normaler Unterricht. Darauf muss man sich aber nicht einlassen.
        Am letzten Tag gibts bei uns normalen Unterricht (*quäl – Kinder sind nun mal keine normalen Arbeitnehmer), ein gemeinsames Frühstück und dann FERIEN.

  3. Olaf aus HH schreibt:

    > Dabei hat doch heute morgen in Deutsch Gürkan den Begriff ‘Heldentum’ so schön definiert!
    Er sagte: „Ich glaube, ein Held ist ein Mann, der junge Frauen rettet!“ <

    Das sehe ich ähnlich, wobei es IHM (dem Helden, den wohl j.e.d.e südnördwestöstlichnerdige Analog- oder Digitalsage kulturunabhängig kennt) um hilflose junge Frauen und um deren Jungfräulichkeit, Glück und Wohlergehen etc. geht – na klar ;-), jedoch nicht um ihr/ deren Handy.
    Damit hat es der arme Herr Celik beim Wegschließen der Dinger vorerst wohl so richtig versemmelt, was sein Image angeht… Allso, was den Helden angeht.
    Grande Drama – fast, als hätten Sie ihnen nicht nur hübsche neue Schuhe ausgezogen, sondern auch noch die Ohrringe (Kreolen ?) weggenommen.
    Ich werde das alles wohl nie wirklich verstehen. Ich habe ein blödes SingSangSUNG SAM Galaxy Gio WC 00 Intercooler mit Twinturbo 5665dreihundert GT, mit Salzstangen-, Popcorn-, Vierfarbenrundumlicht- und Geldautomaten-, Trockenrasierer und sonstwasfunktion (oder so ähnlich) – und vergesse es öfter zuhause.
    Dabei hat es ein reichlich vielfaches an Rechnerkapazität, als die Apollo-11 Raumkapsel für die Mondlandung am 16.07.1969 hatte…
    Und so trolle ich mich jetzt.

  4. Matthias schreibt:

    Wie alt sind die ‘Damen’ eigentlich?

    Zumindest für meine Begriffe wäre eine wesentlich erfolgversprechenderere Strategie gewesen, die nächsten Stunden gewisse Anzeichen von Mitarbeit, Interesse und Benehmen zu zeigen und dann zum Schulschluß mit einer kurzen, ehrlichen Entschuldigung (und keinen dämlichen Ausreden) das Frl. Krise – beste und netteste Lehrerin ever – um die Handys zu bitten.

    Sowas wäre doch gesunder Menschenverstand und bedingt weder Kenntnisse der unregelmäßigen Verben oder europäischer Mittelgebirge.

    • frlkrise schreibt:

      Mit 13 sind die ‘Damen’ noch nicht so strategisch….

      • korn schreibt:

        Bei uns (NRW) ist es untersagt die Teile über den Tag hinaus zu konfiszieren.

      • vanessa schreibt:

        Meines Wissens nach ist das verboten, das handy über den schultag hinaus einzuziehen. Da hat an meiner ehemaligen Schule mal ein Lehrer richtig Ärger bekommen für, weil er jenes Verbot einfach ignoriert hat und der Meinung war “deine Eltern dürfen das Morgen abholen.”

    • walachei schreibt:

      Werter Matthias,
      Ihr Kommentar hätte von mir sein können. Ich rege mich manchmal immer noch auf über die Unfähigkeit vieler Jugendlicher einfach mal zuzugeben, dass sie da halt einen Fehler gemacht haben, und zu überlegen, wie sie den wieder ausbügeln können. Stattdessen wird versucht, mit einer völlig überflüssigen und meist lächerlichen Dramatik zu punkten.
      Nur sind es nun mal (wie Frl. Krise schon andeutete) Pubertisten, mit denen wir es zu tun haben; da müssen wir eben mit jedem Jahrgang aufs Neue durch. Schön wird’s erst, wenn die selben Jugendlichen dann ein paar Jahre später plötzlich den Jüngeren das Gleiche erzählen, wie unsereins damals ihnen. Selbst wenn das dann eingeführt wird mit den Worten, „Ey bist du behindert das musst du so machen …“

  5. nadineswelt schreibt:

    Och, die aaarmen Mädels. So ohne Handy, ob die da überhaupt überleben können?

    • Membaris schreibt:

      Wahrscheinlich nicht, denn die brauchen doch dringend den Mediaplayer auf dem Ding, aber nicht für die aktuellste Musik; die lassen eine einzige MP3 als Dauerschleife laufen. Die lautet: “Einatmen, … Ausatmen, … Einatmen, … Ausatmen, ….”
      Ergo, ohne geht GAR NICHT! Atmen ist eben doch sehr gesund… ;)

  6. Tades75 schreibt:

    Handyversessenen Blagen, welche sich über Handyverbote hinwegsetzen und dem Unterricht nicht folgen, das Telefon wegzunehmen wäre wahrscheinlich meine Lieblingsbeschäftigung als Lehrer, hä hä hä

    • Ulla39 schreibt:

      Hab’ schon auf Ihren Kommentar gewartet.
      “Sibel hat Angst vor den Erziehungsmaßnahmen ihrer Mutter…” Kann hier die Erklärung für das schlimme Verhalten der jungen Leute ( hat m.E. längst nicht mehr mit der Pubertät zu tun) liegen, daß sie nämlich keine Angst vor den Erziehungsmaßnahmen der Lehrer haben. Eben weil die, anders als Sibels Mutter, nicht körperlich strafen dürfen?

      • Tades75 schreibt:

        Ich weiß es nicht. Ich habe in meinem Leben vielleicht 2-3 Ohrfeigen von meinen Eltern bekommen und dennoch immer Respekt vor meinen Lehrern gehabt. Und Angst und Respekt sind schließlich völlig verschiedene Dinge.

        Ich denke, das Problem ist, dass diese Eltern sich nicht besonders um die Bildung Ihrer Kinder kümmern. Ich will nicht einmal sagen, sie wären gleichgültig gegenüber der Schule, nur legen Sie sicherlich nicht so großen Wert darauf wie in Familien mit bildungsbürgerlichen Hintergrund. In der Türkei beispielsweise, wo die Menschen bedeutet die gute Schulbildung finanzielle Sicherheit und sozialer Aufstieg, ein Anreiz, welcher hier weniger gegeben ist. Hier gibt es immerhin noch immer ein soziales Auffangnetz -zum Glück!- welches die Menschen im schlimmsten Fall vor der größten Not bewahrt. Nicht erstrebenswert, selbstverständlich, aber dennoch eine gute Sache, für den Fall der Fälle.
        Ein anderes Problem ist auch ein allgemein soziokulturelles, kein spezifisches Migrantenproblem. Diese Kinder verlassen selten ihren Mikrokosmos. Oft dieselbe Wohngegend mit denselben Menschen ähnlicher Biographie und Lebensumstände, dieselben Schüler mit denen man auch privat befreundet ist.Sie kennen andere Lebensarten nicht, andere in denen Schiller und Bert Brecht wenigstens ein Begriff sind, kennen diese Art Berufe weniger, in welchen Sie überwiegend am Schreibtisch sitzen, Verantwortung tragen, Entscheidungen treffen, Anweisungen geben und nicht zuletzt auch dementsprechend finanziell entlohnt werden.

      • frlkrise schreibt:

        Ja, genau so ist es.

      • Chak schreibt:

        Dürfen tut das Sibels Mutter auch nicht.

  7. Frau Hilde schreibt:

    Bei uns gibt es da inzwischen den haha-lustigen Trick, dem Lehrer dann ein uraltes Handy anzudrehen, während das Smartphone unauffällig in der Tasche verschwindet…

  8. Inch schreibt:

    Ich finde das eine ganz hervorragende und nachahmenswerte Schulregel. Wirklich!

  9. hajo schreibt:

    das liegt wohl daran, dass Drachen (nahezu) ausgestorben sind (nicht wahr, Frl Krise ;-) )

  10. Ulla39 schreibt:

    @ tadeS75 Danke; ich bin einfach ratlos und bedaure die verlorenen Energien beider Seiten und die vertanen Chancen der Jugendlichen. In vielen türkischen Familien herrscht allerdings leider doch ziemlich viel Gewalt, die offenen “Schlappen” sitzen halt recht locker. So frage ich mich, ob die Jugendlichen einfach nur diese Sprache kennen. Ich bin – dies @Chak- gegen Gewaltanwendung generell, körperliche oder verbale. Sibels Mutter darf das auch nicht, da haben Sie Recht, nur hat das in ihrem Fall keine Konsequenzen, anders im Falle eines Lehrers. (Ich hätte mich genauer ausdrücken müssen.)

    • frlkrise schreibt:

      Das ist wirklich ein Problem. Wir in der Schule REDEN immer nur…reden und reden.
      Das nehmen viele Kinder nicht ernst, man merkt es ganz deutlich daran, dass sie einfach ihr Ding weitermachen, als ob nichts gewesen wäre.

  11. Raoul schreibt:

    Schön, daß Helden ausschließlich junge Frauen retten.
    Und schön, daß Sie Ham(o)udi immerhin ein gratis “o” spendiert haben ;)

  12. Ulla39 schreibt:

    “Die Deutschen” – ausnahmsweise mal diese Verallgemeinerung – sind von Anfang an zu nachgiebig “den Türken” – ausnahmsweise ” ” ” – gegenüber gewesen. Das fing schon mit den überzogenen Sommerferien an. Egal, welche Argumente die türkische Seite vorbrachte ( lange Fahrt, Oma todkrank etc.-), die Schule hätte das Überziehen unter keinen Umständen durchgehen lassen sollen. Und wenn die Sippe doch früher aufbrach oder später zurückkam, dann eine Geldbuße.

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