Lesen und andere Malaisen

„Wolfgang Herrndorf hat vor einigen Jahren einige seiner Lieblingskinderbücher noch einmal gelesen, um zu sehen, ob sie so gut waren, wie er sie in Erinnerung hatte….“ Ich stocke. Wie trübe mich die Schüler meiner zehnten Klasse ansehen!
Herrndorf…hatte der nix anderes zu tun? Kinderbücher LESEN? Hatte der keine Freude? Und keine Hobbies? So ein Autor – in den Augen meiner Schüler ein völlig überbewertetes Wesen.
„Er hat zum Beispiel ‘Huckleberry Finn’ noch einmal gelesen. Kennt das jemand?“ Drei, vier Finger gehen hoch. Immerhin. Bestimmt gibt es Klassen, in denen sich keiner meldet.
„Er hat versucht die Elemente seiner Lieblingsbücher, also Eliminierung der erwachsenen Bezugspersonen, große Reise, großes Wasser in seinem modernen Roadmovie ‘Tschick’…“
Hüssein liegt mit dem Kopf auf dem Tisch und Leons Augen sind fast geschlossen. Scheint ja voll aufregend zu sein, was ich da von mir gebe.
Na ja, es ist erste Stunde, draußen wird es langsam hell und die Gehirne sind noch nicht auf Betriebstemperatur.
Aber auch in der zweiten Stunde wird es nicht besser. Grammatik. Interessiert keinen Toten. Auch nicht die Lebenden, die vor mir sitzen und bald Prüfung haben.
Leicht frustriert verlasse ich beim Klingeln den Klassenraum. Da setzt man sich nun sonntags stundenlang hin um sich gut vorzubereiten und die Klientel gähnt zum Dank (wenigstens nicht laut, sondern unterdrückt).

Dann rauf zu unserer Brut…
Karl hängt den Lichtervorhang ins mittlere Fenster unserer Klasse und die undankbaren Kinder meckern, weil er nicht blinkt (der Vorhang – nicht Karl!)
Ich zaubere den Adventskranz aus der Plastiktüte – Gisun und Hülya schreien auf und wollen einen Baum.
Alle reden von einem Julklapp, aber Osman möchte keine Geschenke kaufen, nur welche erhalten. (Osman sollte lieber Osbaby heißen, so kindisch und trotzig, wie er sich heute verhält!)
Gürcan erzählt angewidert, dass in der Grundschule „Bücher“ (igittigitt) verschenkt wurden. Aylin lobt ihre Grundschullehrerin, die IMMER selbst gebackene Plätzchen mitbrachte.
Hamudi will keine Plätzchen essen, aber er befürwortet eine mehrstündige Weihnachtsfeier wegen des Unterrichtsausfalls.
Diese undankbaren Geschöpfe!

Schnell in die Aula. Jetzt ist Theater dran. Die dritte Doppelstunde heute.
Tragödie!
Jammernde Kinder empfangen mich. Die beiden Ahmets sind besonders schlimm dran. Sie reiben sich in einer Tour die Augen und behaupten blind zu sein, denn irgend ein Depp habe auf dem Hof Pfefferspray gesprüht. Ich schicke sie weg zum Augenausspülen, obwohl ihre Augen nicht rot sind und auch nicht tränen. Sicher ist sicher – aber vielleicht sind sie auch nur bessere Schauspieler, als ich denke. Auch gut.

Dann noch eine Stunde im Lehrerzimmer herumlungern, bisschen vorbereiten, bisschen kopieren, bisschen quatschen, bisschen aufräumen. Psychohygiene.

Und jetzt noch einkaufen. Das muss leider sein.
Auf dem Parkplatz des Discounters stelle ich fest: Mein Portemonnaie liegt noch in der Schule. Mist!
Also zurück! Draußen wird es dunkel, vor der Schule gibt es keinen Parkplatz und der Montag ist noch nicht zu Ende.

Aber ich.

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23 Antworten zu Lesen und andere Malaisen

  1. inneres Stimmchen schreibt:

    Halloooo Alltaaaaaaaaaag!
    Na? Von so nem Tag haben sie doch geträumt als ihr Knie im Urlaub war, oder?! ;)

  2. Ich finde ja, in fast jedem Beitrag hier ist von großem schauspielerischem Talent die Rede – das auf die ein oder andere Art eingesetzt wird. Die Weihnachtsaufführung der Schule – wenn es denn eine gibt – würde ich ja schon gerne sehen….;-)

  3. 360hcopa schreibt:

    Ein Trost, das auch andere leiden….60 Minuten in Hotlines heute langen mir…..wir lassen uns aber nicht unterkriegen.Ist Pflicht!!!

  4. Pepe schreibt:

    Darf ich fragen, woher du den Text über herrendorf hast?

  5. puzzle schreibt:

    Ganz aufrichtig gesagt hasse ich es auch, zuzuhören, wenn andere Erwachsene über ihre nochmals wieder gelesenen Kinderbücher Abhandlungen verfassen, und mir damit meine (dieselben – nein: die gleichen) eigenen Erinnerungen zerstören. Mit Freunden darüber zu sprechen, ist etwas anderes, aber zu literarischem, filmischem Edelstoff verarbeitet in der Hoffnung aus den Kindern von damals die Zuschauer von heute rekrutieren zu können – ohne mich. Und auch, wenn Ihre Klasse darüber etwas anderes oder gar nichts gedacht haben sollte: sie haben meine herzlichste Zustimmung.

  6. Geht mir mehr als ähnlich, nur die Schülernamen tauschen, dann ist ´s mein Unterricht. :)

  7. Jürgen schreibt:

    Solche Tage gibt es, hoffentlich läutet dieser nicht eine solche Woche ein. Das wäre das Gegenteil von prima.

  8. nadineswelt schreibt:

    Mr Murphy und sein law sind einfach furchtbar!!!

  9. badading schreibt:

    wir machen auch Julklapp an unserer Schule, nur dass es hier Wichteln heißt. Finde ich auch eigentlich ganz cool, aber ich hab meinen Lehrer gezogen. Irgendwelche Vorschläge, was bei Ihren männlichen Kollegen da ganz gut ankommen würde? :)

    • frlkrise schreibt:

      Haha! Am besten irgend einen coolen Stift oder so. Einen Kuli, den man radieren kann oder einen ROTSTIFT. Lehrer sind ja so bedürfnislose Wesen….

    • kecks schreibt:

      …wenn du programmatisch langweilig sein willst: packung plätzchen, selbstgemacht oder vom bäcker. progressiv: einen strauß rotstifte.

      wir haben mal dem immer den gleichen pullover spazierentragenden deutschlehrer in der oberstufe beim wichteln ( bayrisch für julkapp) kollektiv einen neuen pulli in ähnlichem muster geschenkt. den trug er dann bis zu unserem abitur fast ebenso religiös wie den alten davor.

  10. Zaphod schreibt:

    „Kevin A. hat vor einigen Jahren einige seiner Lieblingscomputerspiele noch einmal gedaddelt, um zu sehen, ob sie so gut waren, wie er sie in Erinnerung hatte….“
    Damit hätten Sie deutlich mehr Interesse geweckt :D.

  11. frauhilde schreibt:

    Oh je, armes Frl. Krise!
    So Tage braucht kein Mensch.
    Und ein Lehrer eigentlich auch nicht…

  12. michael schreibt:

    >… aber er befürwortet eine mehrstündige Weihnachtsfeier wegen des Unterrichtsausfalls….

    Und dann feiert man am besten für sich zu Hause, so einem danach ist. Macht einen freien Tag mehr.

  13. Linn schreibt:

    Wenigstens ist das mit dem fehlenden Portemonnaie noch auf dem Parkplatz aufgefallen und nicht erst an der Kasse.

  14. irene dietrich schreibt:

    Danke für Ihre Schilderung – und mittlerweile stelle ich fest, dass auch viele Erwachsene der Leitlinie “Lesen wird völlig überbewertet” frönen und Einkaufszentren ohne Buchhandlungen kommen in der Realität auch schon vor.

  15. fraufreitag schreibt:

    was habt ihr denn alle? Die stunden liefen doch super. bei mir war vielleicht scheiße heute.

  16. Lea Wahode schreibt:

    Tschik ist soooooo ein tolles Buch! Wunderbar!

  17. marada schreibt:

    Ich habe es vor den Sommerferien mit meiner damaligen 7. gelesen (allerdings Giminasium) und es hat voll viel Spaß gemacht….

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