Weiße Scheiße

Tafel putzen ist mein Hobby. Ich liebe es, wenn vor mir eine saubere glatte grüne Fläche entsteht, die: „Beschreib mich!“ schreit.
Leider haben wir kein Waschbecken im Klassenraum, nur einen ollen Eimer. Wir holen uns immer Wasser aus dem Kunstraum nebenan, d.h. ICH hole Wasser… Manchmal hole ich auch keins und dann beherbergt der Eimer nach ein paar Tagen eine trübe Flüssigkeit mit kleinen oder größeren Kolonien von Ichweißnichtwas. Bevor ich in Pension gehe, muss ich noch mal unbedingt das Mikroskop in den Eimer reinhalten – vermutlich finde ich eine unbekannte Spezies von Miniviechern.
Heute greife mal wieder mitten im Deutschunterricht in das rote Eimerchen, schon ein bisschen angeekelt ob der Wasserqualität und angele das Schwammtuch heraus. Das wringe ich tapfer aus und erstarre. Meine Hände sind plötzlich mit einer unregelmäßigen, weißen Farbschicht überzogen. Hä? Wo kam die Farbe her? Am Fuße des Wassers sehe ich auch auf dem Eimerboden große weiße Placken und alle Bemühungen, die Farbe wieder ins Schwammtuch zu befördern, scheitern. Das weiße Zeug ist klebrig und klammert sich fest an meine zarte Haut. Da, wo es trocknet – und es trocknet schnell – sitzt es fest wie Beton.
Ich halte die Hände vor mich, gucke wahrscheinlich intelligenzfrei und bin arbeitsunfähig. Die Klasse will sich totlachen.
„Tipp-ex!“ sagt Hamudi.
„Geht nicht ab!“ steuert Musa fachkundig bei.
„Ist von Eren!“ erläutert Gisun.
Ich erwache aus meiner Erstarrung und stürze in den Kunstsaal. Mit Wasser und Seife versuche ich die klebrige Masse von mir lösen, aber die denkt nicht daran.
Also trotte ich mit den weißen klebrigen, aber halbwegs trockenen Händen zurück in die Klasse. Da hat man sich inzwischen die Zeit gut vertrieben: Der Lärmpegel liegt in der Nähe eines startenden Fliegers und mehrere Damen und Herren nutzen die Zwangspause zu körperlichen Übungen wie z. B. Herumrennen und dabei aus Versehen Sachen zu Boden reißen oder schmeißen.
Bei meinem Anblick wird es immerhin gleich ruhiger, vermutlich ist mein Gesichtsausdruck nicht gerade übertrieben freundlich.
„Also, Frl. Krise!“ Eren schiebt sich nach vorne. „Also, äh…mir ist gestern …äh…so Tipp-ex-Fläschen kaputt gegangen und da war auf einmal überall Tipp-ex! Habe ich dann mit Lappen weg geputzt!“
Aha! Jetzt erst fällt mir auf, dass wirklich auf vielen Tischen weiße Flecken sind und auch auf dem Parkett ! Super! Und auf mir auch. Auf der Hose, dem Pulli, den Schuhen und…
„Sie haben weiße Farbe im Haar!“ sagt die Zahnarzthelferin, als sie mir gegen Ende des Nachmittags das „Lätzchen“ umbindet.
Aber sie weiß wenigstens Rat und drückt mir Orangen-Öl zum Reinigen in die Hand.
Jetzt bin ich wieder sauber und dufte vor allem ganz intensiv.
Mir solls recht sein. Ich habe gelesen, dass man, wenn man nach Grapefruit oder anderen Zitrusfrüchten riecht, glatt für zehn Jahre jünger geschätzt wird…
Immerhin etwas!

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29 Antworten zu Weiße Scheiße

  1. frlstreberlin schreibt:

    das ist ja nicht schön. Wieso gibt es keinen Tafelwasserdienst? Bei uns früher in der Realschule gab es immer jemand, der für die Tafelreinigung, den Mülld- und Flaschendienst usw. zuständig war. Und wenn der geschlampt hat, gab’s ärger.

    • frlkrise schreibt:

      Ach, die Dienste… die in Schwung zu halten…! Wir sind eben nicht Realschule.

      • daisy schreibt:

        …und in Haupt putzt Lehrerin selber…
        Hab ich Glück, ich hab ein Waschbecken aber nie Tücher…

      • Kejo111 schreibt:

        Da lobe ich mir die Smartboards, die zunehmend die klassischen Tafeln in meiner Schule verdrängen. Ein Klick, und die Fläche ist leer. Ohne Wasser, ohne Staub, ohne Schwamm oder Lappen. Und der Kreidestaub setzt meiner Stimme nicht mehr zu. Komisch – ich vermisse die gute alte Kreidetafel trotzdem.

      • dfhjhxs schreibt:

        @Kejo:

        Smartboards sind die Pest. Da passt in lesbarer Größe einfach zu wenig drauf und sie machen aus jeder zügigen Handschrift eine Dreckssauklaue. Ich hasse es jedes Mal, wenn ich so nen topmodernen Hörsaal erwische. Die Profs, die die kriegen, haben ja schon Ahnung.davon, aber irgendwas ist trotzdem immer. Und die einzelnen Plätze sind nicht mal mit Strom ausgestattet, damit man auch ja mittendrin keinen Strom für den Laptop mehr hat und original gar nichts.mehr.von den Dingern hat. Scheusslich!

        Je mehr ich in der Uni mit den ganzen technischen Spielereien konfrontiert werde, desto mehr schätze ich ein strukturiertes Tafelbild. Und das liegt nichtmal an den PowerPoint-Grausamkeiten… Unsere modernsten Profs(also die, die die Technik sinnvoll nutzen und nicht auf Krampf alles nutzen, was geht) nutzen klassische Tafel und Beamer und das bringt’s wirklich.

        Hauptvorteil klassisches Tafelbild: das Tempo! Nicht zu schnell, nicht zu langsam.

  2. Olaf aus HH schreibt:

    Mist !! Hätten wir das damals bloß schon gewußt… Tipp-Ex, da hätten wir damals experimentell auch selber drauf kommen können. ;-)
    Na ja – wir haben mal die Klassentür ausgehängt in den Rahmen gestellt (lautes Kabänggbängg beim stolpernden Auftritt des Lehrers zu Beginn der Stunde) oder im Tafelschrank einen Chinaböller mit filterloser Zigarette an der Lunte deponiert (angezündet bei Erscheinen unseres Lehrers am anderen Ende des langen Flures mit ungewissem Zündzeitpunkt, was innerhalb von ca. knapp zehn Minuten die Spannung ins Unerträgliche steigen ließ). Auch haben wir einmal den gefülllten Tafelschwammwassereimer (fünf Liter) oben auf die Klapptafel ausbalanciert hingestellt. Oder kurz vor Unterrichtsbeginn eine schon aufgebaute Versuchsanordnung in Physik oder Chemie etwas modifiziert (Kabel oder Schläuiche umgestöpselt – mal sehen, was passiert…)
    Und derartiges. Aber wissen Sie was ? Wir mochten die meisten unserer Lehrer, das alles war eher so eine Art Streßtest. Wenn die uns ständig testen, wir sie dann auch mal.
    Ja – Ihr Beruf ist gefährlich… ;-)
    Gibt es da eigentlich Zulagen ??

  3. Wendy schreibt:

    Boah – wenn man bei Schwester Edigna sein Handarbeitszeug vergessen hatte mußte man Tafellappen häkeln. Und das war eine fiese Garnmischung – aus lauter einzelnen nähgarndünnen Fäden. Man hat sein Handarbeitszeug nur einmal vergessen!

  4. Jürgen schreibt:

    Wenn Zitrusöle nicht zur Hand sind, tun es auch Pinselreiniger.
    Aber da stinkt man leider 10 Jahre älter, eben kein Jungbrunnen.

  5. Kejo111 schreibt:

    Huch, flüssiges Tipp-Ex? Ich dachte, das wäre so gut wie ausgestorben, wie die Korrekturstreifchen für die Schreibmaschine. Meine Schüler benutzen nur noch Korrekturroller. Ich auch.

  6. Frau Hilde schreibt:

    Ist es aber nicht eigentlich als Fortschritt zu werten, dass Eren den Tipp-Ex nicht einfach dort belassen hat, wo er der Flasche/Tube verlustig ging, sondern immerhin ansatzweise Wegputzwillen gezeigt hat?

  7. inneres Stimmchen schreibt:

    Baaa!Nichdass sie jetzt hier den neuen Dauerbrenner des Lehrerstreiches veröffentlich haben…

  8. dfhjhxs schreibt:

    Organisier doch einen Fensterabzieher. Diese mit Gummilippe. Dann ist die Tafel wenigstens wieder trocken und man sieht die Kreide sofort wieder.

    Und einen zweiten Eimer und einen Schwamm. Dann einen Eimer mit klarem Wasser füllen, den anderen leer lassen. Den Schwamm dann mit der großen Fläche, aber nur ungefähr ein Viertel ins Wasser tauchen und NICHT AUSWRINGEN. Dann die Tafel nass machen und in den leeren Eimer auswringen und den Schwamm in das Fach von der Tafel legen. Dann hast du Suppe im einen Eimer, musst aber nicht reingreifen, und fast klares Wasser im anderen. Die nasse Tafel dann mit dem Abzieher trocknen. Dann das Prinzip natürlich allen Betreffenden schmackhaft machen. Es geht sogar schneller als konventionell saubere Tafel erzeugen und ist um Längen weniger eklig und besser für die Haut, weil du mit der Hand überhaupt nicht mehr ins Wasser musst.

    Eimerchen kriegst du in der Cafeteria wahrscheinlich für lau, Schwamm n Euro, Fensterabzieher vielleicht drei. Muss ja kein Profimodell sein. Hat sich hier in der Gegend extrem schnell verbreitet.

    • rotezora. schreibt:

      Das Verfahren mag gut sein, aber zu kompliziert, das klappt nie, es sei denn, das Tafelwischen wird zur exklusiven Aufgabe der Lehrkörper erklärt. Dann müsste man Eimer, Schwamm und Abstreifer einschließen, und selbst dann wäre ich nicht sicher, ob alle KollegInnen sich an das komplizierte Verfahren halten und alles nach Gebrauch wieder einschließen könnten. Also:Vergiss es. Ein gewisses Maß an Chaos ist nicht zu vermeiden.

      • dfhjhxs schreibt:

        Das klingt nur kompliziert, wenn man es verschriftlicht. Bei uns hat sich das wie gesagt sehr schnell über verschiedenste Schulen verbreitet und ist hauptsächlich Schüleraufgabe.

  9. NähMa! schreibt:

    Pfui Deibel!
    Ich benutze das Synonym “Weisse Scheisse” immer für Schnee. ;o)
    Aber der klebt wenigstens nicht so.
    LG
    Die NähMa!

  10. frl_wunder schreibt:

    Wassereimer im Zimmer? Bei Rumgerenne und Sachen durch die Gegend schmeißen? Mutig, mutig… Bei uns würde der spätestens nach 3 Sekunden durch die Gegend fliegen :D

  11. Fräulein Ratgeber schreibt:

    Besonders liebe ich die Tafel, wenn ich sie vor einer Prüfung nass und trocken wische. Dann sieht so so schön aus. So könnte sie doch immer aussehen… Wir haben übrigens in fast jedem Raum ein Waschbecken, Eimer hasse ich auch, da lass ich die Schüler immer ran :D

  12. pzychobunny schreibt:

    Ich bewundere das Durchhaltevermögen von Lehrern. Ich glaube, das ist ein Job, den man wirklich lieben muss. Wenn ich mit weißen Tipexhänden vor einer Klasse stände, würde ich mich total gedemütigt fühlen und knallrot anlaufen :(

  13. A. Hopfenschauer schreibt:

    “dass man … glatt für zehn Jahre jünger geschätzt wird”

    Tipp-Ex für alle!!!

  14. tut nix zur Sache... schreibt:

    Zum Thema Tafelwischen:

  15. Roland_09 schreibt:

    [...]“Ich habe gelesen, dass man, wenn man nach Grapefruit oder anderen Zitrusfrüchten riecht, glatt für zehn Jahre jünger geschätzt wird…”

    Blogschreiben soll da auch ganz ungemein helfen, mit bis zu zwei- oder dreimal so starkem Verjüngungseffekt. Der alte Juan Ponce de León wäre vor Neid erblasst…

  16. sdiekmannphotography schreibt:

    Was Pension? Warum Pension?
    Seit einer Woche lese ich in jeder freien Minute diesen Blog von vorne bis hinten und lasse sogar meine geliebten Bücher dafür liegen. Und nun wollen Sie einfach in Pension gehen…

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