Hä? Wie jetzt?

Ich habe jetzt ziemlich viel Zeit. Ich könnte alles in Ruhe und nacheinander machen. Aber nein, ich erwische mich dabei, wie ich mir die Zähne putze (elektrisch) und gleichzeitig Handtücher vom Wäscheständer nehme und zusammenlege. Während ich mit der Rechten in einem Topf rühre, räume ich mit links eine Schublade auf. Beim Telefonieren erledige ich gerne Hausarbeiten, die ich hasse, wie zum Beispiel das Ausräumen der Spülmaschine. Überhaupt versuche ich, wenn ich irgendwelche Haushaltssachen erledige, noch etwas Sinnvolles nebenher zu machen.

In der Schule ist noch viel schlimmer mit der Gleichzeitigkeit. Wenn man sich nur auf eine Sache konzentrieren würde, könnte man den Unterricht auch komplett knicken. Also: mit dem linken Auge Ahmad beobachten (Wann fängt der endlich an zu arbeiten?) Mit dem anderen Auge Sina und Sara streng ansehen (Wimperntuschen im Unterricht ist verboten), dabei abwägen, ob der Lärmpegel für die Gruppenarbeit noch angemessen oder schon katastrophal ist, registrieren, dass Tammy zu spät erscheint, Momo antippen (er scheint zu schlafen) und dabei Jussuf ins Logbuch schreiben, dass seine Ane dringend in die Schule kommen soll.

Janein, ich will mich gar nicht rühmen, aber Multitasking ist eine meiner leichtesten Übungen. Das sagt sogar Männe – der kann nicht mal Zeitung lesen und sich dabei mit mir unterhalten. Tzzzz.

Bloß bei der Krankengymnastik – da klappt das gar nicht. Da läuft das so:

Frau Kurz, meine junge nette Physiotherapeutin gibt mir genaue Anweisungen, was ich machen soll. Hört sich ganz einfach an.
Ich soll z.B. auf der Seite liegen, einen Arm langmachen, versteckte Muskeln tief im Unterbauch – von deren Existenz ich bisher nichts ahnte – anspannen, dabei die Fersen zusammenpressen, die Knie auch, dann ein Knie abheben, das Bein langsam hochheben, leicht drehen…
“Nicht das Becken verschieben!“ mahnt Frau Kurz.
Huch, das Becken….wer denkt schon an das Becken… also zurück damit. Wo ist das Bein geblieben?
“Das Bein schön drehen! Und die Spannung im Bauch nicht vergessen!“ Frau Kurz bohrt mir ihre Zeigefinger in den Bauch. Sie will kontrollieren, ob da Muskeln wie kleine Bälle hervortreten. Sie scheint nichts zu fühlen und bohrt etwas fester. Leider bin ich fürchterlich kitzelig und sofort bricht jedwede Spannung – so sie denn überhaupt vorhanden war – zusammen. Und mein Bein, das bammelt irgendwo, nur nicht da, wo es soll.
Frau Kurz lächelt verzeihend. „Noch einmal von vorne,“ befiehlt sie.
Muskeln anspannen, Fersen zusammen, ein Knie anheben, nicht kippen, das Bein anheben und…
„Das Atmen nicht vergessen!“ Frau Kurz scheint immer Angst zu haben, ich könnte ersticken.
“JETZT ausatmen und wieder einatmen!“
Also fix nach Luft schnappen, dabei sollte ich schon wieder ausatmen… und wo ist eigentlich die Spannung im Bauch hin?
Die ist in den Po gerutscht.
Was will sie da?
Frau Kurz seufzt ein bisschen.
Himmel! Ich geb mir ja schon alle Mühe, aber das Bein wackelt auf einmal wie ein Lämmerschwanz und die Leitung zwischen Hirn und Bauchmuskeln steht auch nicht sicher.
„Noch einmal!“ Frau Kurz treibt mich unbarmherzig an. Und noch einmal! Und noch einmal…
„Pause! Wie fühlt sich die Übung für Sie an, Frl. Krise?“ fragt Frau Kurz.
„Äh…ich muss an so vieles auf einmal denken,“ sage ich kleinlaut und schiele auf die Uhr. Wie ein Schüler.
„Das können Sie ja mal zu Hause üben,“ regt Frau Kurz an und ich nicke gehorsam.
Hausaufgaben! Auch das noch! Ich befürchte, ich behalte das alles nicht! Wie war das noch gleich? Auf die Seite, Fersen zusamm…
„Nächste Übung!“
Ich mag es viel lieber, wenn ich gemütlich daliegen darf und Frau Kurz sich an meinem Knie abarbeitet. Manuelle Therapie, nennt sie das. Das gefällt mir. Dann stelle ich auf einmal fest, wie gut in der kleinen Praxis riecht und wie warm es ist und…
„So. Frl. Krise, jetzt mal hinsetzen. Die Füße genau unter….“
Frau Kurz hat offensichtlich noch einiges auf Lager. Ich ergebe mich in mein Schicksal.
Bloß, wie ich das mit den Hausaufgaben schaffen soll…

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26 Antworten zu Hä? Wie jetzt?

  1. Blogolade schreibt:

    GENAU SO wars immer bei mir, wenn ich bei der Krankengymnastik war. Und dieses blöde Atmen dabei immer. Ich hab immer gesagt, dass ich ganz leise geatmet habe. In Wirklichkeit habe ich vor Anspannung die Luft angehalten. Man kann ja nicht an alles denken.

  2. Barkai schreibt:

    viel Glück und/oder erfolg bei der Krankengymnastik.
    immerhin verlängt meine Physiotherapeutin keine bestimmten Atemtechniken, aber Hausaufgaben kriege ich auch…

  3. frauvau schreibt:

    Krankengymnastik ist blöd.. außer wenn man geturnt wird.. weiterhin gute Besserung! Sie können auch gleichzeitig gesund werden und bloggen ;-) noch so ein Beispiel fürs Multitasking!

  4. Rocky G. schreibt:

    Hallo Frl. Krise, entschuldigen Sie den Beitrag, so unpassend unter einem Ihrer Artikel – wo es doch um das Buch und die BILD geht. Ich dachte, das passt hier wenigstens zeitlich auf den Bild.de – Artikel.
    Zunächst mal, Glückwunsch, dass Ihr unterhaltsamer und auch, wie ich finde, Toleranz-schaffender Blog dadurch mehr Aufmerksamkeit erlangen mag. Nun frage mich aber… Wollten Sie wirklich “abrechnen”?
    Ich musste schmunzeln bei „Siekannsichnichtdurchsetzen“ aber bei BILD klingt das alles weitaus kritischer, ich stelle mir bei solchen Sätzen eher ein Augenzwinkern vor. Ich finde die von der BILD gewählten Textpassage ja nicht mal schlecht gewählt, aber das bekommt durch die Kopfzeile schon so einen faden Beigeschmack…
    Was ich fragen möchte: Auf mich macht es den Eindruck, als ob Sie von der BILD ähnlich wie Heinz Buschkowsky behandelt werden, einer der mit dem Finger zeigt. Ist das meine allergische Reaktion auf den Stil der BILD oder ist das auch von Ihnen so gewollt?

    • frlkrise schreibt:

      Mein Verlag und ich haben mit diesem Artikel NICHTS zu tun. Ich wurde davon eben komplett überrascht.
      Bild ist überhaupt nicht meine Wahl, wenn es darum geht, das Buch in die Öffentlichkeit zu bringen!
      Abrechnung – so’n Quatsch!

  5. Evanesca Feuerblut schreibt:

    Gute Besserung, Fräulein Krise! Die Krankengymnastik klingt ja eher nach Schufterei als nach Entspannung… *seufz*

  6. Ulla39 schreibt:

    Liebe Krisi, Sie haben doch wirklich Erfahrung im Umgang mit wenig Motivierten! Da kriegen Sie es doch hin, sich zu motivieren und die Hausaufgaben zu machen!! Gute Besserung weiterhin!!!

  7. Katharina schreibt:

    Welches Bild? ;-)

  8. Jürgen schreibt:

    Ich bin bei einer Osteopathin und würde nie mehr zur Massage oder Krankengymnastik gehen. Schade, dass ich Ihnen die Dame nicht empfehlen kann. Schon allein der gute Geruch und die wunderbaren Blumen in der Praxis. Unter ihren Händen schlafe ich ein und sie behandelt mich, ich bin natürlich total entspannt…

  9. OP-Tisch-Pilotin schreibt:

    das kenne ich zur genüge. :D am schlimmsten sind übungen, in denen man im sogenannten “vierfüßlerstand” sämtliche verrenkungen machen muss.

  10. kuestensocke schreibt:

    Klasse Geschichte! Ging mir auch so bei der Krankengymnastik – voll öde und diese ganzen Anweisungen… Sitzhöcker zusammenziehen… hä, was das ;-) mit den komischen Begriffen … Und dann diese Minibewegungen, null Action … als ich 14 war hatte ich dann keine Luste die Krankengymnastik- Hausaufgaben zu machen. Bin seit dem gut ohne Krankengymnastik ausgekommen. Glück gehabt.
    Gute Besserung wünsche ich Ihnen!

  11. Olaf aus HH schreibt:

    Frollein Krise,
    so richtig weiß ich jetzt (auch) nicht so wirklich, was ich gerade jetzt schreiben oder so ganz fein-elektric/ str- / onic machen soll, obwohl ich Ihre Heilung soo sehr gern mit bewirken / befördern; möchte, so daß antwortungsvoll per SanftvonMagnetmeinerImpulsverbindung im Stromnetz der Konsumstadt dieses befördert/ veranlaßt wird zu klappern und zu scheppern.
    No – I’m clear in mind.

  12. irashanau schreibt:

    So ähnlich wie Ihnen bei der Krankengymnastik geht es mir auch immer in meinem Aerobic-Kurs. Man muss immer so viel auf einmal machen und alle möglichen Muskeln und Körperteile koordinieren. Wenn man dann einmal denkt, alles passt zusammen, hat man etwas anderes schon längst wieder ausgeblendet. Und während man sich mit den Übungen quält, lächelt die Trainerin so nett, dass man ihr nicht böse sein kann. :-)

  13. nadineswelt schreibt:

    Boah, bei meiner letzten manuellen Therapie hab ich mir Krankengymnastik gewünscht. Von wegen manuelle Therapie entspannt. Die kleine schmale Frau hat mir jede Muskelfaser einzeln rausgerissen! Ich schwör!

  14. jeykeyonline schreibt:

    Schön zu sehen, dass man nicht alleine an diesen Übungen verzweifelt. Das erinnert mich an das Erstellen von Bewerbungsfotos oder Passbildern: Den Kopf bitte vorziehen, leicht nach rechts drehen, nicht zu sehr, sehr gut, die linke Schulter zurück, heben sie jetzt etwas das Kinn, den rechten Arm nach vorne legen, wunderbar. Hat man diese Anleitung zur optimalen Ablichtung, die sogar ein leichtes Doppelkinn durch Posing retuschiert, erfolgreich gemeistert, zerfallen die Spannung und das schöne Bild, sobald der Fotograf seine letzte Anweisung gibt: und jetzt ganz natürlich!

  15. inneres Stimmchen schreibt:

    haha Frl Krise stellen sie sich mal vor sie hätten eine Anatomie wie Shiva der Glücksbringer (immerhin:ein glückliches Lachen entfährt mir immer bei ihren Artikeln- da wären mehrere Arme jetzt nur logisch haha) und sie selbige auch noch sortieren müssten XD

  16. IceQueen37 schreibt:

    Vor sechs Jahren habe ich Ähnliches erlebt. Wenn mich meine Erinnerungen nicht trügen, dann hatte ich bis dahin noch nie einen Bauchmuskelkater gehabt. Immer hübsch auf dem Steißbein balancieren und nur ja nicht die Anspannung verlieren! ” Nun die Beine noch 5 Sekunden kurz über dem Boden halten und die Füße strecken!” Puh! Wann ist die Zeit endlich um? Ich hatte noch nie so schwer geschuftet. “Und das Atmen nicht vergessen!” :D
    Gute Besserung!

  17. Andy Delario schreibt:

    Jaja, Fräuleins in der zivilisierten Welt haben schwerwiegende Probleme :)

  18. Ulla39 schreibt:

    So geht’s aber nicht, liebe Krisi. Haben Sie nicht “viel Zeit”? Also auch zum Schreiben, wir wollen was lesen!!!

  19. Flutopfer schreibt:

    Das Multitasking-Talent vor allem im Haushalt kenne ich auch: Gemüse schneiden, Kühlschrank säubern, nebenher Kuchen backen und telefonieren … Ich denke auch, dass das eine typische Kompetenz des Lehrers ist … Vor allem beim Betreten des Raumes werden so viele Dinge von einem abverlangt: Konflikte der Pause klären, Tafelabwischer finden, Lüften, Lärmpegel runterschrauben, Platz einrichten, Materialien sortieren oder Unterricht planen … Aber vielleicht kannst du ja die Übungen, die du zuhause machen sollst, gleich mit der Hausarbeit verbinden … vielleicht beim Bügeln, Fensterputzen oder Schnippeln des Gemüses ?! ;)

  20. nicabel schreibt:

    Multitasking ist wichtig, z.B. wenn man gleichzeitig schreiben und dem Prof zuhören muss. Und im Kopf Alles ins Deutsche übersetzten.
    Gute Besserung Ihnen!

  21. Stefan schreibt:

    Herzliches Beileid von jemandem, der den Knie-Mist leider gut kennt.

    Nehmen Sie sich das Zitat von meiner Physiotherapeutin zu Herzen:

    “Sie ham jetz Knie. Seinse froh, wenn dit so bleibt wie et jetz is.”

    (Seinse froh. Und schreibense weiter! Schreiben ist eins der schönen Dinge, die auch ohne Knie gehen. Gibts zum Glück zahlreich.)

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