Nobody is perfect

Vertretung. Ich gehe zusammen mit Kollegin Wacker in den Berufsvorbereitungs-unterricht eines zehnten Schuljahrs. Irgend ein Kollege hat schon die Tür des Klassenraums aufgeschlossen und die Schüler stehen in der Nähe des Pultes, dicht um Jihad gescharrt.
„Gibt’s da was umsonst ?“ erkundigt sich Frau Wacker und deponiert ihre Sachen auf dem Pult.
„Was machen Sie denn hier, Frl. Krise?“ fragt Sascha – sehr durchsichtig! Er will uns wahrscheinlich ablenken.
„Vertretung für Herrn Schmidt,“ sage ich. „Was habt ihr da?“
„Nichts, nichts!“ Jihad versucht unauffällig einen Gegenstand in seiner Hosentasche verschwinden zu lassen.
„Das kann ja nur ein Handy sein!“ stellt Frau Wacker fest. „Gib mal her!“ Die Benutzung von Handys ist auf dem Schulgelände verboten! Erwischt man eins, kann man es einziehen und der Schüler bekommt es frühestens am nächsten Tag wieder.
Jihad zögert. „Frau Wacker, nehmen Sie mir nicht ab! Ist ganz neu! Hab ich erst gestern bekommen – iPhone 3, das kann sprechen!“
„Na und!?“ Frau Wacker ist eisern. „Gib bitte her!“
„Das hat Sprecherkennung! Frau Wacker, wollen Sie mal sehen? Aber nicht abnehmen! Bitte! Das kann auch Fragen beantworten und so reden mit Sie!“
„Das fehlte mir gerade noch, dass ich mich mit euren Handys unterhalten muss!“ Frau Wacker muss lachen. „Na, zeig mal her, was das kann,“ sagt sie schließlich und blinzelt mir zu.
Jihad zieht etwas zögernd das iPhone aus der Tasche. Diesen Lehrern kann man nicht trauen… nachher ist man es doch los…
„Soll ich jetzt was sagen in das Handy?“ fragt er und geht schon in Position.
„Frag mal das Handy, was das ist: Sozialversicherung!“ schlägt Frau Wacker vor. Dieses Thema ist nämlich im Unterricht gerade dran.
„Ok. Moment. S o z i a l v e r s i c h e r u n g,“ sagt Jihad zu seinem Handy und zwar so deutlich er kann.
„ICH HABE SIE NICHT VERSTANDEN!“ antwortet das Handy kühl.
Jihad guckt verdutzt und wir grinsen. Er blickt sich suchend um und reicht Sascha sein iPhone.
„Sag du ihm mal ‘Sozialversicherung’!“ fordert er ihn auf. „Du sprichst besser Deutsch!“
Sascha räuspert sich und holt tief Luft. „S o z i a l v e r s i c h e r u n g“ ruft er dann betont akzentuiert.
„DIESER PFAD IST UNBEKANNT,“ teilt das Handy störrisch mit.
Wir lachen. „Tolle Spracherkennung!“ meint Frau Wacker.
„Warten Sie!“ Jihat ist beleidigt. Er geht um die Ehre seines Handys! „Sonst geht es immer,“ beteuert er. „Ich versuch noch mal. Ich sag irgendwas, ja?“
Wir nicken und stoßen uns mit den Ellenbogen an.
„Ich liebe dich!“ haucht Jihat ins neue iPhone 3 und das ist sicher nicht mal gelogen.

Das Handy schweigt einen Moment und sagt dann mit einem Anflug von Verständnis: „WOLKE SIEBEN!“

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51 Antworten zu Nobody is perfect

  1. Macujuha schreibt:

    höhö :) wenn man “willst du mich heiraten?” fragt, bekommt man sowas als Antwort:
    “Über eine Heirat mit ihrem Apple-Produkt ist in der Endnutzerlinzenz nichts enthalten. Lass uns doch einfach Freunde sein.” :D

  2. Ich eben wer sonst schreibt:

    Oh Frl. Krise, ich musste so an dieses Video denken ;)

  3. Olaf schreibt:

    Dolles Ding !
    Können Sie noch einen Test machen ? Was antwortet der Apparat iPhone 3, wenn man “Wolke sieben” sagt ? “Ich liebe Dich ?” oder “dieser Pfad ist unbekannt” ?
    Und was passiert, wenn man zwei dieser Dinger miteinander sich “unterhalten” läßt ? Ich kann mir das sehr unterhaltsam dämlich vorstellen. ;-)
    Wäre das u. U. eine Idee für eine Unterrichtseinheit dazu, wie blöde und hilflos solche Apparate sind ?

    • vomrhi schreibt:

      Naja, soo blöde und hilflos sind die Dinger gar nicht. Klar, es sind “nur” Automaten, aber die Spracherkennung und -verarbeitung bei den neuen iPhones ist schon sehr beeindruckend, und sie haben das ganze Wissen des Internets. (Das iPhone3 kann übrigens nicht wirklich reden, nur das neue 4s).
      Schaut euch einmal ein paar der zahllosen “Siri-Videos” an. Außer zum Angeben ist es auch nützlich, wenn man am Steuer sitzt oder die Hände voll Kuchenteig/Farbe/Blumenerde hat … ich habe das nicht und brauche es auch nicht wirklich. Aber ich bin wirklich beeindruckt.

    • rockme1x1 schreibt:

      jaaaa, zwei solche dingens aufeinander hetzen! wie lange dauert es dann wohl, bis das gesamte internet lahmgelegt ist, weil sich irgendwas verselbständigt? :-)

  4. kamerakidz schreibt:

    haha, danke für’s lachen!

  5. Täterin schreibt:

    Haha, das erinnert mich an die Sprachwahl des Handys eines Freundes vor ein paar Jahren.
    Stolz kalibrierte er im Auto die Einstellungen, sprach ein paar Beispiele ein und testete dann das Ganze voller Überzeugung. Mit lauter Stimme sprach er: “EINGABE” und das Handy antwortete freundlich: “Wen möchten Sie anrufen?” Er nannte den Namen eines Anwesenden um dessen Handy zum Testanruf zu wählen: “OLLI!” Fröhlich antwortete das Handy: “Anrufen: MAMA.”
    Wir lagen vor lachen auf den Sitzen und auch nach mehreren Neuversuchen und erneutem Einsprechen der Namen wollte das Handy ausschließlich seine Mutter anrufen…

    • Olaf schreibt:

      Solch einen Freund habe ich auch einmal vor etlichen Jahren erlebt – er führte mir stolz und sehr begeistert sein neues Auto vor – mit Bordcomputer. Alles war registriert – auch der Durchschnittsverbrauch (damals ca. 9, xx ltr/ 100 km/h und vor allem die beeindruckende Durchschnittsgeschwindigkeit im Hamburger Stadtgebiet… 28, xx km/ h – das hätte man auch besser auf Liter pro Stunde umrechnen oder per Fahrrad erreichen können).
      Als ich nach dieser Vorführung in intimer Atmosphäre herzhaft gelacht hatte, war irgendetwas anders. Leicht frostig.
      Seit etwa 12 Jahren sind wir nicht mehr im Kontakt…
      Ich wage zu sagen: An mir hat es nicht gelegen.

  6. leBaguette@web.de schreibt:

    4s wenn schon

  7. Mascha schreibt:

    Und wofür ist das gut?

  8. rhadamanthys schreibt:

    Die Pointe fehlt noch, hat das Handy dann Tschüss zu Jihad gesagt?

  9. hajo schreibt:

    immehin benötigt selbst so ein Teil eine gewisse Bedenkzeit ;-)

    • frlkrise schreibt:

      Der Name ist nicht so selten. Ein J., den ich kenne heißt so, weil sein Opa so heißt. Die Bedeutung, soweit ich weiß: “die Anstrengung, der Kampf gegen sich selbst, Bemühung…und nicht Hl. Krieg.

      • Ulla 39 schreibt:

        Danke, Krisi, so ist es!

      • Kejo111 schreibt:

        Jo, auch wenn solche Namen erstmal bei uns Erstaunen hervorrufen, weil wir die eigentliche Bedeutung nicht kennen – sie sind nicht selten. Ich hatte auch schon mehrere Jihads und auch einige Schüler, die Arafat und Ramazan hießen … einer der Arafats hatte leider am ersten Tag Ärger mit einem Kollegen, der ernsthaft glaubte, er wolle ihn verarschen. *seufz*

        Zu den Handys: Die Kids freuen sich natürlich, wenn man Interesse für ihre Handys und deren technischen Schnickschnack zeigt. Aber im Großen und Ganzen sind die Dinger lästig, störend und einfach nervig … bei uns sind sie nur im Unterricht verboten. Ohne allzu große Wirkung. Immer wieder kassiere ich welche ein oder muss mich mit Schülern rumärgern, die sich hartnäckig weigern, das Handy auszuhändigen, obwohl die Regeln sehr klar sind.

      • fast-wurzelkind schreibt:

        Danke für die Aufklärung, ich war der festen Annahme, dass es hlg.Krieg heißt, man kann halt immer wieder was lernen in so einem Lehrerblog :)
        Rechnen (hexadezimal..), Sprachen (arab.)

  10. RogueEconomist schreibt:

    Mein Telefon kann sowas auch. Allerdings muss man es erst “ansprechen” damit es weiss das es was zu tun gibt. Ich persönlich finde das aber reichlich albern und überflüssig. Allein der Gedanke, dass mich jemand dabei sieht und hört wie ich mit meinem Handy rede… Nee danke.

    • Kejo111 schreibt:

      ‘Allein der Gedanke, dass mich jemand dabei sieht und hört wie ich mit meinem Handy rede’ – ich kann mich bis heute nicht daran gewöhnen, dass ich *laufend* Menschen begegne, die scheinbar mit sich selbst reden – es dauert einen Moment, bis ich wahrnehme, dass sie z. B. ein Headset benutzen.

      Mich schaudert’s immer ein wenig, ich finde das grässlich.

  11. binewin schreibt:

    liebe(s?) frl. krise,
    dein blog ist wirklich wunderbar!
    ich lese total gerne abends was bei euch so los war – obwohl (oder weil?) ich selber auch aus der schule komme!
    (allerdings habe ich eine etwas andere zusammensetzung der schüler: prenzlauer berg/ grenze wedding)
    ich wollte einfach mal sagen, dass ich deine art, deine schüler so liebevoll/ kritisch zu beschreiben sehr mag.
    ich hoffe es ist okay für dich, dass ich dich heute auf meinem blog verlinkt habe? (dürftest du natürlich auch… gibt einen privaten und einen schul-kunst-artigen)
    wenn nicht, nehm ich den link wieder runter.

    viele grüße,
    sabine

  12. maldrueberreden schreibt:

    Nicht sehr orgineller Name für eine Schülerfigur ‘Jihad’… :) Aber diese Story um so mehr…

  13. HarryHirsch schreibt:

    Welch ein Thema! Die UTube-Filmchen sind gar köstlich. Das iPad als Küchenbrettchen – ich faß es nicht…
    Habe – natürlich – sofort ausprobiert, was mein iPhone (4S, by the way) antwortet, wenn ich zu Siri sage “Ich liebe Dich.” Nach dem letzten Update heißt es jetzt: “Das ist nett. Können wir jetzt weiterarbeiten?” Siri scheint demnach lernfähig. Probiert’s mal aus! Und ich habe mir vorgenommen, demnächst meine Schüler-iPhones miteinander ins Gespräch zu bringen. Hai, das wird was werden – man gönnt sich ja sonst nix….
    Noch was zu den Namen: Ich kenne einen Jihad und einen Osama, beiden ist das zuweilen nicht gerade angenehm, wie ich feststellen mußte. Ich kann mich aber auch an einen Manolito erinnern. Zugegeben, das ist schon eine Weile her. Da waren die Eltern eben Fans einer Western-Serie: The times they are-a changing…..

  14. Jens schreibt:

    Hallo,

    ja die gute `alte` neue Technik, manchmal versagt sie noch. Doch auch das werden Apple und die anderen Handyhersteller noch schaffen.

    Deutsch ist halt nicht die Weltsprache Nummer 1 und so müssen wir uns zum Glück noch ein Weilchen gedulden.

    Die Idee ist ja nicht schlecht, führt aber zu einer Kontrolle des Wissens durch die Handy-Hersteller und weiterer großer Firmen. So was kann sehr einseitig werden, da ich mir nicht vorstellen kann, das die Firmen mit diesem weitergegebenen Wissen kein Geld verdienen wollen.

    Aber was ist wirklich besser. Mal ehrlich das Wissen was uns durch die Regierungen und die Kehrpläne vorgegeben wird ist doch auch zum Teil durchaus sehr manipulativ.

    Als Beispiel sind hier Fächer wie Politik, Geschichte, Geografie und Religion bestimmt ganz oben auf der Liste.

    Doch ob das immer nur schlecht oder oftmals sogar gut ist, dass vermag ich auch nicht zu bestimmen.

    Gruß
    Jens

  15. Jens schreibt:

    Hallo,

    die Idee mit der gegenseitigen Handy-Konversation finde ich richtig gut.

    Vielleicht kann man so auch ein interaktives Theaterstück mit Interaktion durch die Zuschauer inszenieren.

    Getreu dem Motto:“ So schieß mir doch das Apple von der Birne … .

    Gruß
    Jens

  16. ninespo schreibt:

    Also das Teil kann schon wahnsinnig hilfreich sein, aber auch wahnsinnig lustig. Eine Freundin hat das auch und jedes mal reagiert die Stimme auf alle Nebengeräusche aber nicht auf sie.Hihi

  17. maldrueberreden schreibt:

    Habe mich etwas dämlich ausgedrückt. Mit “…figur” meinte ich die “freigestellte” reale Person (veränderter Name wg Wiedererkennungswert). Bevor ich die Kommentare hier las, nahm ich an, das jihad für “heiligen krieg” steht…

  18. Stefan K. schreibt:

    Kleinigkeit am Rande, liebes Frl Krise:
    während sie Jihad fast immer mit “d” schreiben, haben sie seinen namen die letzten beiden Male mit “t” geschrieben… ;-)

    Aber vor allem herzlichen Dank für die fast werktäglichen herrlichen Geschichten aus ihrem Alltag!

  19. drcidolphus schreibt:

    Ohja die herrliche neue Spracherkennung des IPhone. In der Werbung sieht das immer so super leicht und toll aus. ;-)

  20. genova68 schreibt:

    Super Geschichte :-) Immerhin weiß ich jetzt, dass es Handys mit Spracherkennung gibt. Ich kann von Djihad etwas lernen.

  21. frlkrise schreibt:

    @ Gerd
    Ich werde deine Kommentare nicht posten:
    Dies ist ein Blog über Schule und Schüler und nicht über Fragen des Islams und des Terrorismus.
    Meine Schüler sind keine Terroristen, nur weil einer Jihad heißt.
    Es gibt mit Sicherheit andere Blogs, auf denen du dich mit den vor dir angesprochenen Fragen und Problemen auseinandersetzen kannst.
    Sorry.

    • binewin schreibt:

      was immer gerd geschrieben hat –
      deine auffassung, die du hier zeigst, finde ich genau richtig, frl. krise!

    • Jared schreibt:

      Sicher darf die Hausherrin bestimmen, welche Kommentare auf ihrem Blog erscheinen, aber weiter oben kam ja die Frage nach der Bedeutung des Wortes Jihad auf (beginnend mit B wird Lehrerin, März 26, 2012 um 7:53 pm). Und die Erklärung, es hieße nur Anstrengung usw. und nicht auch heiliger Krieg, ist einfach falsch. Es gibt fraglos beide Interpretationen, und nur eine davon ist für Nicht-Moslems von Bedeutung. Fast-wurzelkind glaubt nun, etwas gelernt zu haben, weil dies ja ein Lehrerblog ist. Nun, Lehrer machen auch Fehler.

  22. nadineswelt schreibt:

    Und das Händi wurde nicht einkassiert? Vallah, Frl. Krise, is ja voll liiiiiieb!

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